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Filmbesprechung

VOR DER MORGENRÖTE

Buch: Jan Schomburg, Maria Schrader; Regie: Maria Schrader

„Vor der Morgenröte“ handelt vom Gefühl des Privilegiert-Seins. STEFAN ZWEIG (Josef Hader) lebt in Südamerika unbehelligt und in einem Strom der nie abreißenden Huldigung für den berühmten Autoren. Er hat sich mit seiner jungen Frau LOTTE (Aenna Schwarz) rechtzeitig in Sicherheit bringen können, verfügt über genügend Geld und Kontakte und fühlt sich als freier Mann. Konflikte gibt es äußerlich keine. Umso schmerzhafter der Gedanke an all die Verfolgten, Entrechteten, Geknechteten in Europa, denen es nicht so gut geht, denen er helfen will und nicht oder nur mit viel Mühe helfen kann.

Dieses Gefühl der nackten Ohnmacht inmitten eines friedlichen Paradieses durchzieht den Film bis zum Schluss. Die Dramaturgie folgt dem Prinzip mit seltener Konsequenz: denn eigentlich sind fast alle nennenswerten und durchaus denkbaren Konflikte aus dem Drehbuch verbannt. Stefan Zweig wird als enorm sympathischer Mensch gezeichnet, der sich mit liebenswürdigen Menschen umgibt. Einzig mit seiner ersten Frau FRIDERIKE (Barbara Sukowa) kommt es zu einigen etwas schärferen Wortwechseln, die jeweils nur dazu dienen, das Gefühl des bohrenden Schmerzes zu vertiefen: Zweig hält das Mitgefühl nicht aus, sich selbst in Sicherheit zu wissen, während andere kämpfen, verzweifeln, sterben müssen. Die Auseinandersetzungen in New York, zweifellos die erregtesten und intensivsten, weil beziehungsstärksten Passagen befinden sich genau in der Mitte des Films. Darum herum sind konzentrisch Phasen angeordnet, die sich eher der Pflege eines Lebensgefühls widmen, das von Langeweile und Unruhe, von Monotonie und Handlungsohnmacht geprägt ist.

So weist der Erzählmodus von „Vor der Morgenröte“ wenig Ähnlichkeit mit handelsüblichen Biopics auf. Die erzählerische Eigenart besteht darin, sich auf die Schilderung der sonnigen Aspekte der Handlung zu konzentrieren. Das antagonistische Prinzip, nämlich Horror und Schrecken des Krieges, bleibt konsequent ausgespart.

Weder zwischen Zweig und seiner Ehefrau noch sonstigen Weggefährten kommt es zu nennenswerten Spannungen oder Wandlungen. Der Zuschauer wird gewissermaßen selbst in die Situation desjenigen gebracht, der zwar um die Konflikte in der Welt weiß, sie aber nur in sich selbst abrufen kann, weil ihm die Hände gebunden sind. Im Idealfall geht die unerträgliche Spannung der Protagonisten, die im Paradies leben, während anderswo die Hölle tobt, auf den Zuschauer über.

Der einzige Riss, der durch die Geschichte geht, liegt im finalen Selbstmord des Ehepaares. Dieser wird weder angedeutet noch erklärt. An psychologischen Zusammenhängen hat der Film kein Interesse. Der Tod vollzieht sich, und die Filmemacher stehen genauso respektvoll bzw. ratlos davor wie die Zeugen vor Ort. Dieser schwer verständliche destruktive Akt verleiht dem Film die Fallhöhe, die er ansonsten konsequent verweigert.

In der Auseinandersetzung mit dieser Geschichte entwirft der Film einen vielschichtigen Spiegel der Geschehnisse der damaligen, aber auch unserer jetzigen Zeit: denn Zweig starb letztlich am Schmerz darüber, dass der Sieg des Ungeists aus seiner Sicht unabwendbar und unumkehrbar schien. Wer heute über bestimmte Tendenzen der Weltpolitik verzweifeln will, findet darin einen interessanten, aber auch beunruhigenden Spiegel. Wird es möglich sein, bestimmte totalitäre Bewegungen der Jetzt-Zeit effektiver zu stoppen, als das während der Nazi-Zeit der Fall war?!

Aus Sicht von ‚the human factor‘ könnte man aber auch sagen: Stefan Zweig hat seine erzwungene Nicht-Zugehörigkeit zur Welt der Seinen nicht mehr ausgehalten. Die Rolle als isolierter privilegierter Intellektueller im friedlichen Dschungel, der weder eingreifen, helfen oder Stellung beziehen kann, war ihm unerträglich geworden. Ohne die Umwelt, in der seine Arbeit einen Sinn gemacht hätte, konnte oder wollte nicht mehr leben. Wie es ihm allerdings möglich war, seine junge und lebenslustige Frau in diesen destruktiven Sog mit einzubeziehen, dazu macht der Film keine Angaben.

All diese Aspekte transportiert der Film gewiss konsequent und formal schlüssig. Der Preis, den er dafür zahlt, ist aber auch beträchtlich: das Publikum braucht viel Geduld und Einfühlung, um den Mangel an äußerer Handlung, an Konflikt und Steigerung hinzunehmen. Und die schroffe Abwehr jedes Erklärungsversuchs für den Selbstmord stellt die Zuschauer ebenfalls möglicherweise vor Probleme.

Die gewiss eigenartige, zwischen künstlerischer Konsequenz und schroffer Verweigerung pendelnde Dramaturgie wird es schwer machen, dem Film eine ähnlich große Zahl von Zuschauern zu bringen wie etwa der verwandte „Hannah Arendt“. Gleichwohl nötigt die Konsequenz des Verfahrens Respekt ab. Und am Markt ist das Interesse am Erzählgegenstand wie auch dem prominenten Hauptdarsteller sicherlich groß genug, um eine vergleichsweise befriedigende Kinoauswertung zu garantieren.

München, 10.6.16

Roland Zag

 

 

 

Vor der Morgenröte

Quelle: X-Filme