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Filmbesprechung

  • DAS PUBERTIER Buch: Leander Haussmann, Jan Weiler; Regie: Leander Haussmann Wer ein chaotisches und unruhiges Lebensgefühl beschreibt, darf ruhig auch chaotisch und unruhig sein. „Das Pubertier“ steckt voller Überraschungen und Stilbrüche. Da verliert sich die Erzählung schon mal in der unterschiedlichen Interpretation eines sexistischen Schüler-Aufsatzes, der für sich genommen völlig nebensächlich ist, aber mit viel Aufwand groß inszeniert wird; oder ein Nachbar, der zur Handlung wenig beiträgt, erhält kurzzeitig überdimensional viel Gewicht. Genauso verläuft eben die Pubertät: äußerlich tut sich oft gar nicht viel, aber innerlich gibt es jede Menge Aufregung.

  • EINSAMKEIT UND SEX UND MITLEID Buch und Regie: Helmut Krausser, Lars Montag; Regie: Lars Montag Der Ensemblefilm wird vielerorts als Königsdisziplin der Dramaturgie gehandelt: gilt es doch, die Aufmerksamkeit der Zuschauer in diesem Fall auf zwölf annähernd gleich wichtige Figuren zu verteilen. Um hier keine Monotonie aufkommen zu lassen, wurden im Falle dieses Films bizarre, unverwechselbare Lebenswelten gewählt: vom alternden Messie über die hyper-sterile Singlefrau, vom christlich verklemmten Fundamentalisten bis zu einem Pärchen von Prostituierten über einen fremdenfeindlichen Polizisten, die vereinsamte Künstlerin, den frustrierten Supermarktleiter bis hin zu einem geilen Teenager-Pärchen lassen sich die Sphären sehr gut auseinanderhalten.

  • JAHRHUNDERTFRAUEN (20th Century Women) Buch und Regie: Mike Mills Bisweilen begegnen wir Filmen, die uns die Begrenztheit der standardisierten dramaturgischen Regelwerke lustvoll vor Augen führen. War 2016 „L’Avenir“ („Alles was kommt“) ein Fall, wo sich alle Erwartungen ans konventionelle Storytelling nicht einlösen wollten, und dennoch ein überzeugender Film entstand, so wird man jetzt in „Jahrhundertfrauen“ vergeblich auf Plot Points, Akt-Strukturen, ja überhaupt auf eine Handlung im eigentlichen Sinn warten. Die Rezeptur von Drehbuchratgebern wie etwa „Safe the Cat“ ist hier so weit entfernt wie nur möglich.

  • ALIEN COVENANT Story: Jack Paglen; Michael Green; Buch: John Logan, Dante Harper; Regie: Ridley Scott Das Alleinstellungsmerkmal der ersten „Alien“ Filme bestand einst in einer fulminant INNERLICHEN Zuschauerwirkung. Die Bedrohung war allgegenwärtig, und vor allem deshalb so schrecklich, weil man die (das?) Monster nie sah. Die Wirkung vollzog sich hauptsächlich in der Fantasie des Zuschauers. Dieses Prinzip wurde inzwischen längst aufgegeben. Die blutrünstigen Kreaturen werden mittlerweile visuell intensiv bespielt. Der Schrecken wird damit äußerlich. Und viel leichter zu ertragen.

  • MARIA MAFIOSI Buch und Regie: Jule Ronstedt Den Potenzialen einer filmischen Geschichte nähert man sich am besten von zwei Seiten: Zum einen sind da Konflikte und die Dilemmata des zweiten Akts. Je heftiger sie hochkochen, desto besser. Diesbezüglich ist „Maria Mafiosi“ sehr gut aufgestellt. Der innere Zwiespalt einer Polizistin, die erkennen muss, dass der Vater ihres ungeborenen Kindes bei der Mafia ist, lässt sich schwer steigern. MARIA (Lisa-Maria Pothoff) steckt wirklich in massiven Schwierigkeiten, sobald ihr klar wird, dass ROCCO (Serkan Kaya) von Seiten seiner kriminellen Familie dazu gezwungen wurde, die Leiche eines Konkurrenten zu entsorgen und nun sogar drauf und dran ist, eine ‚arranged marriage‘ mit einer Italienerin einzugehen.

