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Filmbesprechung

THE REVENANT
 

Buch: Mark L. Smith, Alejandro González Inarritù (nach dem Roman von Michael Punke); Regie: Alejandro González Inarritù
 

Der zentrale ‘Culture Clash’, der sich beim Betrachten von “The Revenant” vollzieht, liegt zwischen der behaglichen Situation heutiger Zuschauer, die in der Regel wohlgenährt und warm im Kinosaal einem Treiben ausgesetzt werden, das entbehrungsreicher, grausamer, kälter und blutiger kaum gedacht werden kann. Wobei sich der Film weniger in Sadismen ergeht (wie etwa im Fall von Tarantino). Die Grausamkeit ist vielmehr eine existenzielle: die Menschen scheinen allein im Kampf gegen Kälte, Schnee, wilde Tiere und Geografie schon chancenlos. Hinzu kommt, dass überall kriegerische und feindselige Menschen und Kulturen lauern. Die einzigartige Erfahrung, die der Film dem Zuschauer bietet, liegt in der Differenz von Lebensbedingungen zwischen einer überzivilisierten Gegenwart einerseits und einer Zeit, die kaum 200 Jahre zurück liegt, den damaligen Menschen aber Unfassbares abverlangte.
 

Insofern lebt “The Revenant” weniger von der Dramaturgie als vielmehr von  archaischen Grunderfahrungen. Das, was GLASS (Leonardo di Caprio) durchlebt, fordert der Empathie ein Maximum ab: der Kampf mit einem Grizzly; das Verzehren von Steinflechten, roher Bison-Leber oder direkt gewonnenem Knochenmark; das Sich-Ausbrennen von Wunden mit Schießpulver, und schließlich das Überwintern im warmen Fleisch eines ausgeweideten Pferdes usw. In dieser Konfrontation von nackten Überlebenswillen mit aussichtslosen Situationen erschafft der Film ein Alleinstellungsmerkmal, das noch weit über vergleichbare Arbeiten wie “Cast Away”, “Into the Wild” oder “All is Lost” hinaus geht.
 

Im Vergleich zu der archaischen Erlebniswelt nimmt sich die Dramaturgie der Geschichte eher zurückhaltend aus. Dennoch liegt ein kraftvoller emotionaler Grundkonflikt vor: nämlich in der Frage, wie viel Loyalität Menschen in Extremsituationen für einander aufzubringen vermögen. Angesichts des schwerst verletzten Glass verspürt der amoralische Egoist FITZGERALD (Tom Hardy) wenig Verlangen, auf dessen Genesung zu warten. Das dramaturgische Dilemma, ob es richtig war, Glass in schier aussichtsloser Situation zurück zu lassen, zieht sich in vielen Variationen durch den Film. Bleibt diese Fragestellung noch in der Ambivalenz, arbeitet die Dramaturgie doch entschlossen darauf hin, Fitzgerald ganz und gar zum Bösewicht zu stempeln: denn er hat auch Glass’ Sohn HAWK (Forrest Goodluck) auf dem Gewissen. Insofern besteht an seiner Verwerflichkeit kein Zweifel.

Trotz dieser simplen Gut-Böse-Relation schafft es der Film, sich von der rein egoistischen Rachegeschichte zu einem ‘human factor’-getriebenen Drama zu entwickeln. Denn in “The Revenant” will Glass nicht sich selbst, sondern den Tod seines Sohnes rächen. Wie überhaupt die Schilderung von Glass’ Bindung an das Kind und die verstorbene Ehefrau eine fast grenzwertige Überhöhung erfährt (die in ihrem Pathos sicherlich entweder irritieren oder tief berühren kann).

Zu den ‘human factor’-Elementen  gehört aber auch die intensive Bindung an den vereinsamten Indianer, der Glass das Leben rettet und  selbst mit dem Leben bezahlen muss; wie überhaupt die Betonung des Indigenen eine große Rolle spielt: denn die Hauptfigur ist der einzige Weiße, der der fremden Sprache(n) mächtig ist, selbst mit Indianern gelebt hat und seine Loyalität zu den Ureinwohnern damit unter Beweis stellt. Dies wird in der Schlusseinstellung deutlich, wo Glass einem eigentlich feindlichen Indianerstamm begegnet; indem er aber die Frau vor einer Vergewaltigung gerettet hatte, bleibt er unversehrt. Das ist ‘human factor’ pur.
 

Auffallend aber ist einmal mehr, dass das große Hollywood-Kino sich für die Wandlung oder Reifung der Figuren nicht mehr interessiert. Die Hauptfigur Glass macht keine innere Entwicklung durch. Viel wichtiger scheint der grundsätzliche Zusammenprall von Überlebenswille einerseits mit unwirtlichen äußeren Umständen andererseits. Letztlich spiegelt sich darin eine schon eine Auseinandersetzung mit ökologischen Fragestellungen der heutigen Zeit: die unberührte Natur scheint sich in “The Revenant” der Eroberung durch den Menschen brutal entgegenstemmen zu wollen; rückblickend aber hat der Planet diesen Kampf womöglich ebenso verloren wie die ausgerotteten Indianer. Gerade die Kameraführung zwischen extremen Totalen und extremer physischer Nähe zum Boden, zum Wasser, zum Eis evoziert den Eindruck, als wäre die Natur ein eigenes Lebewesen, das sich vergeblich gegen das Eindringen der Zivilisation zu wehren versucht.

Insofern bietet “The Revenant” unter der atemberaubenden Oberfläche und der fast simplen, aber stark emotional unterfütterten Geschichte auch eine Gelegenheit, das Verhältnis von Mensch und Natur zu reflektieren. Es entsteht ein  physisches Erlebniskino, das dem Zuschauer sehr abverlangt (auch viel Geduld…). Zugleich bietet der Film ein Maximum dessen, was man sich unter “Großem Kino” vorstellen mag. Alles zusammen dürfte dafür sorgen, dass der Film ein großes Publikum erreicht und wohl überwiegend auch stark beeindruckt.
 

München, 10.1.2016
 

Roland Zag

filmstarts.de