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Filmbesprechung

Zeit der Kannibalen

Buch: Stefan Weigl; Regie: Johannes Naber

Der Film gibt sich durch strenge formale Vorgaben (Beschränkung in Raum und Zeit, klare Kapiteltrennung, komplexe atonale Musik) von vornherein nicht den Anschein, ein Massenpublikum erreichen zu wollen. “Zeit der Kannibalen” ist eine eher hermetische schwarze Komödie, die offensichtlich um Überhöhung und parabelhafte Überzeichnung bemüht ist (insofern mit David Cronenbergs “Cosmopolis” vergleichbar). Daher ist man gut beraten, keine psychologische Tiefe zu erwarten: die Figuren geben nicht vor, komplex gebaute Individuen zu sein; vielmehr wird eher eine Art subversive Dekonstruktion des Raubtierkapitalismus angestrebt. ÖLLERS (Devid Striesow) und NIEDERLÄNDER (Sebastian Blomberg) leben in einem Parallel-Universum, das einerseits von blanker Gier, andererseits von weitgehender Leere bestimmt wird, nur ab und zu von phrasenhafter Sinnsuche durchbrochen.

Die dramaturgische Fragestellung lautet nun: wie gelingt es dem Film jenseits der Kategorien von ‘Empathie’, ‘Want’ oder ‘Need’ einen Sog zu entwickeln, der ausreicht, um das Publikum in eine fremde Welt zu ziehen, die weder besonders attraktiv noch besonders originell wirkt? Hier ist die äußere Bedrohung bei Weitem am spürbarsten: denn die Schüsse, die da irgendwo im Nirgendwo Afrikas in der unerreichbaren Außenwelt auf eine Art Bürgerkrieg schließen lassen, kommen im Verlauf des Films immer näher, bis sie das Trio komplett sprengen und den Film zu einem gnadenlosen Ende treiben. Durch dieses unablässige Crescendo der Gewalt steht also zunehmend ALLES auf dem Spiel – was als Steigerungs-und Spannungsprinzip mit Sicherheit stark wirksam ist.

Bis aber die apokalyptische Endposition erreicht ist, braucht es lange. Auf dem Weg zu diesem Knalleffekt ist lange Zeit nicht ganz klar, wo eigentlich der erzählerische Fokus genau liegt. Vielmehr bietet das Drehbuch eher sporadisch erzählerische Angebote, die sich jeweils in Form von Auf-und Abwärtsbewegungen  darstellen, aber kaum eine zusammenhängende Story bilden: stets tritt eine Nachricht in den Raum, die sich dann als ganz etwas Anderes entpuppt, als ursprünglich gemeint. Da ist z.b. die Meldung, dass der bisherige Kollege Hellinger zunächst zum begehrten ‘Partner’ aufgestiegen ist – sich dann aber umgebracht hat. Die eine Nachricht weckt Neid, die andere eine Mischung aus Horror und Erleichterung.

In der Folge werden die beiden in Hassliebe verbundenen Kollegen mit BIANCA (Katharina Schüttler) konfrontiert, was sich zunächst auch als eher willkommener Zuwachs darstellt. Dann aber erweist sich, dass sie eigentlich auch eine Art Kontrollfunktion ausübt, was die Beziehungsdynamik wieder stark verändert: aus der zunächst willkommenen Nachricht erwächst ihr Gegenteil.

Dieses Prinzip wird dann nochmals gesteigert: dass die eigene Firma verkauft wurde, scheint erst zu sagenhaften neuen Verdienstmöglichkeiten zu führen. Doch auch diese Entwicklung kippt – nun beinah vorhersehbar – in ihr Gegenteil:  der Sturz der beiden allzu gierigen Berater erweist sich nur als umso tiefer.

Insofern sorgt das Drehbuch einerseits immer wieder dafür, dass ‘etwas geboten’ ist. Andererseits reduziert das Reihungsprinzip die Geschehnisse die Amplituden der Höhe-und Tiefpunkte. Die Wechsel aus auf-und absteigenden Bewegungen werden erwartbar, die Empathie für die Figuren dadurch aber nicht wirklich größer.

“Zeit der Kannibalen” setzt sich selbst also einen sehr klar erkennbaren, deutlich limitierten Rahmen. Dieser wird – natürlich in erster Linie auch durch die hervorragenden Schauspieler – befriedigend ausgefüllt. Die ganz großen Überraschungen oder inneren Umwälzungen entstehen dadurch allerdings wohl kaum. Insofern ist die Wirksamkeit am Markt begrenzt – was aber wohl auch nie anders intendiert gewesen sein dürfte.

München, 26.5.2014

Roland Zag

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