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Filmbesprechung

The Tribe

Buch und Regie: Miroslav Shlaboshpitsky

„Die Welt ist alles, was der Fall ist“, lautet ein berühmtes Zitat von Ludwig Wittgenstein. Demnach steht die Konstatierung äußerer Befindlichkeiten der Welt an erster Stelle, die Beschreibung wäre wichtiger als die Interpretation. Das Feststellen und Beobachten ist nach dieser Einschätzung höher zu bewerten als die Einordnung in moralische Kategorien.

Von dieser Maxime lässt sich „The Tribe“ leiten. Der erzählerische Gestus hat etwas Ethnographisches: es handelt sich um eine mitleidlose, extrem distanzierte Beobachtung von Geschehen, die der Zuschauer erst langsam dechiffrieren muss.

Der Film dürfte in Sachen Sperrigkeit, Konsequenz und Pessimismus zum ‚Non plus Ultra’ derzeitiger Kino-Kunst gehören. Durch die Entscheidung, die Tonspur weder mit Musik noch mit gesprochenem Wort auszustatten und zudem die Kamera stets in der Halbtotalen zu halten, wird der Zuschauer vor große Herausforderungen gestellt. Gegenstand der Beobachtung ist ein Internat von Gehörlosen mit Hierarchien, Ritualen und  brutalen Rivalitäten. Wir beobachten tatsächlich einen ‚Tribe’, also ein Gebilde  von Menschen, innerhalb dessen zwar einzelne Entwicklungen nachvollzogen werden, aber doch immer die Interaktion innerhalb des sozialen Ganzen treibende Kraft bleibt.

Tatsächlich mutet der Film dem Publikum ein Maximum an Schrecknissen zu. Die Frage, ob man daraus ästhetischen oder ethischen Gewinn ziehen kann, muss jeder für sich selbst entscheiden. Unbestreitbar ist jedoch, dass hier eine Arbeit von hoher Konsequenz und Kunstfertigkeit vorliegt.

Die treibende Kraft ist hier einmal der 'human factor' in Gestalt der Zugehörigkeit als treibender Kraft. Sie steht mit massiver Deutlichkeit im Raum. Zunächst verfolgen wir den eher diffusen Leidensweg eines jungen Mannes, der im Internat bestimmte (in der Filmgeschichte nicht ganz neue) Rituale der Unterwerfung über sich ergehen lassen muss, um ins soziale Ganze aufgenommen zu werden.

Eine konkrete ‚Story’ schält sich erst heraus, sobald die Hauptfigur die Rolle als Zuhälter der beiden weiblichen Internats-Bewohner übernommen hat. An diesem Punkt beginnt die zweite, und wesentlich individuellere, also auch emotionalere Ebene der Zugehörigkeitsgeschichte. GRIGORIY entwickelt Zuneigung zu einer der beiden Prostituierten. Er will um jeden Preis (um wirklich JEDEN Preis...) verhindern, dass seine Geliebte nach Italien geht. Zu diesem Zweck versucht er sie zurück zu kaufen, was die extrem blutigen Ereignisse des letzten Aktes in Gang bringt.

Insofern liefert „The Tribe“ nicht nur ein Crescendo der Gewalt, sondern auch ein Crescendo des ‚Want’. Lange Zeit war kaum zu erkennen, worum es der Hauptfigur eigentlich geht. Erst je länger das Geschehen sich entwickelt, desto deutlicher wird der Wille, einen lieb gewordenen Menschen zu halten. Mittelpunkt des Geschehens ist also mal wieder das Geben und Nehmen in radikalisierter Form: Grigorij glaubt, mit geraubtem Geld die geliebte Frau halten zu können. Entscheidend ist der  Wunsch, zu BESITZEN. Der Verlust von Immateriellem (in diesem Fall: der Beziehung zu einer Frau) ist dann doch mehr wert als ein paar Menschenleben.

Insofern kann man „The Tribe“ als extrem pessimistische und grausame Studie über die Herzlosigkeit der Welt interpretieren. Aber genauso gut lässt sich auch das Gegenteil behaupten: Der Film lässt sich insgeheim auch als Feier der Liebe interpretieren – wenn auch eines extrem eingeschränkten und am Ende vernichtenden und verzweifelten Begriffs von Liebe als Besitz.

Allemal wird der Film in Anspruch und Umsetzung der eigenen Idee gerecht: es wird tatsächlich mit minutiöser und mitleidloser Genauigkeit das Zusammenleben einer bestimmten Gemeinschaft unter bestimmten Bedingungen seziert, aber nicht interpretiert.

So findet „The Tribe“ als nonkonformer kleiner Film für Minderheiten in seiner simplen Konsequenz wohl überall auf der Welt Interesse. Dieses Interesse ist gewiss mehrheitlich auf Menschen beschränkt, die ihre Leidensfähigkeit als Zuschauer in die Waagschale werfen und sich dafür am Ende mit ästhetischem Genuss belohnt sehen. Sie machen überall die Minderheit aus. Doch die internationale Aufmerksamkeit macht das wett, was an konkretem Massenerfolg fehlen mag. Am Ende geht die Rechnung für solche Filme – wenn sie denn konsequent genug sind - dennoch auf.

München, 19.10.2015

Roland Zag

giga.de