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Filmbesprechung

TOMORROW

 

Buch und Regie: Cyril Dion, Mélanie Laurent

 

Wir Menschen beschäftigen uns allzu gern mit Mängeln, Fehlern und Problemen. Unser Blick auf  die Welt scheint grundsätzlich und reflexhaft vom Defizitären magisch angezogen.

 

„Tomorrow“ wählt hier einen gegensätzlichen Ansatz. Obwohl die apokalyptischen Aspekte, die möglicherweise schon bald zu dramatischen Verschlechterungen der Lebensbedingungen auf diesem Planeten führen, in diesem Film nicht geleugnet werden, konzentriert sich der dokumentarische Blick auf die Schilderung von Hoffnung machenden Ansätzen. Der Film folgt gewissermaßen dem Spruch: „Wir brauchen keine Probleme, wir brauchen Lösungen“. Daraus folgt die grundsätzlich positive Grundidee von „Tomorrow“.

 

Hinter dieser Suche steckt allerdings nicht nur ein abstraktes Programm, sondern der emotional sehr bedeutsame Faktor, dass hier die GEMEINSCHAFT in kaum zu steigerndem Maß bespielt wird.  Der Film kennt sozusagen das Wort ‚Ich’ gar nicht. Er handelt immer nur vom ‚Wir’. Das beginnt schon bei den Filmemachern, die sich zu Beginn als Kollektiv vorstellen. Und auch in der Schilderung relevanter Initiativen zur ‚Rettung der Welt’ steht nicht nur der erwähnte Ansatz im Vordergrund, sich mit Hoffnung machenden Lösungen zu beschäftigen – sondern auch und vor allem der Wille, sich über egoistische Einzelinteressen hinweg zu setzen. Im Mittelpunkt stehen stets kollektive Anstrengungen: einer Firma, einer Initiative, einer Stadtgemeinschaft, einer Schule...

 

Der ultimative Begriff von ‚Wir’ aber, der dahinter steckt, bezieht letztlich alle Menschen mit ein. Erst wenn ALLE Menschen begreifen, dass sie im selben Boot sitzen, kann ein Umdenken stattfinden. So weit sind wir längst noch nicht – doch Filme wie „Tomorrow“ arbeiten daran.

 

Der Film handelt demnach von dem Bewusstsein, dass die Lösungen, die man für die drängendsten Probleme finden muss, immer nur kollektiv zu erreichen sind. Und insofern konfrontiert uns der Film nicht nur mit neuen Begriffen wie etwa ‚Ökonologie’ – er präsentiert uns vor allem eine Welt der flachen Hierarchien. Alles, was man in „Tomorrow“ sieht, beruht auf gemeinschaftlich entwickelten Ideen. Die hierarchisch steile überkommene Abfolgen von ‚Befehlen und Gehorchen’, der wir auch heute noch an vielen Stellen begegnen, hat hier abgedankt.

 

Diese Entwicklung macht „Tomorrow“ einerseits zu einem mitreißenden Film, der z.B. in Frankreich bereits viele Rekorde gebrochen hat. Andererseits führt rein dramaturgisch die Fokussierung auf flach-hierarchische Projekte dazu, dass erzählerisch gerade das fehlt, was (Dokumentar)-Filme so interessant machen kann: der Konflikt. Zu den Thesen aus „Tomorrow“ ergeben sich relativ wenige Antithesen; die Statements stehen relativ widerspruchsfrei im Raum; und die Frage, warum sich einige der offenbar gut funktionierenden Modelle dieses Films dann doch noch nicht durchgesetzt haben, wird kaum je gestellt.

 

In dieser Herangehensweise ist „Tomorrow“ zweifellos konsequent – allerdings mit der Folge, dass sich der Film irgendwann weit ins Reich des ‚Wishful Thinking’ hinein wagt. Diese einseitig positive Überspitzung von Lebensmodellen ist sicherlich gewollt und auf ihre Art auch wirkungsvoll. Zugleich bleibt doch die Frage, wie man vom derzeit vorherrschenden Lebensstandard der westlichen Welt dort hingelangt, wo die Protagonisten von „Tomorrow“ schon sind. Auf diesem Weg lauern mit Sicherheit Konflikte. Es wäre spannend, zu beobachten, wie man mit diesen umgehen könnte.

 

Aber das wäre dann vielleicht schon wieder ein ganz neuer, anderer Film. Vorläufig bleibt zu konstatieren, dass „Tomorrow“ ein Dokumentarfilm ist, der dank seines Gemeinschaftsfaktors ungewöhnlich positiv und mitreißend wirken kann – dabei jedoch auch seine Ermüdungserscheinungen hervorruft.

 

Für die Kinoauswertung in Deutschland bedeutet dies, dass der Film – parallel zur EM – kaum Chancen hat, ähnlich erfolgreich zu werden wie in Frankreich. Aber die öffentliche Wahrnehmung auf einem beachtlichen Niveau ist doch gut möglich.

 

München, 29.6.2016

 

Roland Zag

 

 

Tomorrow

Quelle: Pandora Filmverleih