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Filmbesprechung

CAROL
 

Buch: Phyllis Nagy (nach Patricia Highsmith); Regie: Todd Haynes
 

Liebesgeschichten folgen in der Regel einer einfachen Grundsetzung: Mit dem Magic-Moment des Sich-Verliebens hat sich das frische Paar bewusst oder unbewusst entschieden, alle bisherigen Bindungen der neuen Zugehörigkeit unterzuordnen. Denn diese neue Bindung ist – jedenfalls für den Augenblick – stärker als alles andere. Die dramatische Frage lautet: Wird sich die Kraft der Liebe gegen die alte Ordnung durchsetzen können? Sind die Liebenden bereit, die widerstrebenden Energien des alten sozialen Netzes zu bezwingen? Oder wird das alte Gefüge die Oberhand behalten?
 

Die daraus resultierenden inneren wie äußeren Konflikte bilden das nötige Futter für die dramatische Frage, ob die Liebe siegt oder nicht. Von daher steckt in der Liebe immer ein revolutionärer Akt, weil sie festgefügte Strukturen per se in Frage stellt.
 

In “Carol” (USA/GB 2015, lässt sich diese Dynamik Punkt für Punkt nachvollziehen. TERESE (Mara Rooney) sowie CAROL (Kate Blanchett) leben jede in bestehenden sozialen Netzen; im Fall von Carol und ihrer Tochter reicht diese Bindung sogar besonders tief. In beiden Fällen geht ein schmerzhafter Riss durch alle Beziehungen, nachdem sich die Gefühle der beiden zu einander vertiefen. Wie stark lassen sich die bestehenden sozialen Netze belasten, ohne die ‘verbotene’ Liebe zutage treten zu lassen?
 

Hinzu kommt die äußere Bedrohung. indem die mondäne CAROL (Cate Blanchet) in Trennung von ihrem jähzornigen Mann HARGE lebt und dieser nicht bereit ist, die Ehe aufs Spiel zu setzen. Dies geht so weit, dass Harge einen Detektiv ansetzt, was zu dem äußerlichen Höhepunkt des Films führt.
 

Die für den Zuschauer entscheidende Frage nach der Belastbarkeit der Liebe lautet: was können sich die beiden Liebenden geben? Die Antwort fällt in diesem Fall eher einseitig aus. Carol erkennt Tereses künstlerisches Potenzial und fördert die Karriere als Fotografin. Insofern erhält die jüngere von der älteren sehr viel und durchläuft eine erkennbare Wandlung. Hier ist also die für die emotionale Reaktion wichtige Austauschebene sehr klar zu erkennen. Die umgekehrte Frage ist schwerer zu beantworten. Carol erhält von Terese wohl letztlich nichts anderes als die bedingungslose Bereitschaft, der älteren Frau zu folgen (oder gar sich ihr zu unterwerfen?). Das leise Ungleichgewicht zwischen der erfahrenen mondänen Lesbierin und der hingebungsvollen jüngeren Frau bildet ein Spannungsmoment, das bis zum Schluss nie ganz gelöst wird.
 

In all diesen Elementen geht “Carol” gleichsam schulbuchmäßig vor. Dennoch hat sich der Film zu einem ausgesprochen verschwiegenen, indirekten, fast lyrischen Erzählduktus entschieden. Dadurch tritt das Dramatische eher in den Hintergrund; wichtiger sind Blicke, Gesten, Farben, Formen.
 

Genau genommen wäre das Konfliktpotential erheblich zu steigern gewesen. Denn bemerkenswerte innere Hindernisse tauchen im Fall von Terese z.B. nur marginal auf. Der gewaltige Standesunterschied zwischen Carol und Terese wird eher nivelliert als forciert. Die vollkommen unterschiedlichen sexuellen Erfahrungshorizonte bleiben kaum bespielt. Hinzu kommt, dass Carol Mutter ist, worauf Terese fast nie eingeht.
 

Auch die äußeren antagonistischen Kräfte werden nicht bis zum Limit ausgespielt. Die sittenstrengen biederen Wertvorstellungen der frühen fünfziger Jahre, wie das gesellschaftliche Verbot homosexueller Kontakte, werden zwar filmisch in der Ausstattung, kaum jedoch szenisch in den Situationen erzählt. War es damals so einfach für zwei Frauen im Hotel die Präsidentensuite zu buchen?
 

Insofern ist “Carol” der direkte Gegenentwurf zu “La Vie d’Adèle” (”Blau ist eine warme Farbe”, Frankreich 2013). Dort wurde die Dramatik einer leidenschaftlichen, auf Begehren und körperliche Ekstase hin zielenden lesbischen Liebe betont. In “Carol” wird das Dramatische eher unterspielt und einer betörenden Licht-, Farb- und Musikdramaturgie untergeordnet.
 

An diesem Punkt können sich die Geister scheiden. Wer von “Carol” ein maximales Ausschöpfen der dramaturgischen Potenziale erwartet, wird enttäuscht sein. Wer hingegen das Verschwiegene, Uneindeutige und poetisch nur Angedeutete liebt, kann von “Carol” starke Eindrücke davon tragen.
 

Entscheidend dürfte vielleicht sein, wie man die rätselhafte und intensive Schluss-Einstellung für sich interpretiert. Hier sind viele Deutungen möglich. Vielleicht kehren die beiden Liebenden nun gereift zu einander zurück und beginnen von vorn; vielleicht aber ist dieser Blickwechsel auch ein Abschied. Und selbst wenn sich ein endgültiges Bekennen zum gemeinsamen lesbischen Leben abzeichnen sollte: erfüllt sich so der Wunsch nach einer Gemeinschaft auf Augenhöhe? Oder ist Tereses Annäherung an Carol ein Akt der Unterwerfung? Geht es um Liebe oder um Macht?
 

Indem der Film sich hier nie in die Karten schauen lässt, bleibt ein uneindeutiges Gefühl zurück, das man lieben oder ablehnen kann. Gleichwohl bietet der betörend ausgewogene Film einem interessierten, wohl eher weiblichen und eher älteren Publikum genügend ‘human factor’, um am Markt größere Beachtung zu finden.
 

Wien/ München, 10.01.2016
 

Jochen Strodthoff/Roland Zag

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