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Filmbesprechung

DIE KOMMUNE

Buch: Tobias Lindholm, Thomas Vinterberg; Regie: Thomas Vinterberg


Streng genommen wird der Film "Die Kommune" dem eigenen Titel nur bedingt gerecht. Zwar steht - natürlich - eine Gruppe von Menschen im Mittelpunkt, die sich im Haus von ERIK (Ulrich Thomsen) und ANNA (Trine Dyrholm) zu einem kollektiven Zusammenleben entschließen. Doch im Mittelpunkt steht  die persönliche Dramatik der TV-Sprecherin Anna. Seit ihr Mann sich in eine jüngere Frau verliebt hat, versucht Anna, die Zähne zusammen zu beißen, um ihren Schmerz, ihre Einsamkeit und Verletztheit nicht wahrzunehmen oder gar zu äußern. Ihre Mitbewohner werden aber nur sporadisch in den fortschreitenden Prozess ihrer Verzweiflung mit einbezogen. Anna sucht eigentlich bei niemandem Kontakt oder Austausch, nicht einmal bei ihrer Tochter FREYA (Martha Sofie Wallstrom Hansen). Auch ihren Mann greift sie nie an. Insofern bleibt das Kollektiv eher im Hintergrund.

Insofern geht es in "Die Kommune" keineswegs, wie man vielleicht vermuten könnte, um Fragen des  Miteinanders - vielmehr um Gefühle, zu denen man entweder steht, oder die man verleugnet.  Anna versucht, sich bestimmte Emotionen zwanghaft zu verbieten. Sie geht lieber zugrunde, als dass sie sich die eigene Verzweiflung zugibt. Dieser Prozess führt (nicht ganz unerwartet) über Alkohol, berufliche Probleme und Heulkrämpfe in eine Abwärts-Spirale der Selbstverleugnung. An deren Ende steht Annas Entschluss, die Kommune zu verlassen.

Die innere Verbindung zwischen Annas Drama und dem Prinzip des offenen Zusammenlebens erschließt sich nur indirekt. Die Kommune fordert von allen Beteiligten eine Form von Bloßstellung, die mitunter auch über die Schamgrenze gehen kann. Anna will sich diese Blöße nicht geben. Lieber verschließt sie sich in sich selbst, als dass sie sich Gefühle eingesteht, die vom Kollektiv womöglich abgewehrt werden. Der Gruppenzwang zum 'Outing' führt also zu seinem eigenen Gegenteil. Dies wirkt überzeugend und logisch, muss aber vom Zuschauer erst geduldig aus dem wenig zielgerichteten Geschehen heraus gefiltert werden.  Die mögliche moralische Diskussion, ob Erik überhaupt das Recht hat, mit seiner eigenen Frau und seiner neuen Geliebten im selben Haus zu wohnen, wird gar nie geführt.

Insofern ist "Die Kommune" ein Film, der bewusst auf die vielen möglichen offenen Konflikte verzichtet, die sich hier anbieten. Vielmehr verlegt sich die Dramaturgie ganz nach innen. Im Mittelpunkt steht das Drama eines Menschen, der sich im Angesicht der zwangsweisen Öffnung eher verschließt, als die geforderten Offenheit des Kollektivs zu leisten. Aus dem Zwang zur anti-bürgerlichen Öffnung und Zur-Schau-Stellung entsteht paradoxer Weise die emotionale Selbstkasteiung. Diese Wendung kann man originell finden; es ist aber auch möglich, dass sich Zuschauer in die Irre geführt und getäuscht fühlen, weil nicht das Kollektiv im Vordergrund steht, sondern eine einzelne Person.

Letztlich aber liegt die Erzählabsicht vermutlich nochmals ganz woanders. Denn mehrfach beschwört ein Schlagertext das Leben als kurze Blüte, der man sich hingeben und nicht verschließen sollte. Dazu gehört die dramaturgische Idee, den Tod eines Kindes ins Zentrum zu stellen. Es geht also weniger um moralische Fragen, als um das große Ganze des Lebens selbst: Im Mittelpunkt steht das Flüchtige, Ungreifbare und auch Zerstörerische dessen, was das Zusammenleben mit sich bringt. Hier gibt es keine Regeln und keine Rezepte. Keine Lebensform, weder die monogame noch die offen polygame kann uns davor hindern, abzustürzen. Man muss das Leben nehmen, wie es kommt.

Insofern ergreift der Film letztlich die Partei der Tochter Freya. Angesichts der Dramen ihrer Eltern wird sie jetzt nicht zur moralisierenden Instanz, sondern wirft sich selbst ungestüm in die unberechenbaren emotionalen Stürme der Liebe.  

Wer diesen etwas diffusen erzählerischen Kern für sich entdecken und bejahen kann, dürfte sich bereichert fühlen. Wer sich aber in der Vielzahl der nicht allzu prägnanten Themen verheddert, könnte auch enttäuscht sein. Insofern ist angesichts dieser nicht immer zugespitzten dramaturgischen Erzählhaltung mit einem allzu publikumsstarken Ergebnis  nicht zu rechnen.

München, 26.4.2016 Roland Zag

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