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Filmbesprechung

  • TOMORROW Buch und Regie: Cyril Dion, Mélanie Laurent Unsere Betrachtung der Welt scheint grundsätzlich und reflexhaft vom Defizitären magisch angezogen. Wir beschäftigen uns vornehmlich mit Mängeln, Fehlern, Problemen. „Tomorrow“ wählt hier ganz bewusst einen radikal gegensätzlichen Ansatz. Obwohl die apokalyptischen Aspekte, die möglicherweise schon bald zu dramatischen Verschlechterungen der Lebensbedingungen führen werden, nicht geleugnet werden, konzentriert sich der dokumentarische Ansatz ganz konsequent auf die Schilderung von Hoffnung machenden Ansätzen. Der Film folgt gewissermaßen dem Spruch: „Ich will keine Probleme, ich will Lösungen“. Daraus folgt die grundsätzlich positive Grundidee von „Tomorrow“. more

  • EIN GANZES HALBES JAHR (ME BEFORE YOU) Buch: Jojo Moyes (nach ihrem eigenen Roman); Regie: Thea Sharrock Spätestens seit dem französischen Überraschungserfolg „Ziemlich beste Freunde“ („Intouchables“) macht es Sinn, vom Genre des ‚Schicksalsfilms‘ zu sprechen. Hier stehen existenzielle Krankheiten, Unfälle oder andere nicht selbstverschuldete Unglücksfälle im Mittelpunkt, mit denen es umzugehen gilt. Die großen existenziellen Probleme können nicht gelöst, nur erduldet werden. In Deutschland wären etwa „Halt auf freier Strecke“, „Liebe“, zuletzt aber auch „Der geilste Tag“ diesem Genre zuzurechnen. more

  • Buch: Jamie Linden, Alan DiFiore, Jim Kouf; Regie: Jodie Foster Man kann den ungesteuerten Turbo-Kapitalismus der Finanzmärkte auf zweierlei Art betrachten: als Tummelplatz für die ungebremste Gewinn-Maximierung, wie das LEE GATES (George Clooney) propagiert. Er will Spaß. Man kann aber auch die Seite der Verlierer sehen: die all derer, die ihr Hab und Gut unter Umständen in Sekunden verlieren können. So etwa ist es KYLE (Jack O’Connell) gegangen, der sein ganzes Vermögen vernichtet sieht. Die Welt hat natürlich mehr Spaß am Blickwinkel der Gewinner, weshalb Lees TV-Sendung sehr erfolgreich ist; die Seite der Verlierer hingegen kommt kaum zu Wort... more

  • Buch: Dana Fox, Abby Kohn, Marc Silverstein nach dem Roman von Liz Tuccillo; Regie: Christian Ditter Nach wie vor bleibt die Romantic Comedy des aktuellen Hollywood-Kinos meist im traditionellen Fahrwasser. „How to be Single“ ist ein zwar komplexes, aber doch am konventionellen Schema orientiertes Produkt, welches dem Zuschauer zwar ein relativ großes Figurengeflecht zumutet, aber hinsichtlich der emotionalen Erfahrungen relativ vorhersehbar bleibt. Umso ergiebiger ist es, an diesem Beispiel die gelungene Umsetzung von ein paar grundlegenden Gesetzen des Genres zu studieren... more

  • Buch: Tobias Lindholm, Thomas Vinterberg; Regie: Thomas Vinterberg Streng genommen wird der Film "Die Kommune" dem eigenen Titel nur bedingt gerecht. Zwar steht - natürlich - eine Gruppe von Menschen im Mittelpunkt, die sich im Haus von ERIK (Ulrich Thomsen) und ANNA (Trine Dyrholm) zu einem kollektiven Zusammenleben entschließen. Doch im Mittelpunkt steht die persönliche Dramatik der TV-Sprecherin Anna. Seit ihr Mann sich in eine jüngere Frau verliebt hat, versucht Anna, die Zähne zusammen zu beißen, um ihren Schmerz, ihre Einsamkeit und Verletztheit nicht wahrzunehmen oder gar zu äußern. Ihre Mitbewohner werden aber nur sporadisch in den fortschreitenden Prozess ihrer Verzweiflung mit einbezogen. Anna sucht eigentlich bei niemandem Kontakt oder Austausch, nicht einmal bei ihrer Tochter FREYA (Martha Sofie Wallstrom Hansen). Auch ihren Mann greift sie nie an. Insofern bleibt das Kollektiv eher im Hintergrund... more

