aktuelle

Filmbesprechung

Wir wollten aufs Meer

Buch: Ronny Schalk, Toke Constantin Hebbeln
Regie: Toke Constantin Hebbeln


Ist es nicht sonderbar, ja ungerecht?! Da kommt ein Film wie “Wir wollten aufs Meer” und erzählt mit hervorragenden Darstellern, professioneller Umsetzung und viel filmischem Gespür die glaubhaft erzählte Geschichte von drei jungen Männern in der Ex-DDR, die sich in schicksalshafter Verstrickung mit dem Stasi-System ganz unterschiedlich entwickeln – ein Film, der den Vergleich mit dem Welterfolg und Oscargewinner “Das Leben der Anderen” direkt herausfordert. Kein Zweifel – “Wir wollten aufs Meer” ist eine handwerklich und künstlerisch ausgereifte Arbeit, die sich vor niemandem verstecken muss. Auch dramaturgisch wird man erst mal nicht leugnen können, dass hier massive Loyalitäts- und Zugehörigkeitskonflikte verhandelt werden.

Und doch dürfte der Film sowohl am deutschen Markt wie im Ausland nicht annähernd die starke Wirkung zeigen wie der Debütfilm von Florian Henckell v.Donnersmarck. Warum? Ist das reiner Zufall, ein unglückliches Zusammenspiel unwägbarer Marktfaktoren?

Sicherlich spielen hier viele Gründe zusammen. Aber es gibt rein dramaturgisch mindestens EIN sehr starkes Argument, das erklärt, worin sich die beiden Filme fundamental unterscheiden.

Die durchschlagende Wirkung, die vom “Leben der Anderen” ausging, entstand maßgeblich durch die PROZESSHAFTE Dramaturgie. Gezeigt wurden Figuren (in erster Linie der Stasi-Offizier Wiesler), die sich im Lauf des Films kontinuierlich veränderten und wandelten. Wiesler durchlief innerlich einen kontinuierlichen Bogen, der ihn immer wieder vor Entscheidungen stellte und  unvorhersehbare Reaktionen nach sich zog.

Hier liegt der große Unterschied. Denn genau dieses Element der WANDLUNG fehlt in “Wir wollten aufs Meer” fast vollständig. Im Grunde bleibt die Phase der Ambivalenz und Entscheidungsfreiheit auf den ersten Akt beschränkt. Mit dem Plot Point, also nach dem großen Zerwürfnis zwischen CONNY (Alexander Fehling) und HORNUNG (August Diehl) haben eigentlich alle Personen ihre moralische Position eingenommen, und alle dramatischen Fragen sind bereits gelöst, bevor sie sich im zweiten Akt stellen. Hornung wählt den (aus seiner persönlichen Not heraus verständlichen, aber eben doch verwerflichen) Weg der Stasi-Kooperation. In dieser Rolle gleitet er immer tiefer ins schlechthin Böse ab. Er verrät nicht nur seinen Freund, sondern hintertreibt aus Machtlust auch noch dessen Liebe zur Vietnamesin PHUNG MAI (Phuong Thao Vu). Auch mit dem Bespitzelungs-Opfer SCHÖNHERR (Ronald Zehrfeld) kennt er keine Gnade. In dieser Haltung verharrt Hornung bis zum Schluss. Er ist moralisch auf die Rolle des Schurken festgelegt, und bleibt darin gefangen.

Genauso wenig Handlungsspielraum bleibt den Opfern Conny und Schönherr. Die ganze Gruppe der politischen Häftlinge, die in “Wir wollten aufs Meer” der Willkür eines korrupten Systems ausgesetzt ist, bleibt in Ohnmacht verfangen. Die Figuren können kaum noch dramatisch agieren, ihre Rolle bleibt genauso statisch wie die Hornungs. Große Entscheidungen oder Wandlungen sind ausgeschlossen.

Damit fehlt dem Film nicht nur die Metamorphose der Figuren, sondern auch ein Element der Spannung. Wir WISSEN längst, wer auf welcher Seite steht. Und daran ändert sich nie sehr viel. Dramaturgisch gesprochen, ist der ÄUSSERE Konflikt sehr groß (das Gefängnisleben bietet jede Menge Kämpfe, Raufereien, Rebellionen). Doch die innere Entwicklung der Figuren ist schon mit dem Ende des ersten Aktes abgeschlossen.

Damit fällt ein sehr wesentliches Element des inneren Wirkungsgefüges weg. Vielfach ist man als Zuschauer gezwungen, rein rational die komplizierten Versuche der Häftlinge zu entwirren, die Gefängnisleitung aufs Kreuz zu legen. Diese eher schwierige Denksportaufgabe kommt aber an emotionaler Wirkung nicht dem gleich, was innere Prozesse und Wandlungen der Protagonisten  an Intensität freisetzen können.

Insofern ist es aus Sicht der Dramaturgie dann doch nicht mehr so unerklärlich, warum “Wir wollten aufs Meer” nicht dieselbe Form von Anerkennung finden wird wie “Das Leben der Anderen”. Am Ende bleibt das Innenleben der Protagonisten doch weit weg. Die Liebe zwischen Conny und seiner Vietnamesin wird zwar sehr intensiv zu Ende erzählt, und hier kommt am Ende auch wirkliche Emotion auf. Aber verglichen mit den komplexen Wandlungsprozessen in “Das Leben der Anderen” kann eben “Wir wollten aufs Meer” am Ende trotz aller Qualitäten kaum verglichen werden.

Insofern kann man hier auf eine konkrete Markteinschätzung verzichten. Der Film hat mehr Aufmerksamkeit verdient, als er erhalten wird. Was schade ist, aber seine Ursachen hat.

Dramaturgische Einschätzung: Roland Zag

München, 19.9.2012

Bildunterschrift