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Filmbesprechung

Wer wenn nicht wir

Buch und Regie: Andres Veiel

Der Film folgt einem rein dokumentarisch-reihenden Ansatz. Anstatt zu dramatisieren, zu verdichten oder gar zu emotionalisieren, wird ganz nüchtern eine Geschichte vorgetragen, die sich so und nicht anders zugetragen haben mag. Da Gudrun Ensslin und Andreas Baader samt ihrem späteren Schicksal jedem möglichen Kino-Zuschauer  in Deutschland bekannt sind, kann man sich einen solchen Ansatz leisten. Die soziale Relevanz ist schließlich gegeben.

Im Vordergrund steht ein “So war es” bzw. “So könnte es gewesen sein”. Nicht beabsichtigt sind dagegen die Arbeit an der Psychologie der Figuren und die Erklärung ihrer Motivation. Insbesondere was die Liebesbeziehung und das problematische Verhältnis der Mutter zu ihrem Kind angeht, entstehen so sicherlich Defizite im emotionalen Bereich.

Damit fällt der Film zwangsläufig in eine Arthouse-Nähe, wo weniger die emotionale Nachvollziehbarkeit im Vordergrund steht, als die mehr oder weniger schroffe Auseinandersetzung mit der Unerklärbarkeit menschlichen Handelns. Man wird also in dem Film vergeblich nach plausiblen Motivationen suchen.  Die Brüche im Verhalten der Figuren werden offen gezeigt, aber nicht erklärt und nicht gekittet. Dies unterscheidet den Film etwa vom reisserischen Herangehen von “Der Baader-Meinhof-Komplex” und reduziert das mögliche Zielpublikum beträchtlich.

Trotzdem erzählt “Wer wenn nicht wir” eine dramatisch wirksame Geschichte: sie handelt von einem Loyalitätskonflikt. BERNWARD (August Diehl) ist zunächst noch ganz in die Bindung zu seinem Vater, dem faschistischen Kriegsdichter WILL (Thomas Thieme) verstrickt. Erst die Liebe zu GUDRUN (Lena Lauzemis) bringt ihn in Berührung mit einem “linken” Ansatz, der der Nazitäter-Generation der Väter in Ablehnung und Hass entgegentritt. Beide werden zunächst von einer ideellen Bindung getragen, nämlich der Liebe zur Literatur. Diese Austauschebene hilft dem emotionalen Verständnis.

Doch Gudruns Sehnsucht nach der “Tat”, dem konkreten Handeln, ist unstillbar. Sie lebt nach der – aus der Auseinandersetzung mit ihrem Vater gewonnenen – Devise: “Wer die Wahrheit kennt und nicht nach ihr handelt, ist schlimmer, als wer verblendet Böses tut”. Für sie steht die Aktion über der intellektuellen Verarbeitung. Bernward ist da bald nicht mehr in der Lage, ihr zu folgen. Die Beziehung wird erst recht brüchig, als ein Kind dazu kommt, das Gudrun zu lähmen und von der konkreten Aktion abzulenken droht.

In diese Situation dringt dann (rein dramaturgisch betrachtet allerdings sehr spät) BAADER (Alexander Fehling) ein. Gudruns Sehnsucht nach enthemmtem Handeln findet hier die ideale Entsprechung. Sie geht einher mit enthemmtem Sex. Ihre persönliche Befreiung geht auf Kosten des verzweifelten Bernwards. Er wird förmlich abgehängt. Vergeblich versucht er, die Geliebte durch immer politischere Literatur für sich zu gewinnen. Ein Zugehörigkeitsdrama. Bernwards Untergang ist damit besiegelt. Der Selbstmord braucht gar nicht mehr gezeigt zu werden – die Aussichtslosigkeit seiner Situation erschließt sich auch so.

“Wer wenn nicht wir” erzählt also eine emotional gut nachvollziehbar, wenngleich spröde vorgetragene Story, die sich erkennbar in der Spannung aus Welt (Literatur) und Gegenwelt (politisches Handeln) speist. Grundsätzlich sind damit günstige Voraussetzungen gegeben. Hier wirkt allerdings der dokumentarische Ansatz wieder dämpfend. Indem das Drehbuch keine klaren Akzente oder Höhepunkte setzt, sondern alle Elemente gleichartig nebeneinander stellt, entsteht nur ein Bruchteil der Spannung, die möglich und vermutlich auch nötig gewesen wäre, um ein größeres Kinopublikum zu mobilisieren.

Dramaturgische Einschätzung: Roland Zag


Markteinschätzung:

Das Thema des Umbruchs von 1968, seiner Vorgeschichte und seinen Folgen, bleibt im deutschen Film relevant und auch für jüngere Publikumsteile interessant. Das Buch „Der Baader-Meinhof-Komplex“ von Stefan Aust ist seit Jahren ein Standardwerk, das regelmäßig nachgedruckt und aktualisiert wird. Die auf die politische Aktion und entscheidende Wendepunkte fokussierte Verfilmung von Uli Edel und Bernd Eichinger von 2008 sahen mehr als 2,4 Millionen Menschen im Kino und noch mehr im Fernsehen.

„Wer wenn nicht wir“ konzentriert sich allerdings auf wenige Figuren und einzelne historisch-politische Aspekte, die dafür aber eine genauere Betrachtung erfahren. Zudem wird erkennbar aus einer Arthouse-Maxime heraus erzählt. Aus Marktgesichtspunkten bedeutet das automatisch deutlich weniger Zuschauer, aber durchaus die Möglichkeit, wie zum Beispiel „Die innere Sicherheit“ (2001, 116.000) sechsstellige Zahlen zu erreichen. Andreas Veiel selbst erreichte ebenfalls 2001 mit seinem Dokumentarfilm „Black Box BRD“ 98.000 Zuschauer. Zuletzt allerdigs schafften Filme „Es kommt der Tag“ 19.000 und „Schattenwelt“ gar nur noch 7.000. Das Thema “Terrorismus” scheint also  an Attraktivität verloren zu haben, und das wird “Wer wenn nicht wir” zu spüren bekommen.

Aufgrund der Besetzung mit August Diehl und seinen Millionenerfolgen „Inglourious Basterds“ sowie „Buddenbrooks“ und dem zuletzt aus „Goethe“ bekannten Alexander Fehling erwarten wir, dass „Wer wenn nicht wir“ daher fünfstelligen Bereich bleiben und schlussendlich zwischen 65.000 und 80.000 Zuschauer erreichen wird.

Markteinschätzung: Norbert Maass

Berlin 14.03.2011

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