  • RÜCKKEHR NACH MONTAUK Buch: Colm Toíbin, Volker Schlöndorff; Regie: Volker Schlöndorff Wenn schon mit den ersten Worten klar wird, worum es geht, ist das fürs filmische Erzählen eine ideale Steilvorlage. MAX (Stellan Skarsgaard) formuliert unmittelbar zu Beginn direkt in die Kamera das Thema: ihn beschäftigt die Reue. Es gibt im Leben unbereinigte Fehler. Man sind nicht wieder gut zu machen. Andere lassen sich korrigieren. Alle Zuschauer wissen das: jeder kennt den Schmerz über unwiderruflich Versäumtes. Insofern warten wir im weiteren Verlauf auf die Einlösung der dramaturgischen Frage: was genau bereut Max? Und wird es möglich sein, etwas nachzuholen?

  • TIGER GIRL Buch: Ines Schiller, Jakob Lass; Regie: Jakob Lass Wer sich auf die Absicht des bewusst ‚amoralischen’ Erzählgestus dieses Films einlässt, für den wirken viele Voraussetzungen überzeugend. Der Wertekonflikt zwischen der zunächst noch überangepassten VANILLA (Maria-Victoria Dragus) und der ungestümen TIGER (Ella Rumpf) könnte kaum größer sein. Und damit sind schon mal wichtige Grundbedingungen für erfolgreiches Erzählen erfüllt: die Gegensätzlichkeit der Haltungen, sowie die Intensität der Beziehung.

  • DIE ANDERE SEITE DER HOFFNUNG (Toivon Tuolla Puolen) Buch und Regie: Aki Kaurismäki Vielleicht genügt es schon, das letzte Bild des Films und seine Wirkung auf den Zuschauer zu betrachten, um die dramaturgische Strategie zu erklären: Der syrische Flüchtling KHALED (Sherwan Haji) liegt, schwer verletzt und vielleicht sogar dem Tod geweiht, in Helsinki am Hafen. Die Wirkung aufs Publikum ist eigentlich niederschmetternd. Alle Hoffnung, die sich Khaled auf ein besseres Leben gemacht hat, scheint zunichte. Er wurde das Opfer sinnloser, brutaler Gewalt. Das Glück, das so nahe war, scheint ist in weite Ferne gerückt.

  • TIGER GIRL Buch: Ines Schiller, Jakob Lass; Regie: Jakob Lass Wer sich auf die Absicht des bewusst ‚amoralischen’ Erzählgestus dieses Films einlässt, für den wirken viele Voraussetzungen überzeugend. Der Wertekonflikt zwischen der zunächst noch überangepassten VANILLA (Maria-Victoria Dragus) und der ungestümen TIGER (Ella Rumpf) könnte kaum größer sein. Und damit sind schon mal wichtige Grundbedingungen für erfolgreiches Erzählen erfüllt: die Gegensätzlichkeit der Haltungen, sowie die Intensität der Beziehung.

  • DIE SCHÖNE UND DAS BIEST (The Beauty and the Biest) Buch: Stephen Chbonsky, Evan Spiliotopoulos; Regie: Bill Condon Der gleichnamige Film von Jean Cocteau aus dem Jahr 1946 ging zwar in die Kinogeschichte ein; einen wirklichen Millionenhit hätte man dem Stoff aber nicht ohne wesentliche Veränderungen zugetraut. Dazu war Cocteaus Version zu verspielt und zu sehr auf den einsamen Prinz zugeschnitten. Der Vergleich mit der jetzt vorliegenden aktuellen Version offenbart die relevanten Unterschiede – und zeigt die Mechanismen, die greifen müssen, um den Film zum Blockbuster zu machen.

  • LOMMBOCK Buch und Regie: Christian Zübert Man kann nicht anders, als dieses Sequel des Erfolgsfilms „Lammbock“ von 2001 in Vergleich zu „Trainspotting 2“ zu setzen. Die Parallelen sind offensichtlich. Nicht nur werden in beiden Fällen lang zurückliegende Erfolge fortgesetzt, Fragen nach der Midlife-Crisis gestellt und der Umgang mit Drogen reflektiert; sondern vor allem ist auch die Grundkonstellation erstaunlich deckungsgleich. In „T 2“ kommt genau wie in „Lommbock“ ein scheinbar bürgerlich arrivierter junger Mann zurück in seine Heimat, um irgendwann zugeben zu müssen, in der Fremde gescheitert zu sein. Nun stellt sich die Frage: wie weiter?!

