aktuelle

Filmbesprechung

EIN GANZES HALBES JAHR (ME BEFORE YOU)

 

Buch: Jojo Moyes (nach ihrem eigenen Roman); Regie: Thea Sharrock

 

Spätestens seit dem französischen Überraschungserfolg „Ziemlich beste Freunde“ („Intouchables“) macht es Sinn, vom Genre des ‚Schicksalsfilms‘ zu sprechen. Hier stehen existenzielle Krankheiten, Unfälle oder andere nicht selbstverschuldete Unglücksfälle im Mittelpunkt, mit denen es umzugehen gilt. Die großen existenziellen Probleme können nicht gelöst, nur erduldet werden. In Deutschland wären etwa „Halt auf freier Strecke“, „Liebe“, zuletzt aber auch „Der geilste Tag“ diesem Genre zuzurechnen.

 

„Ein ganzes halbes Jahr“ setzt voll auf diese Karte. Über weite Strecken scheint es sich sogar um die Kopie von „Ziemlich beste Freunde“ zu handeln, denn in der Voraussetzung, dass ein reicher und schwerst behinderter Mann Pflege braucht, sind beide Filme identisch. Auch die Prämisse, dass es über den Wertekonflikt hinweg zu großen Gemeinsamkeiten kommt (Will bringt Lou die Freuden der klassischen Musik und des europäischen Kunstkinos bei; sie hingegen weckt sein Interesse an bunten Kleidern) wirkt sehr ähnlich.

 

Freilich entsteht aus der dramaturgischen Setzung, die Pflege in die Hände einer jungen, attraktiven Frau zu legen, schon eine grundlegend neue Ebene. Denn natürlich ist die erotische Spannung, die sich zwischen LOU (Emilia Clarke) und WILL (Sam Clatlin) aufbaut, ein zusätzliches Element, das bespielt werden will. Hier ist das Drehbuch konsequent antithetisch aufgebaut: so zynisch und enttäuscht, wie Will sich gibt – so naiv und gutgläubig wirkt zunächst Lou. Der Austausch der beiden liegt darin, dass beide vom anderen ein Stück lernen: Lou vermag etwas von ihrer bescheidenen Zufriedenheit zu vermitteln; Will hat gute Gründe, enttäuscht und sarkastisch zu sein.

 

Doch der eigentliche dramaturgische Clou von „Ein ganzes halbes Jahr“ steckt im Motiv der Prostitution. Irgendwann entdeckt Lou, dass sie eigentlich nur engagiert wurde, um dem jungen Mann den Plan auszureden, sich in der Schweiz per Sterbehilfe umzubringen. Diese dramaturgische Wendung gibt der Geschichte eine völlig neue Wendung. Lou erkennt, dass die Gefühle, die sie für Will entwickelt hat, von langer Hand geplant wurden und sie sich letztlich gekauft und manipuliert fühlen darf.

 

Hier geht es nun um das Motiv der Emanzipation. Lou und Will müssen prüfen, ob ihre Gefühle echt sind. Und hier kommt es zum interessanten Dilemma, dass Will zwar zugeben muss, an Lou Gefallen gefunden zu haben. An seiner Entscheidung, aus dem Leben scheiden zu wollen, ändert das allerdings nichts. In dieser Setzung wirkt der Film sehr hart und alles andere als romantisch. Lou bleibt nichts anderes übrig, als den eingeschlagenen Weg zu Ende zu gehen. Sie erfüllt ihrem Geliebten den Wunsch, zu sterben.  Diese Erbarmungslosigkeit steht in wohltuendem Gegensatz zur grundsätzlichen Strategie des restlichen Films, alle möglichen Härten zu vermeiden.

 

So entwickelt „Ein ganzes halbes Jahr“ eine sehr geschickte Strategie, einerseits nie den Wohlfühl-Bereich zu verlassen (die Schmerzen, mit denen Will zu kämpfen hat, sind bestenfalls angedeutet), aber andererseits doch den Tod unausweichlich anzusteuern. Das Weichgespülte und das Harte, das Versöhnliche und das Erbarmungslose stehen hier in einem spannenden Widerspruch, der den Film - je nach Blickwinkel und künstlerischem Anspruch -  aus dem Reich des reinen Kitsch herausheben kann.

 

„Ein ganzes halbes Jahr“ ist ein Film mit einer sehr klar umrissenen Zielgruppe (jung, weiblich, romantisch), welche einerseits mit einer großen Portion Eskapismus verwöhnt wird (das Schloss; die schöne Musik; die stets bunten, lustigen Kleider der Protagonistin; die  menschlich warme Grundfärbung der Nebenschauplätze), aber eben auch die Härte des Lebens nicht ganz leugnet, was zu wirklich starken Emotionen führt.

 

Am Ende triumphiert der ‚human factor‘ dergestalt, dass Lou sich durch die Begegnung mit Will als gereift, gebildet und gleichsam neu aufs Leben vorbereitet fühlen darf. Das Geben und Nehmen weist über den Tod hinaus: er hat ihr eine Portion Weltläufigkeit mit auf den Weg gegeben. Auch hierin liegt ein wirksames Erfolgsmotiv.

 

„Ein ganzes halbes Jahr“ wird einem ernsthaft an Filmkunst oder der existenziellen Auseinandersetzung mit dem Thema ‚Sterbehilfe‘ interessierten Publikum vermutlich nicht viel geben. Doch die beabsichtigte Wirkung auf das Zielpublikum ist kaum größer denkbar – denn das Nebeneinander von sinnlicher Romantik und Gnadenlosigkeit bedient sowohl das Verlangen nach Wohlgefühl als auch tiefer Erschütterung. Insofern dürfte „Ein ganzes halbes Jahr“ dem an Erfolgen reichen Genre des Schicksalsfilms vermutlich zu einem weiteren Höhepunkt verhelfen.

 

München, 12.7.2016

 

Roland Zag

 

 

Tomorrow

Quelle: Warner Bros.