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Filmbesprechung

Was bleibt

Buch: Bernd Lange; Regie: Hans-Christian Schmid

Der Film gehört zur Gruppe jener Filme, die sich gegenwärtig mit dem Thema der psychischen Krankheit beschäftigen (”Die Summe meiner einzelnen Teile”, “Das Fremde in mir”, “Helen” usw.). Dieser Thematik liegt generell die Schwierigkeit zugrunde, dass der Konflikt des Kranken ein innerer ist: wir SEHEN nicht, was psychisch kranke Menschen durchmachen. Zuschauer müssen sich das Wesen des Leidens von außen, indirekt erschließen. “Gesunde” Zuschauer können sich nun mal schwer vorstellen, wie es seelisch “Kranken” geht. Das Wesentliche passiert im Off. An dieser Hürde sind bereits viele Versuche gescheitert.

Das Prinzip des Indirekten verfolgt “Was bleibt” sehr konsequent. Nahezu alle wichtigen, entscheidenden Prozesse passieren im Hintergrund bzw. im Phantasieraum des Zuschauers. Die Oberfläche, die der Film zeigt, gibt nur sehr indirekt Aufschluss über die Prozesse, die eigentlich im Zentrum stehen.

Dies zeigt sich schon daran, wie die polare Grundspannung der Dramaturgie eingeführt wird. Der plot point besteht darin, dass GITTE (Corinna Harfouch) ihrer Familie ankündigt, ihre Tabletten abzusetzen, die sie lange Jahre vor bipolaren (manisch-depressiven) Anfällen bewahrten. Die Grundspannung, die sich daraus ergibt, ist also die der Angst – aber vor etwas, das wir nicht sehen: nämlich Gittes psychotischen Schüben. Die Angst der Familie vor den psychischen Abstürzen der Mutter bleibt nur verbal beschworen. Wir haben keine konkrete Vorstellung, welches Leiden auf Gitte und die Familie zukommen könnte, denn die Mutter verhält sich in den Szenen, die wir sehen, ausgesprochen kontrolliert, intelligent und “normal”. Gittes Abstürze bleiben im Off. Diese indirekte Erzählform fordert dem Zuschauer große Konzentration, große Vorstellungskraft ab.

Dennoch ist diese Angst verständlich: ERNST (Ernst Stötzner), ihr Mann, sieht seine Reise in den nahen Osten gefährdet; JAKOB, der Sohn (Sebastian Zimmler) hält das Verhalten der Mutter für verantwortungslos; einzig MARKO, sein Bruder (Lars Eidinger) hat Mitgefühl. So entfaltet sich zunächst eine sehr klare polare Struktur. Hat Gitte das Recht, sich von den Tabletten zu lösen? Müsste sie nicht zugunsten der Familie auf die Erfüllung ihres Wunsches verzichten? Oder ist es nicht im Gegenteil ganz legitim, ihr den Weg der Selbstbestimmung zuzugestehen? Die brisanten Fragen führen zu nachvollziehbaren Konflikten (auch wenn durch die Existenzsorgen von Jakob noch eine andere Linie verfolgt wird, die den Konflikt verunklart). Zwischenmenschlich sorgen hier vor allem die Szenen zwischen Gitte und Marko für intensive Momente, und auch lichte Augenblicke wie das gemeinsame Singen eines Chansons im Familienkreis entfachen Empathie.

Doch in der Mitte des Films ändert sich alles. Denn auf einmal ist Gitte verschwunden  – und bleibt es bis zum Schluss. Irgendetwas Wichtiges scheint vorgefallen zu sein, das sie erschüttert hat. Aber auch dieses Ereignis (vermutlich die Erkenntnis, dass der Ehemann sie betrügt) bleibt im Off. Nun ist also die Katastrophe eingetreten. Aus der Angst ist Gewissheit geworden  – und die Spannung  somit eine  andere. Neue Fragen stehen im Raum: Wie kann eine Familie den plötzlichen Verlust der Mutter verkraften? Wer war Gitte? Was hat sie sich angetan, und wer trägt Schuld? Der Film hat sich gedreht.

Dieser zweite Teil ist deutlich spannungsvoller: die Konflikte wirken offener. Durch den erst jetzt ans Licht kommenden Ehebruch des Vaters kommt eine neue Qualität ins Spiel. Die Vorwürfe der Kinder richten sich jetzt eher gegen Ernst, und sie werden, anders als die gegenüber der Mutter, wirklich äußerlich ausgetragen. Auch die sinnliche Spannung bei den nächtlichen Suchaktionen ist beträchtlich.

Doch durch den Umschlag der Dramaturgie kommt eine klare Zweiteilung zustande. Die ganz unterschiedlichen Fragestellungen und Konfliktlinien müssen zwangsläufig ein zwiespältiges Gefühl hinterlassen. Kaum ein Bogen wird wirklich gründlich verfolgt, kaum eine Figur zur Wandlung mitbegleitet. Gerade am Schluss vollziehen sich die entscheidenden Entwicklungen wieder im Off: weder die wundersame Wiedervereinigung von Markos Familie wird erklärt, noch die Lösung von Jakobs Existenzsorgen samt Neubeginn in Schweden.

Unterm Strich ergibt sich die unterschwellige Aussage, dass eigentlich alles gut geblieben wäre, wenn Gitte weiter ihre Medikamente genommen und sich auf die schulmedizinischen Errungenschaften verlassen hätte. Ob diese subkutane Botschaft wirklich so gewollt war, und ob sie dem Publikumsinteresse folgt, sei dahin gestellt. Es entsteht aber auch der noch zweifelhaftere Eindruck, dass Gittes Verschwinden (= ihr Selbstmord) der Familie nur gut getan hat: alles scheint nach ihrem Verschwinden auf einmal in Ordnung. Diese Aussage steht zwar nur zwischen den Zeilen, birgt aber doch schwierige Konsequenzen, die nicht weiter verfolgt werden.

“Was bleibt” ist also nicht nur per se ein “Problemfilm”, der Fragen stellt, aber keine Antworten bereithält (was dem Arthouse-Kino grundsätzlich zu eigen ist und Ergebnisse wie “Nader und Simin” oder “Das weiße Band” hervorgebracht hat). “Was bleibt” ist überdies auch ein in sich zweigeteilter Film mit unterschiedlichen dramaturgischen Konfliktlinien und einer starken Tendenz, die wirklich entscheidenden Momente elliptisch auszulassen. Insofern wird es nicht leicht, ein geduldiges, aufgeschlossenes Publikum zu finden, das die zum Vagen neigende Dramaturgie nachvollziehen und  mitfühlen wird.


MARKTEINSCHÄTZUNG:

Grundsätzlich gehört “Was bleibt” zu einem Genre, das in Deutschland nur mit spärlichen Besucherzahlen rechnen kann (wie etwa “Das Fremde in mir”, “Tage die bleiben” oder auch “Die Summe meiner einzelnen Teile”). Doch in diesem Fall sorgt die Besetzung, aber auch der Name des renommierten Regisseurs Hans-Christian Schmid dafür, dass dem Film ein bestimmtes Interesse entgegengebracht werden dürfte. Die überaus sorgfältige, geduldige filmische Umsetzung des diesjährigen Berlinale-Wettbewerbsbeitrags sorgt überdies für ein geschlossenes ästhetisches Erleben, das der Mundpropaganda hilft. Insofern könnte “Was bleibt” dann unserer Schätzung nach doch noch bis zu maximal 50.000 Zuschauer anlocken.

Dramaturgie- und Markteinschätzung: Roland Zag

München, 15.9.2012

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