  • MOONLIGHT Buch: Tarell Alvin McCraney; Regie: Barry Jenkins Die Kraft dieses Filmes geht unter anderem auch von all dem aus, was er NICHT zeigt. „Moonlight“ ist ein Paradebeispiel für die Wirkungsmacht der Reduktion. Je entschiedener sich Autoren auf EINE Erzählidee fokussieren, und je konsequenter sie den Mut haben, alles, was der Erzählidee nicht dient, wegzulassen, desto größer die Wahrscheinlichkeit für die Durchsetzungsfähigkeit des Films – wie sich aktuell durch den Oscar für den besten Film bestätigt

  • WILDE MAUS Buch und Regie: Josef Hader Es gibt zwei Möglichkeiten, sich dem Film zu nähern. Man kann „Wilde Maus“ entweder als eine Reihung und Variierung einiger wirkungsvoll komödiantischer Auseinandersetzungen mit dem Thema ‚Verlieren’ betrachten. Dann kann man sich entspannt daran erfreuen, wie GEORG (Josef Hader) seinen Job verliert und gegen die vermeintliche Ungerechtigkeit wütet, indem er seinen Ex-Vorgesetzten WALLER (Jörg Hartmann) mit mehr oder weniger pubertären Racheplänen heimsucht. Aber auch Georgs Frau JOHANNA (Pia Hierzegger) hat als Therapeutin kein Glück und verliert einen ihrer wenigen Patienten. In den vielen Szenen, die bis zum Schluss letztlich ein und dieselbe Emotion variieren, wird man viel Komödiantik entdecken. Und indem einer der beliebtesten Schauspieler Österreichs fast permanent im Bild ist, kann – wenn einem das genügt – eigentlich nichts schief gehen.

  • ELLE Buch: David Birke, nach einem Roman von Philippe Djian; Regie: Paul Verhoeven Es ist nicht leicht, „Elle“ mit herkömmlichen Methoden zu analysieren. Handelt es sich um eine ‚Reise der Heldin’?! Wohl kaum. Auch wenn die Hauptfigur MICHELLE (Isabelle Huppert) pausenlos im Mittelpunkt steht, wird man auf den ersten Blick die Figurenwandlung vermissen – denn die hartgesottene Game-Entwicklerin wirkt am Ende nicht mehr oder weniger selbstbestimmt und kraftvoll als zu Beginn. Zwar schickt der Film seine Heldin auf eine Reise in die Dunkelheit triebhafter Verstrickung – aber es scheint nicht so, als mache das der Heldin viel aus. Im Gegenteil.

  • DER JUNGE KARL MARX Buch: Pascal Bonitzer, Raoul Peck; Regie: Raoul Peck Eigentlich verwunderlich, dass die intensive und extrem folgenreiche Freundschaft zwischen den beiden Vordenkern des Marxismus noch nie im Kino zu sehen war! Schließlich wirken die Voraussetzungen glänzend: in den Jahren 1843 – 1848 leidet ein bettelarmes und politisch komplett rechtloses Proletariat unter der Willkür der Bourgeoisie. Und die Gruppe von Intellektuellen, die das zu ändern versucht - Sozialrevolutionäre wie PROUD’HON (Olivier Gourmet) oder WEITLING (Alexander Scheer) verzetteln sich in internen Machtkämpfen.

  • LA LA LAND Buch und Regie: Damien Chazelle Der durchschlagende Erfolg des Films verdankt sich vielem: der Kamera, der Choreografie, dem Schnitt und vor allem natürlich dem Spiel überragender Darsteller. Dennoch legt das Drehbuch die Basis. Er konzentriert sich schnörkellos und ohne alle Subplots auf das Innenleben der beiden Hauptfiguren. Daher verdankt der Film in einem tieferen Sinne seine Wirkung der ungewöhnlich tiefen und klaren Durchdringung von drei Grundbegriffen des ‚human factor’: der Austauschebene, dem Wertekonflikt und dem Spiel mit dem Publikumswunsch.

  • THE SALESMAN (Fourshande) Buch und Regie: Asghar Farhadi Auch wenn der ausgesprochen nüchtern und realistisch inszenierte Film eigentlich wie das genaue Gegenteil aussieht: über weite Strecken funktioniert „The Salesman“ wie ein Horrorthriller. Zwar verzichtet die sehr alltägliche Geschichte auf jegliche Dramatisierung. Es gibt keine Effekte, nicht einmal Musik. Und doch sind die Elemente aus dem Genrekino bekannt: das unerwartete Eindringen der bösen Macht, die Traumatisierung, die Angst, Wut, und schließlich die Rachsucht. Am Ende aber – und darin liegt der Clou – wird sich der Film als aufklärerisches Anti-Genrekino erweisen, das mit einer versteckten moralischen und politischen Botschaft verstört und den Thriller weit hinter sich lässt. Wie ist das möglich?

