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Filmbesprechung

WILD

Buch und Regie: Nicolette Krebitz

Eine Vokabel, die von der Filmkritik hoch geschätzt (und vielen Filmen deutscher Herkunft oft abgesprochen) wird, lautet 'radikal'. Gemeint ist ein künstlerisches Verfahren, in dem ein Weg so konsequent zu Ende gegangen wird, wie das zuvor noch nie zu sehen war. Insofern ist "Wild" sicher radikal. Nicht nur hinsichtlich dessen, WAS hier erzählt wird: nämlich die allmähliche Anverwandlung der jungen ANIA (Lilith Stangenberg) an einen Wolf; sondern auch WIE die Dramaturgie funktioniert.

Denn letztlich ist "Wild" weniger eine Geschichte als eine Parabel oder verfilmte Metapher. Alle Elemente der äußeren Erzähllogik dienen nur einem Zweck: nämlich der grundsätzlich unwahrscheinlichen Erzählidee doch so viel Plausibilität wie möglich zu verleihen. Anias Bemühungen und Tricks, ihre Absicht durchzusetzen, werden penibel verfolgt. Doch an der psychologischen Begründung dafür, woher nun auf einmal diese rätselhafte Neigung der offenbar sehr einsamen jungen Frau kommen mag, hat der Film gar kein Interesse.

Dramaturgisch gesprochen, könnte man sagen:  Das 'Want' ist zugleich auch das 'Need'. Das Ziel, das die Protagonistin verfolgt, wird nie in Frage gestellt, erklärt oder hinterfragt. Die Sinnhaftigkeit dessen, was sie sich vorgenommen, aber auch realisiert hat, triumphiert in den letzten Bildern, die ganz klar eine Befreiung und Selbstfindung zum Ausdruck bringen. Geradliniger kann man das nicht darstellen.

Während also die herkömmliche Dramaturgie sich weitgehend einer Erklärungslogik unterwirft (in der z.B. das Verhalten von Figuren 'motiviert' und damit in eine Ursache-Wirkungs-Kette verknüpft wird), ist "Wild" so konsequent, eine Art Instinktlogik zu entwickeln. Die Bilder erklären nichts, aber sie legen Spuren aus, Fährten, Motive: wie z.B. die Kleider, die mal geschreddert, mal zum Fangen des Tiers verwendet werden; oder das Motiv des Bluts, mit dem Ania den Wolf zum Sexverführt, oder auch das Sterben des Opas, der dem animalischen Treiben noch eine weitere existenzielle Ebene verleiht.

Auch die Beziehung zwischen Ania und ihrem Chef BORIS (Georg Friedrich) scheint rein instinktiv zu funktionieren. Er  ist einerseits eine Art Geistesverwandter, der selbst nach irrationalen Regeln gehorcht und einen anarchischen Lebensstil pflegt. Andererseits sind es gerade seine Avancen, denen Ania zu entgehen sucht. Auch darin ist der Film konsequent. Und auch am Ende einer längeren Sexszene gelingt es dem Film, bestimmte Grenzen des guten Geschmacks 'radikal' zu überschreiten und sich damit treu zu bleiben.

Die Kehrseite des Radikalen allerdings darf nicht verschwiegen werden. Es gibt Qualitäten, über die "Wild" in seiner monomanischen Beschränkung auch NICHT verfügt: so kann man eigentlich kaum von Steigerung, Verdichtung oder Transformation sprechen. Einen echten Plot mit Antagonisten und spannungssteigernden Elementen weist der Film nicht auf. Letztlich illustriert er auf atemberaubende und filmisch wirksame Art und Weise eine These, der man so noch nie begegnet war. Mehr aber auch nicht. Dieser Unterschied wird spürbar, wenn man "Wild" mit Arthouse-Hits wie "Son of Saul", "Ida" oder "The Tribe" vergleicht. In diesen Filmen gab es noch Geheimnisse und unvorhersehbare Entwicklungen. "Wild" hat dergleichen nicht aufzuweisen.

Was am Ende bleibt, ist der 'human factor', den man hier als 'animal factor' beschreiben müsste. Ania und ihr (namenloses) Tier bilden eine Art 'amour fou', eine Beziehung, die enger, intensiver, befriedigender gedacht werden muss als alles, was die einsame Frau bisher erlebt hat.  Wer bereit ist, sich auf eine radikale filmische Erfahrung (und das atemberaubende Spiel der Hauptdarstellerin) einzulassen, dürfte von "Wild" starke Eindrücke mitnehmen.  Wer eine wirklich elaborierte, komplexe Story erwartet, könnte auch unbefriedigt bleiben.

München, 18.4.2016

Roland Zag

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