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Filmbesprechung

Wir sind die Nacht

Buch: Jan Berger (nach einem Entwurf von Dennis Gansel)
Regie: Dennis Gansel


Bevor man auf die inhaltlichen Qualitäten des Films zu sprechen kommt, muss man die Qualität der Inszenierung und Umsetzung herausheben. Der Film setzt aus deutscher Sicht Maßstäbe. Das ist gerade in Hinblick auf das eindeutig rein junge Zielpublikum von großer Wichtigkeit. “Wir sind die Nacht” ist in erster Linie cool. Das zählt. Hinzu kommt das attraktive Alleinstellungsmerkmal eines deutschen Berlin-Vampirfilms, was originell ist, sowie die ungewöhnliche Konzentration auf weibliche Protagonistinnen. All das sind relevante Marktfaktoren.

Die eigentliche Geschichte – wie der Vampirmythos insgesamt – schlägt eine Zugehörigkeitsthematik großer Wertigkeit an. Für LENA (Karoline Herfurth) stellt sich die Frage, wie sie als frisch gebackene Vampirin dazu steht, dass sie eigentlich einen Menschen liebt: den Polizisten TOM (Max Riemelt). Das ist zweifellos wirksam: “Lasse ich Tom am Leben oder verwandle ich ihn in einen Vampir”? (Es fällt allerdings auf, dass diese Fragestellung in der Form im Film gar nicht explizit auftaucht. Tom wird gar  nicht gefragt, ob er Vampir werden will oder Mensch bleiben, und der Moment, in dem Lena die Entscheidung treffen muss, bleibt elliptisch ausgespart. Die Wahlmöglichkeiten sind also begrenzt, und das schmälert die emotionale Qualität der Entscheidung.)

Gleichwohl: für eine Zugehörigkeitsgeschichte ist es immer wichtig, besonders die BINDUNGEN zu betonen. Ja höher der Preis, den man für die Entscheidung zahlen muss, desto mehr ist sie wert. Welcher Modus der Existenz ist für sie befriedigender? Das nächtliche Leben in Saus und Braus samt Unsterblichkeit – oder das Leben als kleine, unbedeutende Sterbliche, die dafür echte Liebe erleben darf? Alles hängt davon ab, zu wem sie die stärkeren Beziehungen aufbaut.

Hier kann man nicht behaupten, dass Lenas Bindung zu den Menschen intensiv ist. Die Beziehung zur Mutter wirkt katastrophal, und andere Bindungen existieren nicht – sieht man von Tom ab. Daher wirkt Lenas moralische Empörung über die Morde an Menschen eher als Lippenbekenntnis – “so etwas tut man nicht”. (Ungleich stärker wäre es gewesen, wenn Lena mit ansehen hätte müssen, dass Menschen in Gefahr geraten, an denen ihr etwas liegt.)

Daher reduziert sich Lenas Bindung an die Menschen auf die erotische Beziehung zum Polizisten. Je aufgeladener diese ist, desto stärker wird man Lenas Dilemma verstehen und empathisch nachvollziehen. Doch auf dieser Ebene tut sich nicht viel. Außer zwei recht unverbindlichen Gesprächen, die eher auf Small Talk als auf große innere Verbundenheit schließen lassen, gibt es nur wenig Austausch zwischen Lena und Tom. Emotional wird die Beziehung erst spät bedeutsam – als Lena sich Tom gegenüber zu ihrem Vampir-Dasein bekennt. Da ist das Drama längst im vollen Gange.

Auch die Bindung zu den Co-Vampirinnen LUISE (Nina Hoss), NORA (Anna Fischer) und CHARLOTTE (Jennifer Ullrich) sind nicht stark. Lenas Lust aufs Vampir-Dasein ist nie sehr groß. Zudem bleibt neben dem unentwegten Exzess der Vampirinnen nicht viel Dynamik. Die Damen scheinen sich eher zu langweilen. Hier wird es gefährlich: denn die Darstellung von Langeweile tendiert immer dazu, sich aufs Publikum zu übertragen. Eine äußere Dynamik und Spannung, ein Projekt gibt es nicht.

So konzentrieren sich die echten emotionalen Momente auf kleine Inseln: etwa wenn Charlotte von ihrer steinalten Tochter Abschied nimmt. Hier vermittelt sich eindeutig echtes Gefühl. An wenigen Stellen wird deutlich, wie intensiv der Film hätte wirken können.

Insgesamt wird man leider konstatieren müssen, dass nicht viel Mühe darauf verwendet wurde, die grundsätzlich wirksame Grundthematik intensiv zu bespielen. Die wichtigen Elemente sind zwar alle da, werden aber immer wieder einer Inszenierung geopfert, die sich mehr um die äußerlichen Qualitäten kümmert.

MARKTEINSCHÄTZUNG:

Insgesamt dürfte der Hype um das Thema “Vampir” schon wieder am Abklingen sein. Hier braucht es starke Alleinstellungsmerkmale. Die weist “Wir sind die Nacht” sicher auf. Zudem kann die deutsche Variante auf der äußeren Ebene der Umsetzung absolut mithalten. Darüber hinaus sind einige der Schauspielerinnen beliebte Stars, und der Name des Regisseurs dürfte wenigstens durch “Die Welle” auch ziehen.

Auf der Ebene der innerlichen Qualität aber fällt “Wir sind die Nacht” gerade im Vergleich zu “Twilight” deutlich ab. Weder die äußere noch die innere Spannung, geschweige denn die erotische Kraft sprechen für eine deutliche Weiterempfehlungsrate.  Und auch wenn das ausschließlich junge Zielpublikum eher an Action interessiert zu sein scheint, wird sich der Mangel an Emotion bemerkbar machen – zumal der Film deutlich auf ein weibliches Publikum zielt. Hier vermochte “Twilight” durch die offensichtlich sexuell verbrämte Spannung zwischen Begehren und Verzicht eine ungleich höhere innere Spannung aufzubauen. Angesichts der augenblicklich sehr starken Konkurrenz (Jackass 3 D, RED, Wallstreet usw.) hat hier der Film am Markt einen schweren Stand.

Daher wird man leider nur mit enttäuschenden Zahlen rechnen können. Werte zwischen 150.000 und 200.000 sind realistisch, viel mehr jedoch eher nicht.

Dramaturgische- und Markteinschätzung: Roland Zag

München, 4.11.2010

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