  • Buch und Regie: Hannes Holm (nach dem Roman von Fredrik Backman) Die Schilderung von schlecht gelaunten älteren Herren, die im Verlauf des Films eine Läuterung erfahren, ist im Kino spätestens seit Jack Nicholson in "Besser gehts nicht" längst wohl vertraut. Insofern scheint ein Film wie "Ein Mann namens Ove" zunächst wenig Alleinstellungsmerkmale aufzuweisen. Doch rein dramaturgisch ist an diesem Beispiel vieles neu und wirklich substanziell anders erzählt. Denn kaum ist die stark auf Komödie und Humor hin getrimmte Exposition vorbei und Ove im Begriff, sich das Leben zu nehmen, ändert sich die Erzählweise ganz grundlegend: nicht nur beginnt hier eine recht ausführliche Rückblende (samt neu einsetzender Ich-Erzählstimme), sondern vor allem ein schroffer Wechsel der Tonart. Oves Backstory hat viel mehr Elemente der Tragödie als der Komödie: die Mutter ist tot, der Vater stirbt später auf höchst emotionale Art und Weise ebenfalls; das eigene Haus brennt ab, und die Schilderung der schlimmsten Tragödie hebt sich der Film für den Schluss auf... more

  • Buch: John McNamara, Bruce Cook; Regie: Jay Roach Ab und zu tut es gut, zu beobachten, dass auch die sonst so oft gut geölte Hollywood-Drehbuchschule bestimmte Themen nicht wirklich befriedigend in den Griff bekommen kann. "Trumbo" ist der Fall eines gut besetzten und großartig umgesetzten Biopics, welches mit unterschiedlichen Themenstellungen und dramaturgischen Fragen zu kämpfen hat. Über längere Zeit steht zunächst die Rolle der Kommunisten im Hollywood der 40er-Jahre des letzten Jahrhunderts im Raum. Diese Frage hat mit gesellschaftlicher Relevanz, mit Solidarität und Zusammenhalt zu tun. Die ideelle Bindung der Figuren ist stark, und die Benachteiligung erst recht: die Untersuchungen, denen sich DALTON (Bryan Cranston) ausgesetzt fühlt, sind illegal und in ihrer einseitig dämonisierenden Art und Weise jeder Demokratie unwürdig. Indem Trumbo das so formuliert und auch vor großen Tieren (z.B. John Wayne) nicht zurück schreckt, gewinnt er unsere Empathie. Dies wird noch gesteigert, indem er dafür ins Gefängnis muss. All dies verspricht eine tiefgründige und sehr wirkungsvolle Auseinandersetzung mit dem Thema "Politische Verantwortung von Künstlern"... more

  • Buch und Regie: Lászlo Nemes Das KZ scheint ein fester Bestandteil der Kinogeschichte. Unzählige Filme wiegen uns in der Illusion, wir wüssten in etwa, wie die Vernichtungsmaschinerien der Nazis funktionierten. Dieses Bild wird nun durch "Son of Saul" gründlich revidiert und um wesentliche Dimensionen erweitert. Der einzigartige Blickwinkel des Films, der konsequent immer nur der Hauptfigur SAUL (Géza Röhrig) folgt, zeigt uns das KZ Auschwitz nicht als reibungslos funktionierende, gut organisierte Maschinerie - sondern als babylonisches Sprachgewirr und unübersichtliches Chaos, in dem keine klaren Zuordnungen oder Hierarchien erkennbar werden. So wenig die Häftlinge und Mitglieder der Sonderkommandos mit einander kommunizieren (es wird entweder gebrüllt oder verborgen abgehackt geflüstert), so wenig kommuniziert auch der Film mit dem Zuschauer. Das hermetische System von versteckten Zeichen und Absichten, das uns hier vor Augen gestellt wird, muss geduldig und mit großer (vor allem akustischer) Aufmerksamkeit erschlossen werden. Es ist aus Sauls Perspektive fast unmöglich, die Zusammenhänge des KZs und seines Funktionierens zu verstehen - und gerade darin liefert der Film vermutlich ein viel wahrhaftigeres und stimmigeres Bild als die meisten seiner Vorgänger... more

