aktuelle

Filmbesprechung

SON OF SAUL

Buch und Regie: Lászlo Nemes

Das KZ scheint ein fester Bestandteil der Kinogeschichte. Unzählige Filme wiegen uns in der Illusion, wir wüssten in etwa, wie die Vernichtungsmaschinerien der Nazis funktionierten. Dieses Bild wird nun durch "Son of Saul" gründlich revidiert und um wesentliche Dimensionen erweitert. Der einzigartige Blickwinkel des Films, der konsequent immer nur der Hauptfigur SAUL (Géza Röhrig) folgt, zeigt uns das KZ Auschwitz nicht als reibungslos funktionierende, gut organisierte Maschinerie - sondern als babylonisches Sprachgewirr und unübersichtliches Chaos, in dem keine klaren Zuordnungen oder Hierarchien erkennbar werden. So wenig die Häftlinge und Mitglieder der Sonderkommandos mit einander kommunizieren (es wird entweder gebrüllt oder verborgen abgehackt geflüstert), so wenig kommuniziert auch der Film mit dem Zuschauer. Das hermetische System von versteckten Zeichen und Absichten, das  uns hier vor Augen gestellt wird, muss geduldig und mit großer (vor allem akustischer) Aufmerksamkeit erschlossen  werden. Es ist aus Sauls Perspektive fast unmöglich, die Zusammenhänge des KZs und seines Funktionierens zu verstehen - und gerade darin liefert der Film vermutlich ein viel wahrhaftigeres und stimmigeres Bild als die meisten seiner Vorgänger.

Das Leben von Saul wird nicht etwa monoton oder gar isoliert geschildert. Er hat vielmehr im Verlauf des Films unzählige kurze, wenngleich schwer durchschaubare Kontakte mit Vorgesetzten, Gleichgesinnten, Feinden, Opfern. Aber eines hat er nicht: Bindung. So etwas wie Solidarität oder Loyalität ist nicht zu erkennen, auch nicht unter Gesinnungsgenossen. Jeder kämpft für sich. Daraus erschließt sich dann die Motivation für Sauls äußeres Ziel: er will einem ermordeten Kind, von dem er behauptet, es sei sein eigenes (wofür nicht viel spricht...) ein rituelles Begräbnis verschaffen. Dieser etwas vorsätzlich und behauptet wirkende Vorsatz wird emotional erst dann verständlich, wenn man begreift, wie unfassbar allein dieser Saul sich fühlt. Indem es unmöglich ist, eine Bindung zu Lebenden herzustellen, setzt er  alles daran, wenigstens Loyalität zu einem Toten aufzubauen. So absurd es in diesem Kontext wirkt: Saul setzt alles daran, einen Augenblick lang nicht allein zu sein. Und wenn es nur die Gegenwart eines toten Kindes ist, die als Ersatz für andere Beziehungen herhalten muss.

Der Film schafft also eine Konfliktlinie zwischen "flüchtiger Begegnung" und "Bindung". Man könnte auch von "Leben nur für sich selbst" und "Leben für andere" sprechen. Diese Polarität wird konsequent durchgehalten und verleiht der Erzählung ihre Spannung.

Dass Saul mit seinen fixen Ideen den fest verabredeten Aufstand von Häftlingen gefährdet, bringt einen zusätzlichen sozial hoch relevanten Wertekonflikt mit sich: was ist nun wichtiger - das Begräbnis eines Kindes oder die Rebellion, die im bestmöglichen Fall das ganze Lager befreit?!

Auf all diese Fragen gibt "Son of Saul" keine klaren Antworten. Der Zuschauer bleibt mit seinen Mutmaßungen weitgehend allein - was dem Thema nur angemessen ist. Dass der Film dann am Ende doch so etwas wie einen Hauch von Wunscherfüllung liefert, liegt in der unerwarteten Schlusswendung, die es der Hauptfigur im allerletzten Moment erlaubt, so etwas wie ein Lächeln zu formen. Auch wenn kein der Figuren ihr äußeres Ziel erreicht, bleibt doch ein Aspekt von Überleben und Neubeginn zurück.

Insofern liefert "Son of Saul" ein sehr riskantes, aber doch auch konsequent am 'human factor' orientiertes Erzählen: einerseits die schonungslose Darstellung der Hölle; andererseits das Beharren darauf, dass die Menschlichkeit auch in Auschwitz der Vernichtung zu trotzen vermochte.

"Son of Saul" ist also Arthousekino reinsten Wassers; einerseits abweisend und unzugänglich, aber auch wichtig und in seiner Konsequenz einzigartig. Die Oscar-Verleihung als bester ausländischer Film hilft der Verbreitung so sehr wie die hervorragende Mundpropaganda, die ihm voraus eilt. Allzu groß wird die Aufmerksamkeit zwar aufgrund der sperrigen Thematik trotzdem kaum sein. Doch es zeigt sich, dass mutiges, konsequentes, radikales Erzählen doch zu internationalen Erfolgen führen kann, die alle Einwände bezüglich kommerzieller Verkaufschancen vom Tisch wischen können. Es braucht (in Deutschland) mehr Filme dieser Art.

München, 14.3.2016

Roland Zag

Copyright: Sony Pictures Classic

Bildunterschrift