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Filmbesprechung

SPOTLIGHT

Buch: Tom McCarthy, Josh Singer; Regie: Tom McCarthy

Was man am anspruchsvolleren Erzählkino der USA in den letzten Jahren beobachten kann, ist eine Verschiebung vom Individuellen zum Kollektiven. Vereinfacht gesagt, könnte man behaupten, dass die sogenannte "Heldenreise" am Verschwinden ist. Vielmehr ist ein Erzählen am Vormarsch, das man 'systemisch' nennen könnte. Sehr viele relevante Arbeiten (vor allem auch im Serienbereich) der letzten Zeit wenden sich davon ab, die Geschichte einzelner Protagonisten und deren innere Wandlung nachzuvollziehen; viel mehr steht das Erzählen von ganzen Strukturen und Systemen im Vordergrund. Damit werden ganz wesentliche Elemente der klassischen Drehbuchlehre hinfällig, und neue Paradigmen müssten gefunden und beschrieben werden.

Dafür ist "Spotlight" ein hervorragendes Beispiel (genau wie vor wenigen Wochen "The Big Short" oder letzten Herbst "Straight Outta Compton"). Auch andere Oscar-Gewinner wie "Argo" oder "Grand Budapest Hotel" zählen  zu einem neuen Trend, nicht ein einzelnes Subjekt, sondern eine Gruppe ins Zentrum zu stellen.

So hat "Spotlight" weder einen Hauptdarsteller, noch erhebt der Film den Anspruch, Figurenwandlung, innersubjektive Entwicklung oder persönliche Befindlichkeiten in den Raum zu stellen. Die Absicht ist größer. Im Zentrum stehen nicht Personen, sondern NETZE. Diese werden wiederum behandelt, als hätten sie ein Eigenleben. So besteht das Team, das hier im Vordergrund steht, letztlich aus vier bzw. fünf Menschen mit völlig gleichwertigen Rollen. Da ist der neue Herausgeber MARTY (Liev Schreiber) - ein Außenseiter, der seiner Mannschaft fast gegen deren Willen ein Thema diktiert, welches sich als immer brisanter darstellt. Da ist ROBBY (Michael Keaton), der eine bestimmte Führungsrolle ausfüllt, während MIKE (Mark Ruffalo), SACHA (Rachel McAdams) und MATT (Brian d'Arcy James) auf derselben Hierarchieebene agieren.

Das antagonistische Prinzip, gegen das dieses Team angeht und anschreibt, besteht aus einem labyrinthischen, undurchdringlichen Dschungel von Verdächtigungen, Mutmaßungen und unerhörten neuen Dimensionen eines kapitalen Verbrechens. Greifbar wird das nie. Das Imperium, gegen das hier gekämpft wird, schlägt nie zurück. Wirklich dramatische, gar thrillerartige Elemente finden sich kaum. Das vorherrschende Gefühl der Protagonisten wie auch der Zuschauer ist vielmehr das einer bestimmten Ohnmacht gegenüber den undurchschaubaren Strukturen einer Gegenseite, die man nicht kennt und die sich beständig entzieht.

Interessanter Weise verzichtet der Film darauf, tiefer in die Strukturen der Katholischen Kirche oder anderer Machenschaften einzudringen. Wirkliche Konfrontationen sind die Ausnahme. Die Perspektive des Films ist und bleibt bis zum Schluss die der Detektive, die nie genau wissen, wie nah sie an der Wahrheit dran sind.  Daher kommt es zu vergleichsweise wenigen und auch harmlosen äußeren, dafür aber eher inneren Konflikten. Die Feinde bleiben anonym und ungreifbar. Dieses dramaturgische Prinzip führt dazu, dass "Spotlight" kein eigentlicher Thriller ist. Man hat es mehr mit dem fast dokumentarischen Nachspielen einer Ermittlung zu tun, die weitgehend auf der intellektuell-kognitiven Ebene bleibt und den Zuschauer eher rational als emotional unter Spannung stellt.

Interessanter Weise liegt die eigentliche Reibung, der tiefere Konflikt in der Innenwelt des Teams. Denn irgendwann wird klar, dass Robbie die schnelle Veröffentlichung der Ergebnisse zu verzögern versucht. Warum? Erst allmählich zeigt sich, dass er selbst vor Jahren mit daran beteiligt war, einen Teil jener Ergebnisse, die man auch schon früher hätte haben können, zu ignorieren oder  falsch zu interpretieren. Robbies Verhalten wird zumindest teilweise von bewussten oder unbewussten Schuldgefühlen getrieben, weil er alte Fehler vertuschen will (die allerdings nie offen diskutiert oder gar zum Vorwurf gemacht werden).

Auch dieses dramaturgische Vorgehen, welches sich weniger für den Konflikt mit dem 'Feind' interessiert, als vielmehr den Reibungsverlust innerhalb der eigenen Reihen zum Thema macht, kennzeichnet die Geschichte von "Spotlight" als zutiefst systemisch. Im Mittelpunkt steht der Konflikt von ideellen und persönlichen Interessen. Ideell gesehen folgen die fünf Protagonisten ein und demselben Ziel. Doch die persönlichen Interessen und Verstrickungen (vor allem von Robby), also letztlich der 'human factor' führen dazu, dass das System nicht so funktioniert, wie es sollte.

Man geht sicher nicht fehl in der Annahme, dass dieses Erzählen eine große Zukunft hat: weil es nämlich die Befindlichkeit unserer Gegenwart mit ihren undurchschaubaren Strukturen und Apparaten besser abbildet als die altmodische "Heldenreise". Bezeichnenderweise findet man allerdings in der deutschen Filmgeschichte der letzten Jahre (mit Ausnahme von "Das weiße Band") kaum Vergleichbares. Hier liegt ein Feld, auf dem Autoren, Regisseure, Dramaturgen, Förderer usw. noch eine Menge Nachholbedarf vor sich haben. Es wird sich lohnen, dieser Spur zu folgen.

München, 10.3.2016

Roland Zag

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