  • Buch: Tom McCarthy, Josh Singer; Regie: Tom McCarthy Was man am anspruchsvolleren Erzählkino der USA in den letzten Jahren beobachten kann, ist eine Verschiebung vom Individuellen zum Kollektiven. Vereinfacht gesagt, könnte man behaupten, dass die sogenannte "Heldenreise" am Verschwinden ist. Vielmehr ist ein Erzählen am Vormarsch, das man 'systemisch' nennen könnte. Sehr viele relevante Arbeiten (vor allem auch im Serienbereich) der letzten Zeit wenden sich davon ab, die Geschichte einzelner Protagonisten und deren innere Wandlung nachzuvollziehen; viel mehr steht das Erzählen von ganzen Strukturen und Systemen im Vordergrund. Damit werden ganz wesentliche Elemente der klassischen Drehbuchlehre hinfällig, und neue Paradigmen müssten gefunden und beschrieben werden. Dafür ist "Spotlight" ein hervorragendes Beispiel (genau wie vor wenigen Wochen "The Big Short" oder letzten Herbst "Straight Outta Compton"). Auch andere Oscar-Gewinner wie "Argo" oder "Grand Budapest Hotel" zählen zu einem neuen Trend, nicht ein einzelnes Subjekt, sondern eine Gruppe ins Zentrum zu stellen... more

  • Buch und Regie: Joel + Ethan Coen Das Kino der Coen-Brothers war bislang von großen Ambivalenzen und einem unvorhersehbar subversiven Erzählgestus geprägt, der den Zuschauern beständig den Boden der Sicherheit wegzureißen drohte. Das hat sich in "Hail, Cesar!" nun gründlich geändert. Das mag eingefleischte Fans der Coen-Brüder enttäuschen. Aber vielleicht ist eben genau DAS das Subversive an dem Film... more

  • Buch und Regie: Quentin Tarantino Der Film knüpft in vieler Hinsicht an die vorhergehenden Arbeiten des Regisseurs an. Doch zugleich ergibt sich gegenüber ”Django Unchained” oder “Inglorious Basterds” ein fundamentaler Unterschied. In den vorhergehenden Filmen ergab sich eine klare Trennung von Gut und Böse. Vor allem in “Django Unchained” fiel die Empathielenkung des Publikums sehr leicht, weil die Protagonisten sowohl durch gnadenlose Benachteiligung als auch starke Freundschaftsbindung im Zuschauer enorme emotionale Aufladung entfachten... more

  • Buch: Phyllis Nagy (nach Patricia Highsmith); Regie: Todd Haynes Liebesgeschichten folgen in der Regel einer einfachen Grundsetzung: Mit dem Magic-Moment des Sich-Verliebens hat sich das frische Paar bewusst oder unbewusst entschieden, alle bisherigen Bindungen der neuen Zugehörigkeit unterzuordnen. Denn diese neue Bindung ist – jedenfalls für den Augenblick – stärker als alles andere. Die dramatische Frage lautet: Wird sich die Kraft der Liebe gegen die alte Ordnung durchsetzen können? Sind die Liebenden bereit, die widerstrebenden Energien des alten sozialen Netzes zu bezwingen? Oder wird das alte Gefüge die Oberhand behalten? more

  • Buch: Mark L. Smith, Alejandro González Inarritù (nach dem Roman von Michael Punke); Regie: Alejandro González Inarritù Der zentrale ‘Culture Clash’, der sich beim Betrachten von “The Revenant” vollzieht, liegt zwischen der behaglichen Situation heutiger Zuschauer, die in der Regel wohlgenährt und warm im Kinosaal einem Treiben ausgesetzt werden, das entbehrungsreicher, grausamer, kälter und blutiger kaum gedacht werden kann. Wobei sich der Film weniger in Sadismen ergeht (wie etwa im Fall von Tarantino). Die Grausamkeit ist vielmehr eine existenzielle: die Menschen scheinen allein im Kampf gegen Kälte, Schnee, wilde Tiere und Geografie schon chancenlos. Hinzu kommt, dass überall kriegerische und feindselige Menschen und Kulturen lauern. Die einzigartige Erfahrung, die der Film dem Zuschauer bietet, liegt in der Differenz von Lebensbedingungen zwischen einer überzivilisierten Gegenwart einerseits und einer Zeit, die kaum 200 Jahre zurück liegt, den damaligen Menschen aber Unfassbares abverlangte... more

  • Buch: Matt Charman, Ethan und Joel Coen; Regie: Steven Spielberg Viele Elemente des Films deuten auf eine klassische Heldenreise hin: der eher unscheinbare Held, der unerwartete Auftrag, und auch der Versuch, den Auftrag abzulehnen - all das sind typischer Weise Bestandteile des klassischen Aufbaus, wie wir ihn aus Hunderten von Filmen kennen... Und doch ist auch "Bridge of Spies" kein Film (mehr), der versucht, der Hauptfigur eine innere Wandlung aufzuerlegen, die eigentlich zur Heldenreise gehört. Einmal mehr stellen wir fest, dass sich Hollywood für die Wandlung der Hauptfigur immer weniger interessiert. more

