aktuelle

Filmbesprechung

Ewige Jugend

Buch und Regie: Paolo Sorrentino

Der Film erzählt keine stringente Geschichte. Als klassisches Beispiel für europäisches Autorenkino bietet "Ewige Jugend" erzählerisch lediglich ein paar Aufhänger, die dem Zuschauer helfen, in die eigentliche Thematik einzusteigen. Zu diesen Aufhängern gehört die dramaturgisch wichtige Beobachtung, dass der Film von zwei großen 'Wants', also zwei ganz deutlich erkennbaren Absichten getragen wird: einerseits will MICK (Harvey Keitel) unbedingt seinen letzten Film, sein Testament drehen; andererseits will sein Freund FRED (Michael Caine) auf gar keinen Fall nochmals komponieren oder dirigieren. Diese beiden Achsen bestimmen mehr oder weniger alles, was in dem Film eine Rolle spielt.

Und hier treffen wir dann auch auf das eigentliche Thema, von dem der Film im tieferen Sinne spricht. Denn das Muster, dem wir in "Ewige Jugend" begegnen, hat damit zu tun, dass wir im Leben eben NICHT erreichen, was wir wollen. Letztlich handelt der Film fortgesetzt nur davon, dass sich die Dinge nicht so entwickeln, wie man es erwartet oder will. Denn das Want beider Protagonisten wird nicht in Erfüllung gehen: Mick wird seinen Film NICHT drehen - ja sogar vermutlich darüber verzweifelt Selbstmord begehen; Fred hingegen wird sich erweichen lassen, für die Queen seine 'Simple Songs' zu dirigieren.

Dass hier zwei große Ziele und Absichten eben nicht in Erfüllung gehen, bildet nur die äußerlich sichtbarste Ebene dessen, was hier verhandelt wird. Denn es sind vor allem auch die kleinen Details, die uns die Absicht des Filmemachers offenbaren: dass z.B. ein Ehepaar, das vermeintlich in heftigstem Streit lebt, auf einmal leidenschaftlich Sex hat; dass die Tochter des Komponisten LENA (Rachel Weisz) trotz starker Höhenangst auf einmal mit einem Kletterer liiert ist; dass eben diese Lena zwar eine Hasstirade auf den Vater formuliert, sich aber nicht von ihm lösen kann; dass die vermeintlich tumbe Miss World sich als scharfzüngig und ironisch heraus stellt; oder die verehrte Filmdiva BRENDA (Jane Fonda) statt der erwarteten Hymne auf Micks Werk zu einem vernichtenden Rundumschlag ansetzt --- all das und vieles mehr deutet auf die erzählerische Absicht. Im Leben kommt es meistens anders, als man denkt. Wir setzen uns zwar Ziele - doch am Ende tritt meist das Unerwartete ein. Selbst die alten Männer dieses Films müssen diese Lektion, die uns das Leben lehrt, immer wieder neu lernen.

Am eindrucksvollsten und berührendsten, also im Sinne des 'human factor' empathisch stärksten erzählt ist die Begegnung des Komponisten mit seiner dement gewordenen Frau. Die Lieder, die er für sie komponiert hatte, wird sie nie wieder singen können. Aber ist das ein Grund, diese Kompositionen nun für immer vor dem Publikum zurück zu halten? Fred muss auch in seinem hohen Alter nochmals lernen, dass das Leben weiter geht, und nur in diesem Weitergehen auch der Reiz liegt. Dieses Gefühl wird von "Ewige Jugend" auf vielen Ebenen konsequent angetriggert. Entsprechend stark dürfte - trotz aller erzählerischen Nonchalance - die Reaktion des Zielpublikums ausfallen. Der Film hat gute Chancen, sich im Arthouse-Markt stark zu positionieren. Und zwar vermutlich wesentlich besser als der durchaus ähnlich konzipierte, aber viel weniger stringente deutsche Pendant "Ich und Kaminski".

München, 14.12.2015

Roland Zag


moviepilot.de