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Filmbesprechung

HAIL, CESAR!

Buch und Regie: Joel + Ethan Coen

Das Kino der Coen-Brothers war bislang von großen Ambivalenzen und einem unvorhersehbar subversiven Erzählgestus geprägt, der den Zuschauern beständig den Boden der Sicherheit wegzureißen drohte. Das hat sich in "Hail, Cesar!" nun gründlich geändert. Das mag eingefleischte Fans der Coen-Brüder enttäuschen. Aber vielleicht ist eben genau DAS das Subversive an dem Film.

"Hail, Cesar!" könnte fast als 'liebevoll' bezeichnet werden - und das passt für viele Fans nicht ins Bild. Denn wirklich viel steht dramaturgisch tatsächlich nie auf dem Spiel. Dies wird schon in der ersten und letzten Szene - der Beichte des Hollywood-Produzenten EDDIE MANNIX (Josh Brolin) deutlich. Das Gewissen des Magnaten schlägt so laut, dass er noch die kleinste Lappalie beichten zu müssen glaubt. Er ist ein durch und durch humaner Mensch mit nur winzigen Schwächen.

Während Hollywood-Produzenten sonst fast immer als geldgierig, ignorant und hartherzig geschildert werden, passiert hier das genaue Gegenteil. Egal wie sehr die Dreharbeiten in den Studios einem Tollhaus gleichen, egal wie bizarr die Launen der Stars auch sein mögen: Eddie Mannix ist beständig um Ausgleich, Mäßigung und das Lösen von Problemen bemüht. Dabei bleiben zwar zwischenzeitlich mal künstlerische Aspekte auf der Strecke, etwa wenn der Westernstar HOBIE (Alden Ehrenreich) auf einmal den romantischen Helden geben muss, wozu ihm die Begabung vollständig fehlt. Aber wirklich schlimm wirkt das nicht.

Doch auch die Entführung des Superstars BAIRD (George Clooney) führt eher zu skurrilen als wirklich dramatischen Konflikten. Die Kommunisten, die ihn zu infiltrieren versuchen, leisten zwar ganze Arbeit, denn Baird ist irgendwann vom Marxismus völlig überzeugt. Doch dies lässt sich wenig später mit ein paar Ohrfeigen von Mannix wieder aus der Welt schaffen. Auch die Nöte des Schwimmstars DEEANNA haben nie eine Fallhöhe, die die Niedlichkeit des Ganzen in Frage stellen würde. Zu all den Verwicklungen des Films könnte man sagen: 'verzweifelt, aber nicht ernst'.

Der eigentliche - und einzig reale - Konflikt des Films beschränkt sich auf nur wenige Szenen. Denn Eddie wird mehrmals von einem Headhunter der Firma Lockheed bearbeitet, aus dem 'unseriösen' Filmgeschäft auszusteigen, um endlich etwas 'Richtiges' zu tun. Dieses Richtige aber erweist sich ausgerechnet als Mitarbeit an einem Atombombenprojekt. Dies ist der einzige Riss des Films, an dem so etwas wie 'Realität' herein zu dringen droht. Die Wandlung der Hauptfigur besteht darin, dass sie dieses Angebot irgendwann ablehnt. Mehr 'Drama' hat der Film nicht aufzuweisen.

Insofern erweist sich "Hail, Cesar!" dann doch recht konsequent als Gratwanderung zwischen dem Prinzip 'Illusion' und 'Wirklichkeit'. Die Illusion der Hollywoodstudios mag skurril, unberechenbar und grotesk wirken - aber sie hält doch die Schrecken der realen Welt konsequent vom Leib. Eddie hat die Wahl zwischen einem Tollhaus, in dem er permanent überfordert, aber letztlich nie wirklich involviert ist - und einer Welt voller Schrecken. Er wählt das Erstere. Es sieht so aus, als entschieden sich auch die Filmemacher ganz bewusst für eine eskapistische Weltsicht: lieber der Wahnsinn des Filmgewerbes als der Wahnsinn der realen Welt.

Insofern könnte man am Ende doch wieder diesen eigenartig subversiven Humor der Coen-Brüder entdecken - indem sie hier eben genau die Erwartung eines doppelten Bodens, einer schrecklichen, unvorhersehbaren Wahrheit unterlaufen. Das Hinterhältige des Films besteht darin, dass er eben gar nicht hinterhältig ist. Und sich ganz entschieden auf die Seite des 'Verzweifelten, aber Unernsten' stellt.

Für den Markterfolg ergibt das eine zwiespältige Prognose. Die Starpower garantiert zunächst großes Interesse; indem der Film aber keine allzu starken Eindrücke hinterlässt, dürfte sich  die Aufmerksamkeit am Markt aber auch relativ bald wieder erschöpft haben. "Hail, Cesar!" dürfte daher nur mittlere Erwartungen erfüllen.

München, 2.3.2016

Roland Zag



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