  • MEIN BLIND DATE MIT DEM LEBEN Buch: Ruth Toma, Oliver Ziegenbalg; Regie: Marc Rothemund Das Thema der Behinderung tritt, insbesondere im Kino, immer mehr in den Fokus des filmischen Erzählens. Der ‚Schicksalsfilm’ zwingt die Menschen, mit Einschränkungen zu leben, gegen die sie ohnmächtig sind. So auch in „Mein Blind Date mit dem Leben“. SALIYA (Kostja Ullmann) muss mit einer schlimmen Augenkrankheit leben, die ihn nahezu erblinden lässt. Sein Traum von der Karriere in einem Luxushotel droht zu platzen – wenn er nicht das Unmögliche wagt und seine Behinderung verschweigt

  • MANCHESTER BY THE SEA Buch und Regie: Kenneth Lonergan Die landläufige Formel für jede Geschichte lautet: Eine Figur will etwas, und jemand hindert sie daran. Viele Filme funktionieren so. Aber dieses dramaturgische Dogma ist längst überholt – wie „Manchester by the Sea“ zeigt. Hier ist offensichtlich, dass LEE (Casey Affleck) zunächst NICHTS will. Er weigert sich, zu kommunizieren, sich auf Leute einzulassen, Rücksicht zu nehmen. Sein letztes Lebenszeichen sind unmotivierte Schlägereien. Die Figur schottet sich ab.

  • VIER GEGEN DIE BANK Buch: Tripper Clancy, Lucy Astner; Regie: Wolfgang Petersen Das Starkino ist ein legitimes filmisches Genre. Mitunter will das Publikum bekannte Gesichter in vorhersehbaren Rollen sehen. In „Vier gegen die Bank“ besagt schon der Titel, was auf einen zukommt. Ein gewisser altmodischer Charme ist garantiert - und damit die Weihnachtsunterhaltung für die ganze Familie vorprogrammiert. Umso mehr muss ein Film wie dieser versuchen, den immanenten Konflikt hochzuhalten. Dieser liegt hier in der chaotischen Schere zwischen Anspruch (vier Amateure wollen eine Bank ausrauben) und Wirklichkeit (eigentlich geht alles schief, aber letztlich dann eben doch gut aus). Solange dieser Konflikt vorherrscht und der Culture Clash zwischen den sehr unterschiedlichen Charakteren zur Wirkung kommt, können die Stars ihre Routine zum Einsatz bringen. Sobald aber aus Harmlosigkeit Vorhersehbarkeit wird, der Konflikt also zu früh aufgelöst wird, kann die Spannung auch verloren gehen.

  • DIE BLUMEN VON GESTERN Buch und Regie: Chris Kraus Die Holocaust-Komödie der dritten Generation war im deutschen Kino überfällig. Die Komödie liebt die Fallstricke, den Tabubruch, das Fettnäpfchen. Nirgends gibt es mehr davon als im Feld der Aufarbeitung deutscher Vergangenheit. „Die Blumen von gestern“ wählt hier den direktesten Weg: die Konfliktzonen werden so schnell wie möglich angesteuert. Von der Weigerung, in einen Wagen zu steigen, weil Mercedes auch Juden vergast hat, über die Unterstellung, eine alte Frau handle aus dem ‚jüdischem Geschäftssinn‘ bis hin zum Hitler-Kinderfoto, das mit einem KZ-Überlebenden verwechselt wird, kommt alles, worüber man keine Witze macht, als Witz daher. Damit macht sich der Film unangreifbar: die Regelverletzung ist hier kein Fehler, sondern gewollt. Respektlosigkeit gehört zur Komödie, und daran herrscht hier kein Mangel.

  • PATERSON Buch und Regie: Jim Jarmusch Im Kino der Gegenwart wird das Erzähltempo schneller, die Heftigkeit der Emotionen größer, die Intensität der Konflikte gewaltiger. Daran gibt es keinen Zweifel. „Paterson“ hingegen steht dazu im Gegensatz. Der Film beschreibt liebevolle Menschen in einer äußerlich scheinbar konfliktarmen Umgebung und verzichtet nahezu auf alle Formen der dramaturgischen Beschleunigung. Im Mittelpunkt steht eine lyrisch unaufgeregte Betrachtung der Welt und ihrer kleinen Dinge. Aggressive Szenen sucht man vergebens – und wenn es mal kurzzeitig heftig wird, dann nicht aus Selbstsucht, sondern aus Liebe.

