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Filmbesprechung

Steve Jobs

Buch: Aaron Sorkin; Regie: Danny Boyle

Das Genre 'Biopic' stellt Autoren immer wieder vor neue Aufgaben - und bietet insofern filmhistorisch ein sehr reiches Spektrum an ungewöhnlichen erzählerischen Strategien und Ansätzen.

Im Falle einer so prominenten Figur, deren prägende Bedeutung für unsere Gegenwart mehr oder weniger jedem Zuschauer klar ist, liegt die Problematik auf der Hand: wir wissen, wie die Geschichte ausgeht. Wenn der Film keine beliebige, spannungsarme und in ihre Einzelteile zerfallende Ansammlung von biografischen Daten liefern will (wie das etwa in Deutschland bei "Marlene" oder "Hilde" passiert ist), braucht es einen klaren auktorialen Zugriff: eine strenge erzählerische Form mit einer klaren Absicht.

Beides liefert Aaron Sorkin hier in kaum zu steigernder Rigidität. Er schildert drei  Szenarien, die sich in drei unterschiedlichen Epochen abspielen (1984, 1988, 1998), aber jedesmal mehr oder weniger gleich ablaufen. Jedes mal wird STEVE (Michael Fassbender) in der Vorbereitungsphase zu einer seiner Produkt-Präsentationen gezeigt. Jedes mal finden sich die selben Figuren ein (seine PR-Chefin, seine Ex-Geliebte, Tochter, Chef und sein Ex-Weggefährte).

Mit allen arbeitet er jedes mal in etwa dieselbe Thematik durch, wodurch der Film eine extrem starre - und dadurch sehr theoretische, statische - Dreigliederung erhält. Es spricht aber nicht viel dafür, hier von 'Drei Akten' im klassisch dramaturgischen Sinn zu sprechen. Denn einen geordneten Aufbau mit Exposition, Konfrontation und Auflösung kann man in "Steve Jobs" kaum erkennen - weshalb der Film einmal mehr ein Beispiel dafür ist, wie das aktuelle Hollywood-Kino sich von der konventionellen Drehbuch-Technik verabschiedet.

Viel eher könnte man von einem musikalischen Prinzip sprechen: der Film besteht aus drei Variationen des immer selben Themas. Dreimal arbeitet Steve seine privaten und professionellen Obsessionen mit immer denselben Menschen durch. Dreimal versucht er, sein Lebensmotto durchzuspielen: 'Ihr anderen spielt IM Orchester - ich spiele DAS Orchester'.

Nun stellt sich aber die Frage: WAS GENAU ist denn das Thema? Dass Jobs am Ende sehr erfolgreich wurde, weiß jeder. Dass Apple heute Marktführer ist, sollte ebenfalls bekannt sein. Doch gegen welchen inneren oder äußeren Konflikt muss der Protagonist sich durchsetzen?

Die Antwort auf diese Frage ist in diesem Fall sehr interessant. Denn letztlich liegt der 'Feind', also die antagonistische Kraft, gegen die Steve sich behaupten muss, nicht in den Menschen, mit denen er zu tun hat. Selbst wenn es da massive Konflikte gibt, insbesondere mit WOZNIAK (Seth Rogen), seiner Ex-Geliebten CHRISANN (Katherine Waterston)  oder auch seinem Vorgesetzten SCULLEY (Jeff Bridges) - die Kraft, die sich Steves Ambitionen am hartnäckigsten widersetzt, ist unsichtbar. Und sie wird auch von der Dramaturgie des Films nur in zwei sehr kurzen Zwischenphasen sicht-und spürbar.

Es ist die Öffentlichkeit. In allen drei Phasen des Films ist Steve von der Brillanz seiner Strategie überzeugt. Aber in zwei von drei Fällen irrt er sich. Seine Produkte kommen nicht an, die Firma Apple verliert. Er hat die Öffentlichkeit falsch eingeschätzt, er hat das kollektive Verlangen der Menschen nicht erkannt.