  • Buch und Regie: Paolo Sorrentino Der Film erzählt keine stringente Geschichte. Als klassisches Beispiel für europäisches Autorenkino bietet "Ewige Jugend" erzählerisch lediglich ein paar Aufhänger, die dem Zuschauer helfen, in die eigentliche Thematik einzusteigen. Zu diesen Aufhängern gehört die dramaturgisch wichtige Beobachtung, dass der Film von zwei großen 'Wants', also zwei ganz deutlich erkennbaren Absichten getragen wird: einerseits will MICK (Harvey Keitel) unbedingt seinen letzten Film, sein Testament drehen; andererseits will sein Freund FRED (Michael Caine) auf gar keinen Fall nochmals komponieren oder dirigieren. Diese beiden Achsen bestimmen mehr oder weniger alles, was in dem Film eine Rolle spielt... more

  • Buch: Aaron Sorkin; Regie: Danny Boyle Das Genre 'Biopic' stellt Autoren immer wieder vor neue Aufgaben - und bietet insofern filmhistorisch ein sehr reiches Spektrum an ungewöhnlichen erzählerischen Strategien und Ansätzen. Im Falle einer so prominenten Figur, deren prägende Bedeutung für unsere Gegenwart mehr oder weniger jedem Zuschauer klar ist, liegt die Problematik auf der Hand: wir wissen, wie die Geschichte ausgeht. Wenn der Film keine beliebige, spannungsarme und in ihre Einzelteile zerfallende Ansammlung von biografischen Daten liefern will (wie das etwa in Deutschland bei "Marlene" oder "Hilde" passiert ist), braucht es einen klaren auktorialen Zugriff: eine strenge erzählerische Form mit einer klaren Absicht... more

  • Buch: Mark Mallouk, Jez Butterworth Regie: Scott Cooper Einmal mehr ist dieser Mafia-Thriller ein Beleg dafür, dass die überkommenen Dogmen der Drehbuchlehre im heutigen Kino nur noch eingeschränkt von Wirksamkeit sind. Dafür liefert "Black Mass" einige schlagende Belege. Es geht den Drehbuchautoren mitnichten darum, Charakterentwicklung zu zeigen. Die Figuren wandeln sich nicht oder kaum. Es geht ebenfalls nicht darum, dramatische Momente der Entscheidung herbei zu führen. Keine der drei zentralen Figuren hat wirkliche Wahlmöglichkeiten. Die Figuren werden von Beginn an gleichsam auf ein Gleis gesetzt, auf dem sie bis zum Schluss in den Abgrund fahren... more

  • Buch und Regie: Miroslav Shlaboshpitsky „Die Welt ist alles, was der Fall ist“, lautet ein berühmtes Zitat von Ludwig Wittgenstein. Demnach steht die Konstatierung äußerer Befindlichkeiten der Welt an erster Stelle, die Beschreibung wäre wichtiger als die Interpretation. Das Feststellen und Beobachten ist nach dieser Einschätzung höher zu bewerten als die Einordnung in moralische Kategorien. Von dieser Maxime lässt sich „The Tribe“ leiten. Der erzählerische Gestus hat etwas Ethnographisches: es handelt sich um eine mitleidlose, extrem distanzierte Beobachtung von Geschehen, die der Zuschauer erst langsam dechiffrieren muss... more

  • Buch: Ronny Schalk, Toke Constantin Hebbeln Regie: Toke Constantin Hebbeln Ist es nicht sonderbar, ja ungerecht?! Da kommt ein Film wie “Wir wollten aufs Meer” und erzählt mit hervorragenden Darstellern, professioneller Umsetzung und viel filmischem Gespür die glaubhaft erzählte Geschichte von drei jungen Männern in der Ex-DDR, die sich in schicksalshafter Verstrickung mit dem Stasi-System ganz unterschiedlich entwickeln – ein Film, der den Vergleich mit dem Welterfolg und Oscargewinner “Das Leben der Anderen” direkt herausfordert. Kein Zweifel – “Wir wollten aufs Meer” ist eine handwerklich und künstlerisch ausgereifte Arbeit, die sich vor niemandem verstecken muss. Auch dramaturgisch wird man erst mal nicht leugnen können, dass hier massive Loyalitäts- und Zugehörigkeitskonflikte verhandelt werden... more