  • PAULA Buch: Stefan Kolditz, Regie: Christian Schwochow Die Künstlerbiografie bildet im Kino ein eigenes Genre. Kürzlich waren „Mein Leben mit Cézanne“ oder „Egon Schiele“ zwei Beispiele dafür in den deutschen Kinos. Mit diesen kann „Paula“ durch die aufwändige, sinnlich reizvolle Gegenüberstellung düsterer nördlicher Landschaften mit hellem Pariser Flair zumindest optisch gut mithalten.

  • NOCTURNAL ANIMALS Buch und Regie: Tom Ford Rein chronologisch gesehen, steht zu Beginn des Films eine Liebesgeschichte: SUSAN (Amy Adams) verliebt sich in den Schriftsteller EDWARD (Jake Gyllenhaal), zweifelt aber – angetrieben von ihrer Mutter - an dessen kreativer Stärke. Um ihn zu verlassen, begeht sie einen grausamen Verrat. Danach wird sie eine erfolgreiche, aber unglückliche Galeristin. Edward hingegen schreibt weiter. Auf einer zweiten Zeitebene schickt eben dieser Edward viele Jahre später ein Manuskript an Susan. Und während sie dies liest, taucht der Film in die Gedankenwelt einer dritten, bei weitem umfangreichsten Ebene: einem grausamen Roman voll Gewalt, Hass und unerfüllten Rachewünschen.

  • WILLKOMMEN BEI DEN HARTMANNS Buch und Regie: Simon Verhoeven Das Thema ‚Flüchtlinge’ ist seit 2015 omnipräsent und mit ihrem komplexen Sachverhalt grundsätzlich bedrückend. Doch gerade solche Fragestellungen brauchen nichts so dringend wie das befreiende Lachen. Insofern darf die zugehörige Mainstream-Komödie nicht fehlen. Dass der Film heute schon ins Kino kommt, deutet auf eine schnelle Stoffentwicklung hin.

  • BFG (Big Friendly Giant) Buch: Melissa Mathison (nach einer Geschichte von Roald Dahl); Regie: Steven Spielberg Der neue Film von Steven Spielberg erzählt 34 Jahre nach „E.T.“ wieder von der Beziehung zwischen einem Kind und einem übernatürlichen Wesen. Der Protagonist (animiert nach Bewegungen von Mark Rylance) ist ein kleiner Riese, der von einer Bande von neun gigantischen fleischfressenden Artgenossen tyrannisiert wird.

  • SCHWEINSKOPF AL DENTE Buch: Stefan Betz, Kerstin Schmidbauer, Ed Herzog, nach dem Roman von Rita Falk; Regie: Ed Herzog „Schweinskopf al Dente“ ist ganz deutlich einer Dramaturgie des Nicht-Subtilen verpflichtet. Alles ist äußerlich, alles leicht erkennbar und überzeichnet. Statt Charakteren werden Typen sichtbar. Statt feiner Figurenzeichnung kommen die Pointen überdeutlich.

  • JULIETA Buch: Pedro Almodovar, nach drei Erzählungen von Alice Munro; Regie: Pedro Almodovar Erstmals seit langem arbeitet Pedro Almodovar nach einem Drehbuch, dem literarische Vorlagen zugrunde liegen. In diesem Fall handelt es sich um ein aus drei Erzählungen von Alice Munro kompiliertes Drehbuch. Es ist sehr interessant, dramaturgisch zu verfolgen, welche Konsequenzen sich daraus ergeben.

  • TSCHICK Buch: Lars Hubrich, Hark Bohm, Fatih Akin (nach Wolfgang Herrndorf); Regie: Fatih Akin Der großartige Erfolg des Romans von Wolfgang Herrndorf verdankte sich weniger einem raffinierten Plot als einer unmittelbar authentischen Sprache. „Tschick“ war in erster Linie ein Sprachkunstwerk, in dessen Syntax sich das Gefühl von Aufbruch und Rebellion kongenial abbildete.

