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Filmbesprechung

MONEY MONSTER

Buch: Jamie Linden, Alan DiFiore, Jim Kouf;  Regie: Jodie Foster

Man kann den ungesteuerten Turbo-Kapitalismus der Finanzmärkte auf zweierlei Art betrachten: als Tummelplatz für die ungebremste Gewinn-Maximierung, wie das LEE GATES (George Clooney) propagiert. Er will Spaß. Man kann aber auch die Seite der Verlierer sehen: die all derer, die ihr Hab und Gut unter Umständen in Sekunden verlieren können. So etwa ist es KYLE (Jack O’Connell) gegangen, der sein ganzes Vermögen vernichtet sieht. Die Welt hat natürlich mehr Spaß am Blickwinkel der Gewinner, weshalb Lees TV-Sendung sehr erfolgreich ist; die Seite der Verlierer hingegen kommt kaum zu Wort.

Wenn „Money Monster“ diese beiden Welten nun so gewalttätig wie möglich aufeinander treffen lässt – nämlich in Form eines Attentats in einem TV-Studio, wo PATTY (Julia Roberts) die Verantwortung trägt, dass das live ausgestrahlte Event nicht in einem Blutbad endet - dann sind die Voraussetzungen erst mal extrem stark. Denn spätestens seit 2008 fühlen sich große Teile der ganzen Welt vom zynischen Gewinn-Hype des Finanzwesens verraten und nachhaltig geschädigt. Wirklich geändert aber hat sich nichts. Jeder Zuschauer kennt das Ohnmachtsgefühl, das uns überkommt, wenn wir nicht wissen, wie wir unseren Besitz vor dem Zugriff gieriger Finanzjongleure schützen sollen. Insofern treffen hier zwei sozial relevante Welten aufeinander. Letztlich sucht die Welt nach nichts so sehr wie Möglichkeiten, den Turbo-Kapitalismus in den Griff zu kriegen. Daher ist das Interesse an einer Story wie der von „Money Monster“ riesig.

Dies ist die eher äußerliche, systemische Seite des Films. Aber natürlich muss jede Geschichte Möglichkeiten finden, aus dem abstrakten Überbau zu den konkreten Figuren zu finden. Insofern ist es als Pluspunkt zu sehen, dass sich aus der zunächst radikalen Feindschaft zwischen Kyle und Lee allmählich eine Beziehung, ja fast eine menschliche Nähe entwickelt. Denn beiden widerfährt Ähnliches: sie erleben öffentliche Demütigungen. Zunächst muss Lee bitter erkennen, dass kein Mensch bereit ist, für sein Leben Geld zu geben. Der Stachel dieser Enttäuschung sitzt tief – hingegen hinterlässt diese Pointe beim Zuschauer große Zustimmung.

Doch auch Kyle muss von seiner schwangeren Freundin erfahren, wie wenig sie von ihm hält und er ihr bedeutet. Auch diese Kränkung gilt es vor laufender Kamera wegzustecken. Die Wutrede von Kyles Freundin ist ähnlich wirksam (und komisch) wie die Herabsetzung von Lee. Allerdings hinterlässt sie jetzt ein schiefes Gleichgewicht. Denn letztlich ist dann aber doch Lee in der viel stärkeren Position, weil er sich von einem riesigen sozialen Netz  - nämlich dem TV-Sender – umgeben weiß. Kyle hingegen ist bitter allein. Seine Position verliert zusehends an Kraft und Wirksamkeit – und dabei ist doch letztlich eigentlich ER die Stimme des Publikums.  Indem Kyles Position an Kraft verliert, geht auch die Attraktivität der Story zurück.

Nun bleibt der Film bei dieser persönlichen Demontage der beiden Protagonisten nicht stehen. Es gibt NOCH eine Figur, der öffentlich die Maske vom Gesicht gezogen wird – und an diesem Punkt bricht dann auch manches der aufgebauten Spannung ganz zusammen. Denn WALT (Dominic West) erweist sich als aalglatter Lügner und Betrüger, der einen Computerausfall für den Börsencrash nur vorgetäuscht hat, um private Gewinne einzustreichen.

Damit aber nimmt der Film dem Angriff auf das System der Finanzwirtschaft die Spitze. Es ist gar nicht das Börsengeschehen selbst, das angegriffen wird, sondern nur ein einzelnes schwarzes Schaf, welches der gerechten Strafe vorgeführt werden soll. Damit läuft die terroristische Wut des Attentäters Kyle vollkommen ins Leere. Als dieser stirbt, hat er eigentlich nicht viel erreicht, aber alles verloren. Letztlich wird damit auch die Stimme der Zuschauer, die sich ja mehrheitlich auf Kyles Seite befinden, zum Schweigen gebracht.

Hingegen ist Lee, der Zyniker, keineswegs zu einer Einsicht oder Wandlung gezwungen worden. Es sieht fast so aus, als könne er am Ende des Films fröhlich so weiter machen wie bisher. So erweist sich „Money Monster“ eher als – höchst unterhaltsamer und temporeicher – Sturm im Wasserglas. Die Welt kann bleiben, wie sie ist, wenn es nur gelingt, einen eitlen Betrüger zu entlarven.

„Money Monster“ ist am Ende ein Film über eine dreifache Demütigung – woraus sich aber wenig Konsequenz oder Wandlung ergibt (dass sich das Hollywood-Kino der letzten Jahre weniger für Figurenwandlung interessiert, wurde hier ja bereits öfters vermerkt). Einzig Patty scheint am Ende so etwas wie einen Sieg davon getragen zu haben, wenngleich nur in Spurenelementen. Zu irgendwelchen sozialen Konsequenzen sieht auch sie sich am Ende nicht aufgerufen. Das Schlussbild evoziert einen privaten Rahmen, in dem alles beim Alten bleibt.

So verliert „Money Monster“ unter dem hohen und der enormen Spannung, die zwischenzeitlich herrscht, doch manches an Wirkung. Zur Katharsis, an welcher sich die Handlung in eine neue Richtung bewegen könnte, kommt es nicht. Nachdem ein kleiner störender Faktor entfernt wurde, kann das System am Ende weiter so machen wie bisher. Das ist nicht die Entwicklung, die eine Mehrheit der Zuschauer erwarten dürfte. Insofern wird „Money Monster“ zwar gute, aber wohl kaum überragende Werte an der Kinokasse erzielen.


München, 1.6.2016


Roland Zag

Money Monster

Quelle: Sony-Pictures