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Filmbesprechung

EIN MANN NAMENS OVE

Buch und Regie: Hannes Holm (nach dem Roman von Fredrik Backman)

Die Schilderung von schlecht gelaunten älteren Herren, die im Verlauf des Films eine Läuterung erfahren, ist im Kino spätestens seit Jack Nicholson in "Besser gehts nicht" längst wohl vertraut. Insofern scheint ein Film wie "Ein Mann namens Ove" zunächst wenig Alleinstellungsmerkmale aufzuweisen. Doch rein dramaturgisch ist an diesem Beispiel vieles neu und wirklich substanziell anders erzählt. Denn kaum ist die stark auf Komödie und Humor hin getrimmte Exposition vorbei und Ove im Begriff, sich das Leben zu nehmen, ändert sich die Erzählweise ganz grundlegend: nicht nur beginnt hier eine recht ausführliche Rückblende (samt neu einsetzender Ich-Erzählstimme), sondern vor allem ein schroffer Wechsel der Tonart. Oves Backstory hat viel mehr Elemente der Tragödie als der Komödie: die Mutter ist tot, der Vater stirbt später auf höchst emotionale Art und Weise ebenfalls; das eigene Haus brennt ab, und die Schilderung der schlimmsten Tragödie hebt sich der Film für den Schluss auf.

Beide Seiten der Medaille - die Komödie wie die Tragödie - werden beherrscht vom glasklar erkennbaren Wertesystem der Hauptfigur. Mit zunehmender Dauer wird deutlich, dass "Ein Mann namens Ove" weniger das psychologische Portrait eines Mannes, als vielmehr die metaphorische erzählerische Aufbereitung eines bestimmten Wertekonflikts wird: Ove (dem man ein 'zu großes' Herz attestiert), wird tatsächlich AUS LIEBE zum Menschenfeind. Dieser scheinbare Widerspruch ist der Gegenstand des Films. Oves ganzes Leben bestand aus Liebe: zu seinem Vater, zu Autos (und zwar ausschließlich Saab), zu seinen Werten, und vor allem zu SYLVIA (Ida Engvoll). Indem ihm all das genommen wurde, erklärt sich sein Verhalten immer stimmiger, und der Ton wird immer wärmer. So wird "Ein Mann namens Ove" paradoxerweise zu einem Film, der eine zunehmende Vereinsamung  anhand eines immer dichteren Netzes von  Zugehörigkeit erzählt.

In diesem Verfahren, das konsequent darauf setzt, scheinbar Unvereinbares zu vereinen, steckt eine Menge Mut. Denn es wirkt riskant, die scheinbar altbekannte und stets ein wenig märchenhaft wirkende Legende vom Griesgram, der allmählich wieder auftaut, mit so viel konkretem Leid und Schicksal zu kreuzen. Auch das Nebeneinander von Gegenwartsebene und Vergangenheit schafft Schwierigkeiten, mit denen man erst mal dramaturgisch fertig werden muss. Aber eben darin liegt die erzählerische Originalität des Ansatzes.

Und vor allem hat "Ein Mann namens Ove" ein  Trumpf-As im Ärmel, welches alle scheinbaren Unvereinbarkeiten mühelos schlägt. Der Film strotzt geradezu vor 'human factor'-Elementen: gegenseitigen Hilfeleistungen (Ove rettet mehreren Menschen das Leben und setzt sich vor allem mit heldenhaftem Stoizismus für seine gelähmte Frau ein); sozialer Relevanz (die Gemeinschaft der Wohn-Siedlung wächst immer mehr zusammen); und vor allem Austausch: während Ove zunächst seine Backstory nur dem Zuschauer erzählt, wendet er sich zunehmend und immer schonungsloser an seine Nachbarin PARVAHAR (Bahar Pars). Auch diese  Bereitschaft, mit Zwischenmenschlichkeit die Emotion der Zuschauer zu triggern, erfordert erzählerisch viel Mut, der sich jedoch in Form einer enormen Bandbreite von Emotionalen Ausschlägen auszahlt ( ein Mut, den in Deutschland schon sehr lang kein Film mehr aufgebracht hat --- das letzte Beispiel, bei dem der 'human factor' wirklich stilbildend war, liegt mit "Good Bye, Lenin!" lange zurück...).

Die Kunstfertigkeit, die sich hier dramaturgisch und inszenatorisch, aber auch im Einsatz von Geschmack und Fingerspitzengefühl zeigt, dürfte sich ganz gewiss am Markt zeigen. "Ein Mann namens Ove" spielt, was die Elemente des emotional wirksamen Erzählens angeht, in der obersten Liga. Daher wird man diesem eher unspektakulären schwedischen Film ohne hierzulande berühmte Stars einen sehr starken Auftritt zutrauen dürfen. Vermutlich nicht ganz auf dem Niveau von "Der Jundertjährige, der..." oder "Wie im Himmel" (beide Filme, jeweils ebenfalls aus Schweden, erreichten weit über eine Million Zuschauer, hatten jedoch noch zusätzliche starke Faktoren aufzuweisen, über die der vorliegende Film nicht verfügt). Doch für die sehr starke Schicht des älteren Publikums hält der Film so viele Reize bereit, dass man ein vergleichsweise hervorragendes Abschneiden auf jeden Fall in Betracht ziehen sollte - und sich fragen darf, warum dergleichen hierzulande trotz etlicher ähnlicher Versuche doch schon lange nicht mehr gelingen will.

München, 7.4.2016

Roland Zag


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