  • CAPTAIN FANTASTIC Buch und Regie: Matt Ross Die Seele einer Story liegt im Antagonismus des Wertegegensatzes. Das zeigt auch „Captain Fantastic“. Der Wertekonflikt zwischen einer Familie, die komplett auf sich allein gestellt in Wäldern aufwächst, und der zivilisierten Gesellschaft Nordamerikas ist an Reibungsenergie schwer zu toppen. Entsprechend stark aufgestellt wirkt die Dramaturgie des Films.

  • EINE UNERHÖRTE FRAU Buch: Christian Lex, Angelika Schwarzhuber; Regie: Hans Steinbichler Der Film erzählt eine Heldenreise. HANNI (Rosalie Thomass) beginnt, über sich hinaus zu wachsen, als sie erkennt, dass die Krankheit ihres Kind von den Ärzten falsch und verharmlosend diagnostiziert wird. Auf dieser Reise muss sich schwere Zerwürfnisse mit ihrem Mann, ihrer Schwiegermutter und zwischenzeitlich sogar ihren Söhnen in Kauf nehmen. Getragen wird diese Ebene der Erzählung von einer nie in Frage gestellten inneren Verbindung zwischen Hanni und ihrem Kind. Hier erhält der Film zweifellos sehr berührende Momente. Denn Hannis Tochter hat außer ihrer Mutter niemand, die ihr zuhört. Diese Achse wirkt stabil und emotional fesselnd.

  • FRANTZ Buch und Regie: Francois Ozon „Frantz“ hat als Filmkunstwerk für Aufsehen gesorgt. Daran hat die außergewöhnliche Darstellerin Anteil, die gewagte Mischung aus schwarz/weißen und farbigen Szenen, dem Blick auf die deutsch/französische Thematik nach dem ersten Weltkrieg. Dramaturgisch aber wäre zu untersuchen, wie sich die ungewöhnlich hohe Akzeptanz erzählerisch erklären lässt. Hier fällt auf, dass der Film durch zwei extrem starke antagonistische Kräfte geprägt wird – die eine eher äußerlich, die andere innerlich. Schon diese konsequente thematische Konzentration ist ein Indiz dafür, dass der Film gute Voraussetzungen hat, starke Wirkungen hervorzubringen.

  • DON’T BREATHE Buch: Rodo Sayagues, Fede Alvarez; Regie: Fede Alvarez Der Horrorfilm scheint in Wellenbewegungen am Markt auf-, mitunter aber auch unterzutauchen. Gegenwärtig dürfte er wieder auf dem Vormarsch sein. „Don’t Breathe“ ist ein guter Beleg dafür. Grundsätzlich scheint die globale Verunsicherung, die die ganze Welt immer mehr erfasst, der Konjunktur des Genres sehr günstig. Der Horrorfilm bildet gewissermaßen ein Trainingsfeld für eine Mentalität, die den unberechenbaren Herausforderungen der Realität ein Maximum an Widerstandskraft abzutrotzen vermag.

  • Buch: Burr Steers nach Seth Grahame-Smiths Adaptation von Jane Austins Roman „Stolz und Vorurteil“; Regie: Burr Steers Einen Film wie diesen kann man sich hierzulande schwer vorstellen: ein weltberühmter Literaturklassiker des jungen Bürgertums wird mit einem Splatter-Genre kontrastiert – zwei stilistische Welten, die (zumindest auf den ersten Blick) dramaturgisch rein gar nichts mit einander zu tun haben. Und dabei wird dieser popkulturelle Mash-up nicht auf eine grelle Komödie getrimmt, sondern – und darin liegt der Humor und die Besonderheit des Films – höchst ernsthaft und völlig konventionell erzählt...

  • TONI ERDMANN Buch und Regie: Maren Ade „Toni Erdmann“ wurde seit dem ersten Erscheinen einhellig bejubelt, und das mit gutem Grund. Man kann auf die exzellenten Schauspieler oder auf die höchst originelle Story verweisen, die gründliche Recherche oder den subversiven Humor. Man kann die Komplexität der Figuren anführen, den skurrilen Witz oder die subtile Analyse des gegenwärtigen Finanz-Kapitalismus bewundern. All das ist zutreffend und wurde in der Öffentlichkeit längst vielfach getan. Doch keine dieser berechtigten Lobeshymnen reicht aus, um die auffällig einhellige Zustimmung erklären. (Wobei man übrigens ‚Einhelligkeit‘ nicht zwingend als etwas grundsätzlich Erstrebenswertes betrachten muss – in diesem Fall aber wird sie zum Phänomen, das nach Erklärung verlangt.)