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Filmbesprechung

BRIDGE OF SPIES

Buch: Matt Charman, Ethan und Joel Coen; Regie: Steven Spielberg

Viele Elemente des Films deuten auf eine klassische Heldenreise hin: der eher unscheinbare Held, der unerwartete Auftrag, und auch der Versuch, den Auftrag abzulehnen - all das sind typischer Weise Bestandteile des klassischen Aufbaus, wie wir ihn aus Hunderten von Filmen kennen... Und doch ist auch "Bridge of Spies" kein Film (mehr), der versucht, der Hauptfigur eine innere Wandlung aufzuerlegen, die eigentlich zur Heldenreise gehört. Einmal mehr stellen wir fest, dass sich Hollywood für die Wandlung der Hauptfigur immer weniger interessiert.

Denn JIM (Tom Hanks) unterzieht sich der Aufgabe, die ihm gestellt wird, von Anfang bis Ende des Films mit immer derselben Haltung. Er stellt seine Verfassungstreue über alle Aspekte der Vor-Verurteilung - und legt so die klassischen 'amerikanischen' Tugenden an den Tag. In dieser Haltung ist Jim unerschütterlich. Und gerade diese Haltung wird ihm zunächst scheinbar zum Fluch. Als er einen sowjetischen Agenten unvoreingenommen verteidigt, ergießt sich über ihn und seine Familie die kollektive Wut der Amerikaner; dieselbe Tugend aber erlaubt ihm zum Schluss, sein Vorhaben durchzuziehen und die Sowjets dazu zu bringen, nicht nur einen US-Bürger, sondern gleich deren zwei frei zu lassen.

"Bridge of Spies" erzählt also keineswegs die private Geschichte eines einzelnen Protagonisten - sondern die Geschichte von zwei Systemen, die einerseits komplett spiegelbildlich funktionieren, und andererseits nicht kommunizieren können. USA und UdSSR bekämpfen sich im kalten Krieg mit denselben Waffen, sind aber nicht in der Lage, sich darüber auszutauschen. Die Geschichte von Jim ist die eines Mannes, der willentlich und wissentlich zwischen die Fronten geht, um für sein Land das zu tun, was die Behörden nicht mehr tun können.

So erhält Jim paradoxerweise erst dann die Möglichkeit, die Interessen der USA zu vertreten, als er NICHT mehr in deren Auftrag arbeitet, also kein Teil des Systems mehr ist.  Insofern ist "Bridge of Spies" nur vordergründig die Geschichte eines Individuums. Eigentlich ist der Film eine Studie über Selbstbestimmung und Macht. Er zeigt, dass freies Handeln erst möglich wird, wenn man sich aus dem System der Macht herauslöst und der eigenen Stimme folgt.

All das wäre interessant und spannend; aber bewegend oder berührend wird "Bridge of Spies" durch die BEZIEHUNG. Und die findet Spielberg in dem Verhältnis zwischen Jim und ABEL (Mark Rylance), dem russischen Spion. Auch wenn wir nie erfahren, was diesen Mann dazu getrieben hat, als Agent zu arbeiten, entsteht doch ein Austausch auf Augenhöhe. Beide werden von denselben WERTEN getrieben: für beide Männer ist die Unerschrockenheit, der aufrechte Gang das Entscheidende. Über diesen inneren Gleichklang finden sie zu einander. Es ist diese Ebene der Gemeinsamkeit, die den Film emotional durchpulst (wobei der erste Teil zwangsläufig weit mehr Intensität aufweist als der zweite, wo Abel kaum mehr vorkommt).

Jim setzt sich für Abel bis zur Erschöpfung seiner Kräfte ein; dieser Beitrag ist per se nicht in gleicher Höhe zurück zu zahlen. Doch der wirklich emotionale Höhepunkt ist der Moment, wo Abel auf der Glienicker Brücke ihm ein Gemälde als symbolischen  Gegenwert überreicht, und ihm zugleich das höchste Kompliment macht, das ihm zur Verfügung steht. Mehr war dem Russen nicht möglich, um seinem Retter die Anerkennung zu erweisen.

Insofern stehen Jim und Abel als zwei unabhängige Geister in genau derselben Beziehung zu einander wie die beiden Mächte, die sie repräsentieren. Beide sind unabhängige Menschen, die ihrer eigenen Stimme mehr trauen aus dem Machtapparat, der sie zu vereinnahmen sucht.

Hier erlangt der Film seine Aktualität. Der Kalte Krieg ist längst vorbei. Doch die Herausforderung an jeden einzelnen, zu sich selbst zu finden und sich aus den vereinnahmenden Systemen heraus zu ziehen, ist heute größer denn je. Insofern ist "Bridge of Spies" nur äußerlich betrachtet eher altmodisch. Der thematische Kern betrifft ein heutiges Publikum nicht weniger als damals. Insofern dürfte auch dieser Spielberg-Film wieder ein großes, wenn auch historisch vorgebildetes und interessiertes Zielpublikum erreichen können.

München, 30.11.2015

Roland Zag

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