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Filmbesprechung

Black Mass

Buch: Mark Mallouk, Jez Butterworth
Regie: Scott Cooper


Einmal mehr ist dieser Mafia-Thriller ein Beleg dafür, dass die überkommenen Dogmen der Drehbuchlehre im heutigen Kino nur noch eingeschränkt von Wirksamkeit sind. Dafür liefert "Black Mass" einige schlagende Belege.

Es geht den Drehbuchautoren mitnichten darum, Charakterentwicklung zu zeigen. Die Figuren wandeln sich nicht oder kaum. Es geht ebenfalls nicht darum, dramatische Momente der Entscheidung herbei zu führen. Keine der drei zentralen Figuren hat wirkliche Wahlmöglichkeiten. Die Figuren werden von Beginn an gleichsam auf ein Gleis gesetzt, auf dem sie bis zum Schluss in den Abgrund fahren.

Vor allem gibt es keine klare Hauptfigur. Wer steht im Mittelpunkt? JIMMY BULGER (Johnny Depp), der als ultra-kaltblütiger Killer die Aufmerksamkeit auf sich lenkt? JOHNNY CONNOLLY (Joel Edgerton), der letztlich ein viel stärkeres Werte-Dilemma austragen muss: was ist wichtiger - die Loyalität zum alten Freund, oder die Arbeit für das FBI?! Oder ist vielleicht BILLY (Benedict Cumberbatch) die Hauptfigur, weil er die Fäden im Hintergrund in der Hand hält? Der Film gibt darauf keine Antwort. Letztlich bilden alle drei eine unteilbare Einheit.

Trotz all dem, was zu einem im konventionellen Sinn 'richtigen' Buch fehlt, ist "Black Mass" ein Film voller Spannung, die sich am Ende löst. Warum? Die Antwort auf diese Frage kann nur der Rückbezug auf den human factor liefern. Denn auch wenn viele klassische Voraussetzungen für die 'Heldenreise' oder ähnliches nicht erfüllt sind - um eine Geschichte von Zugehörigkeit und Loyalität handelt es sich dann eben doch!

Anders als im klassischen Erzählkino haben wir es hier mit einer Konstellation zu tun, in der die Vernetzung wichtiger ist als die einzelne Figur selbst. Jimmy wäre nichts ohne seine diversen Helfer und Zuträger; er ist eigentlich nur ein Rädchen in einem austauschbaren System. Jimmy ist als Figur für sich betrachtet kaum relevant; nur die Tatsache, dass man ihm einen solchen Freiraum einräumt, lässt seine dämonische Brutalität förmlich explodieren.

Hinzu kommt der 'human factor', dass Jimmy sein Kind durch eine heimtückische Krankheit verliert. Erst nach diesem Tod entfaltet sich die Destruktivität seines Tuns im vollen Umfang.

Aber auch Johnny ist nur Teil eines riesigen Apparats - des FBI. Der Film verwendet viel Zeit und Intensität darauf, zu zeigen, wie vielfältig Jimmy und vor allem Johnny eingebunden und vernetzt sind. Daher sind die eigentlichen Antagonisten in diesem Kampf nicht die Figuren im Vordergrund, sondern die Apparate dahinter. Mafia gegen FBI -- so lautet die (nicht ganz neue) Formel, die der Film erzählt. Aber er erzählt sie SYSTEMISCH: die Netze und Abhängigkeiten sind wichtiger als die Figuren selbst.

Gegen die Wucht der Apparate stemmen sich die Menschen mit ihren mehr oder weniger lächerlichen emotionalen Sehnsüchten nach emotionaler Bindung und Wärme - was sich in diesem Kontext als fatal heraus stellt. Connollys Fehler liegt darin, dass er die Freundschaft zu seinem alten Kumpel Jimmy nie aufgeben kann. Dringender als alles andere bräuchte er, was er sonst nirgends findet: einen Freund. Für diese Bindung opfert er letztlich alles. Am Ende wird Johnny härter bestraft als einige der offen kriminellen Handlanger der Mafia. Seine Schuld, die Interessen des FBI verraten zu haben, wiegt schwerer als das Verbrechen selbst.

Aus dieser einfachen Gleichung braucht der Film nicht auch noch eine Wandlung zum Besseren zu schlagen. Wir wissen, dass es in dieser Konstellation eine Wendung zur 'Lösung' der Problems nie geben kann. Das Verbrechen bleibt, was es immer war; und der Kampf dagegen bleibt so machtlos, wie er es immer sein wird.

Wir beobachten also auch in "Black Mass" (wie in zahllosen amerikanischen Serien) die Betonung des Kollektiven vor dem Individuellen. Und diese Beobachtung korrespondiert mit dem, was wir gegenwärtig als gesellschaftliche Realität erleben. Die Zeit für Helden, die aufräumen, ist vorbei. Spannender ist das Interesse an dem Kampf des Individuellen gegen die übermächtigen Zwänge der Kollektive. "Black Mass" erzählt davon. Die  Aufmerksamkeit eines größeren Publikums dürfte dem Film daher sicher sein.

München, 23.10.2016

Roland Zag



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