So schildert "Steve Jobs" letztlich einen visionären Ego-Maniak, der sich selbst nur mit den größten Namen vergleicht (Einstein, Bob Dylan, John Lennon) und versucht, mit der unsichtbaren Welt der Öffentlichkeit eine Liebesbeziehung einzugehen. Es sind die Konsumenten, mit denen er sich am intensivsten befasst. Und von denen er geliebt werden will - um als ebenso bedeutende Ikone in die Geschichte einzugehen.

Vor dieser besessenen Liebe werden die konkreten menschlichen Beziehungen marginal, weshalb er die offensichtliche Erotik zwischen ihm und JOANNA (Kate Winslet) glatt übersieht. Konkrete menschliche Gefühle sind eher Störfaktoren, wie etwa im Fall seiner Tochter LISA, die er zunächst nicht anerkennen und für die er zunächst nicht zahlen will.

Die eigentliche persönliche Kraft oder Tugend, um die der Film kreist, ist die der unerschrockenen Hartnäckigkeit. Jobs lässt sich nicht klein kriegen. Er steckt die Niederlagen weg und behauptet sich auch gegen den Widerstand seiner Kontrahenten. Die Libido, es doch noch zu schaffen; die Hoffnung, die Liebe der Massen dann doch noch zu gewinnen, ist einfach zu groß. Und sie setzt sich - wie wir alle wissen - durch.

Ist also "Steve Jobs" ein Film, die 'Wandlung' seiner Hauptfigur zeigt? Der das kathartische Zusammenbrechen eines 'falschen' Wants vor Augen führt, um zum siegreichen 'Need' durchzubrechen? Ganz im Gegenteil. Es ist ein Film, der das reine 'Want' feiert. Wer lange genug nicht nachlässt und sich in seinem Willen nicht korrumpieren lässt, der hat immer eine Chance. Darin liegt der (durchaus 'amerikanische') Reiz der Aussage dieses Films. Klarer könnte die Absage an die konventionelle Drehbuchlehre nicht sein.

Dennoch spielt der konkrete, unmittelbar 'human factor' dabei eine wichtige Rolle. Denn die Beziehungsebene, auf der sich dann doch so etwas wie eine Entwicklung abzeichnet, ist zugleich die emotional wichtigste: die zu seiner Tochter. Erst als Steve in der dritten und letzten 'Variation' des Films so etwas wie Empathie entwickelt; erst als er wirklich in der Lage ist, mit dem Kind eine Beziehung aufzubauen, stellt sich auch der Erfolg ein. Dies ist der raffinierte Kunstgriff des Drehbuchs: es suggeriert, als habe der berufliche Erfolg dann durchaus auch mit der Beziehungsfähigkeit des Menschen zu tun (wobei wir nicht wissen, ob das im Fall von Steve Jobs tatsächlich so war).

Insofern rundet sich am Ende das Bild dann doch: Steves Egomanie hat nicht wirklich nachgelassen; seine Besessenheit ist auch im Moment des Erfolgs nicht geringer geworden. Aber dass er, das Adoptivkind, dann doch in der Lage ist, seine eigene Tochter anzunehmen, scheint der Anlass für den Durchbruch zu sein. Von der 'Wandlung' der Hauptfigur kann man hier kaum sprechen. Aber so etwas wie eine erzählerische Absicht wird dann doch spürbar.

Gleichwohl bleibt "Steve Jobs" als Film ein eher theoretisches, zerebrales Abenteuer. Man wird die Regieleistung bewundern können, die aus drei fast identischen, statischen Szenerien ein Maximum an Visualität heraus holt; man wird die Kunst der Dialoge preisen können, und man lernt eine Menge. Ein wirklich warmes, emotional beflügelndes Werk ist "Steve Jobs" jedoch nicht. Insofern ist mit exorbitanten Zuschauerzahlen nicht zu rechnen.

Gleichwohl dürfte die Konsequenz der Anlage dem Film einen festen Platz in der Geschichte des Genre 'Biopic' sichern.

München, 19.11.2015

Roland Zag

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