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Filmbesprechung

THE HATEFUL 8
 

Buch und Regie: Quentin Tarantino
 

Der Film knüpft in vieler Hinsicht an die vorhergehenden Arbeiten des Regisseurs an. Doch zugleich ergibt sich gegenüber  ”Django Unchained” oder “Inglorious Basterds” ein fundamentaler Unterschied. In den vorhergehenden Filmen ergab sich eine  klare Trennung von Gut und Böse. Vor allem in “Django Unchained” fiel die Empathielenkung des Publikums sehr leicht, weil die  Protagonisten sowohl durch gnadenlose Benachteiligung als auch starke Freundschaftsbindung im Zuschauer enorme emotionale Aufladung entfachten.
 

Dies ist nun in “The Hateful 8″ ganz anders. Vielmehr ergibt sich hier eine Art Rotationsprinzip von positiven und negativen Werten, die quasi reihum verschoben und immer wieder gedreht werden. Die Zuschreibung der Empathie des Zuschauers bleibt nicht ein für alle mal festgelegt, sondern wechselt beständig.
 

Das wichtigste Requisit ist dabei ein angeblicher Brief des Präsidenten Abraham Lincoln an WARREN, (Samuel L. Jackson), den einzigen Afroamerikaner im Bund. Dieser Brief sorgt zunächst nicht nur bei dessen Empfänger, sondern auch dem Kopfgeldjäger RUTH (Kurt Russell) für Aufmerksamkeit. Jeder, der in den Bann dieses Briefes gerät, wird von einem Gefühl der Hochachtung, historischen Bedeutung, menschlichen Strahlkraft erfasst – ehe sich das Ganze als Fälschung entlarvt und so zu einer der vielen Enttäuschungen führt, die man als Zuschauer verkraften muss.
 

Doch auch die Fragen der Gerechtigkeit, des Nord-Südgefälles  und des Rassismus sorgen immer wieder dafür, dass die Frage, wem der Zuschauer seine Gunst verteilt, stets offen bleibt. Dieses Prinzip ist kein Fehler, der dem Autor unterlaufen wäre, sondern eindeutig gewollt.
 

Denn die höhere Absicht, die Tarantino verfolgt, ist nicht die der Spannungsdramaturgie. Wir fiebern NICHT mit ein und derselben Person; wir folgen keiner Heldenreise. Viel wichtiger als die stets nur mäßig hohe Spannung ist das Moment der  ÜBERRASCHUNG. Hier setzt der Regisseur einige erstaunliche erzählerische Mittel ein, um im Publikum einen beständigen Fluss der Verunsicherung und Neu-Interpretation in Gang zu halten. Zu diesen Mitteln gehört die abrupt in der Mitte einsetzende Erzählstimme; die Einführung neuer Figuren, die auf einmal aus dem Untergrund hochpoppen, und die schon bekannte a-chronologische Nachreichung dessen, was bisher geschah.
 

So wird “The Hateful 8″ zum Kreisel. Irgendwann ist klar, dass es eindeutig ‘gute’ Figuren hier nicht geben kann. Jeder verbirgt Abgründe, und Menschlichkeit (die durchaus immer wieder beschworen wird) bleibt Attrappe.
 

Worin besteht nun also die beabsichtigte Wirkung dieses äußerlich eher zurück genommenen Kammerspiels?  ”The Hateful 8″ erweist sich als Moralstudie, die man durchaus als Gegenstück zu “The Revenant” betrachten kann. Das Bindungsgeflecht und die moralische Polarität, welches dort eher unterkomplex erschien, verschwindet bei Tarantino im Überdefinierten. Die Trennung zwischen Gut und Böse existiert hier eben NICHT. Fast jede Figur erscheint mal der Empathie würdig, mal verabscheuenswert. So zeigt uns der Film eine Art Urgesellschaft als Schmelztigel der Gewalt, in der sich das zarte Pflänzchen Menschenwürde noch nicht durchzusetzen vermag. War in “The Revenant” die existenzielle Herausforderung zwischen Mensch und Natur im Vordergrund gestanden, zeigt uns Tarantino, wie nah im Zwischenmenschlichen die Moralität an Bestialität grenzt.
 

Erstaunt nimmt man allerdings zur Kenntnis, dass das vom Titel versprochene Grundgefühl des HASSES am wenigsten spürbar wird. Jede Figur scheint sich in den eigenen Vorurteilen und mehr oder weniger kriminellen Vorlieben gut eingerichtet zu haben. Es geht immer um den eigenen Vorteil, aber kaum je um die wirklich überbordenden emotionalen Ausbrüche.
 

So bleibt der Film als eher überraschende denn hoch spannende Studie zur Geburt der Menschlichkeit aus dem Geist der Gewalt in Gedächtnis. Der Marktauftritt dürfte zwar aus den genannten Gründen etwas schwächer  ausfallen als bei “Django Unchained”. Doch nach wie vor ist ein neuer Film von Tarantino für eine große Zahl von Menschen ein ‘Muss’, sodass die insgesamt wohl geringere emotionale Aufladung nicht allzu schwer ins Gewicht fallen dürfte.
 

München, 30.1.2016
 

Roland Zag


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