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Filmbesprechung

Westwind

Buch: Ilja Haller und Susann Schimk
Regie: Robert Thalheim


Vorbemerkung:

Obwohl Norbert Maass als einer von mehreren dramaturgischen Beratern an diesem Projekt phasenweise beteiligt war, darf seine Einschätzung als objektiv und unabhängig gelten.

Das Thema ‘Zwillinge’ birgt starke emotionale und erzählerisch ergiebige Potenziale. In den meisten Fällen handelt es sich um extrem enge und aufeinander bezogene Bindungen, die sich im Laufe der Entwicklung lockern müssen, um individuelle Lebenswege möglich zu machen. Das Thema ist damit gut geeignet, um das Genre des ansonsten oft eintönig und uninspiriert gewordenen Coming-of-Age-Films zu beleben.

Insofern ist es wirkungsvoll, die Geschichte von zwei real existierenden Zwillingen (von denen eine die Produzentin und Co-Autorin ist) am Übergang zum Erwachsenwerden anzusiedeln: genau dort muss die erste Liebe auch erste ernsthafte Loyalitätskonflikte erzeugen. Das auslösende Ereignis für die ostdeutschen Zwillingsschwestern DOREEN (Friederike Becht) und ISABEL (Luise Heyer) ist im Sommer 1988 die Begegnung mit Jungs aus Hamburg. Damit wird die Geschichte um einen grundsätzlich kraftvollen Culture Clash zwischen Ost und West ergänzt. Er löst – verbunden mit der Liebesgeschichte – einen heftigen Zugehörigkeitskonflikt aus.

Doreen sieht sich vor die klassisch dramatische Entscheidungssituation stellt: ‘Gehen oder Bleiben’. Welche Bindung ist für das ostdeutsche Mädchen die richtige: die zu ihrer Schwester und zur Ruderkarriere in der DDR? Oder die zu ARNE (Franz Dinda) sowie zu dessen Welt, in der sie freien und uneingeschränkten  Zugang zur geliebten Musik von The Cure oder Depeche Mode hat?  Hier liegt ein wirkungsvolles Konfliktpotential.

Dennoch schöpft der fertige Film dieses Potential nicht voll aus. Durch die (prinzipiell richtige) Fokussierung auf die zentrale Beziehung zwischen den Zwillingen bleibt viel Wichtiges auf der Strecke: das betrifft sowohl die fehlende Back Story als auch das Desinteresse an der Zugehörigkeitsthematik. Die Mutter wird zwar erwähnt, doch wie stark und emotional oder auch wie unterschiedlich die Bindung der beiden an sie ist, erfahren wir nicht. Auch Bindungen an den Staat, andere Menschen oder ideelle Werte bleiben ausgespart. Damit wird nicht deutlich, was für Doreen im Falle der Flucht noch alles auf dem Spiel steht. Der Preis, den sie für die Trennung von der Schwester und dem geliebten Sport bezahlen muss, ist bei weitem nicht hoch genug.

Darüber hinaus fehlt der Liebe zwischen Arne und Doreen der intensive Austausch, um eine Entscheidung mit solchem Risiko und solcher Tragweite gerechtfertigt erscheinen zu lassen. Die Annäherung der beiden wird eher atmosphärisch und über romantische Erlebnisse erzählt. Als einzige Austauschebene über das erotische Urlaubsflirt-Element hinaus bleibt die gemeinsame Begeisterung für Musik doch eher flach. Zudem wirkt es schwierig, dass die Initiative zur Flucht eindeutig von Arne ausgeht. Er spielt bis zum glücklichen Ausgang die aktivere Rolle.  Doreen hingegen scheint regelrecht verstummt. Isabels Entscheidung, die Flucht nicht mit zu machen, wirkt da vergleichsweise klarer und spürbarer erzählt.

Auch die antagonistische Kraft des Ferienlager-Leiters und der Betreuer  bleibt unter dem Möglichen. Der Konflikt wirkt damit sehr gedämpft. Während der sportliche Leistungsdruck noch ausreichend spürbar wird, erscheinen die Sanktionen nicht in dem Maße zuzunehmen, wie es Doreens gesteigerte Verstöße gegen die Vorschriften eigentlich erforderlich machen. Warum schließlich der Leiter sogar die Flucht indirekt mit einer Falschaussage gegenüber der Stasi unterstützt, erschließt sich kaum. Vielmehr liegen hier viele Einschränkungen vor, die den Publikumszuspruch insgesamt – bei allen unbestrittenen schauspielerischen und inszenatorischen Qualitäten – doch schmälern.

Markteinschätzung:

“Westwind” ist der dritte Spielfilm von Robert Thalheim, der sich damit durchaus schon eine kleine Fangemeinde erarbeitet hat, was als Marktfaktor gelten kann. Hatte „Netto“ 2005 noch 16.000 Kinozuschauer, erreichte „Am Ende kommen Touristen“ 2007 schon 70.000. Als noch wichtiger kann sich Hauptdarsteller Franz Dinda erweisen, dessen größte Kinoerfolge 2007 „Kein Bund fürs Leben“ mit 517.000 und im Jahr zuvor „Die Wolke“ mit 400.000 Zuschauern waren. Für die beiden Darstellerinnen der Zwillinge handelt es sich dagegen um ihr – weitgehend überzeugendes – Kinodebüt. Sie zu sehen und sich von ihrem Charme betören zu lassen, kann durchaus einen Anreiz schaffen, dafür ins Kino zu gehen. Die reale Geschichte, auf welcher der Film beruht, ist dagegen nicht veröffentlich und kann somit keinen verstärkenden Effekt erzeugen. Mundpropaganda wird sich aus den oben genannten Gründen kaum einstellen. Insgesamt erwarten wir, dass der neue Film von Robert Thalheim zwischen seinen bisherigen Werken liegt und am Ende zwischen 35.000 und – sofern Schulvorstellungen mithelfen – 50.000 liegen wird.

Dramaturgie- und Markteinschätzung: Norbert Maass

Berlin 25.08.2011

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