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Filmbesprechung

‚Human Factor Kurzanalysen’ untersuchen die dramaturgischen Prinzipien aktueller Kinofilme in Bezug auf fünf erzählerische Grundfragen, die jeder Geschichte zugrundeliegen und im Buch „Dimensionen filmischen Erzählens“ von Roland Zag (Herder-Verlag 2018) ausführlich erläutert werden. Daraus ergibt sich ein abschließendes Gesamtbild für die mögliche Marktresonanz.  

 

WARNUNG: ‚Human Factor Kurzanalysen’ können Spoiler enthalten. 

 

 

1917 

 

B: Kristi Wilson-Cairns, Sam Mendes 

R: Sam Mendes 

 

Erzählabsicht 

 

Die Abnutzungsschlacht des ersten Weltkriegs konfrontiert uns mit den abstoßendsten Aspekten des Menschseins: sinnlosem Töten, blankem Hass, Vernichtung von Tier und Natur. Doch zugleich ereignen sich in diesem Inferno auch kleine Wunder. BLAKE (Dean-Charles Chapman) und SCHOFIELD (George MacKay) lassen sich auf ein Himmelfahrtskommando ein, um Blakes Bruder sowie weitere Tausende Soldaten zu retten. Später geht es darum, die Freundschaft zwischen Blake und Schofield auch posthum weiter zu bewahren. 

 

„1917“ konfrontiert uns also nicht nur mit unfassbarem Leid, sondern auch sehr bewusst gesetzten Verweisen auf das Gegenteil: Es gibt auch menschliche Einsatzbereitschaft für andere und die Unschuld der Natur. Diese existenzielle Ebene lässt die Härten des Krieges nur umso schockierender hervortreten. 

 

Indem der Film ohne Schnitte auskommt, die Kamera also immer nah an den Figuren bleibt, wird das Publikum unerbittlich und ausweglos in diese Dynamik gezwungen. 

 

Zugehörigkeiten

 

Die Freundschaft von Blake und Schofield steht monumental im Zentrum: Der eine lässt den anderen auch dann nicht im Stich, wenn es um den fast sicheren Tod geht. Und sobald Blake tot ist, übernimmt Schofield dessen Rolle. Durch die Opferbereitschaft von Blake wird zusätzlich dessen intensive Bindung an den älteren Bruder deutlich. 

 

Dahinter fächert sich ein ganzes Panoptikum an menschlichen Schicksalen auf: Familienbande, nationale Feindschaften, mögliche Liebesbeziehungen, zärtliche Hilfsbereitschaft zwischen Fremden – alles Aspekte, die streng genommen für die ‚Story’ nicht zwingend erforderlich wären, aber den Horizont erweitern. Trotz alles Vernichtungswillens schimmern so immer wieder Aspekte der Zugehörigkeit durch – bis hin zur finalen Begegnung von Schofield, welche seiner Reise durchs Inferno wenigstens so etwas wie ‚Sinn’ verleiht.  

 

Wertekonflikt(e)

 

Zunächst ist es Schofield, der den Auftrag verweigern will: Nur unwillig lässt er sich darauf ein, eine Nachricht durchs Feindesland zu einer anderen Kompanie zu transportieren. Nach Blakes Tod aber kehrt sich die Dynamik um. Jetzt kann es Schofield gar nicht schnell genug gehen. Er hat die Werte des Verstorbenen zu den eigenen gemacht.  

 

Ein übergeordneter, existenziellerer Wertekonflikt allerdings entsteht zwischen Leinwand und Zuschauerraum. Das Geschehen auf der Leinwand ist blutig, schrecklich, tödlich. Wir hingegen sitzen im Warmen und Sicheren. So wünscht man sich mitunter, dem Inferno zu entkommen. Ab und zu erfüllt uns der Film sogar diesen Wunsch: etwa wenn es um das Erblühen von Kirschbäumen geht oder die Milch einer Kuh einem Kind das Leben rettet. So entsteht ein Janusköpfiges Bild der Welt: Sie kann vernichtend, aber auch betörend sein. 

 

Regelwerk

 

Der Film wird durch die selbstauferlegte Regel geprägt, ohne Schnitte auszukommen. Die permanente Nähe zu den Hauptfiguren zieht uns nicht nur tief in das Leben der Schützengräben, sondern offenbart auch die Orientierungslosigkeit und Widersprüchlichkeit der Verläufe. Es gibt zwar eine Menge geradezu pedantischer Regeln im Militär, aber letztlich blickt doch niemand durch. Einen wirklichen Überblick erhalten wir ebenso wenig wie die Protagonisten.  Hier ähnelt „1917“ dem allerdings noch radikaler vorgehenden Vergleichsfilm „Dunkirk“ von 2017: in beiden Fällen geht es darum, Ohnmacht, Orientierungslosigkeit und Überforderung zum Thema zu machen. 

 

Erzählordnung/Perspektivwechsel

 

Prägend ist die kurz nach der Mitte gesetzte Abblende: Eine Zäsur, ein Moment des Atemholens, vergleichbar der Generalpause in der Musik, und ein Neubeginn. Bis zu diesem Punkt verlief der Film vergleichsweise erwartbar, indem er im Rahmen des Kriegsgeschehens blieb. Nach Schofields Erwachen jedoch kommen Dimensionen jenseits des Schlachtfelds hinzu: Die Begegnung mit Betrunkenen, einer jungen Französin und ihrem Kind, das Schwimmen durch einen reißenden Fluss, der Gesang einer alten Hymne wie aus einer anderen Welt. Hier transzendiert der Film den Krieg und wird zu einer Art Reflexion über das Menschliche an sich. 

 

Gesamtbild

 

„1917“ ist aufgrund der spektakulären Umsetzung zweifellos ein Film, den man gesehen haben muss – egal mit welchem Gefühl oder Gesamturteil man darauf reagieren mag. Insofern wird er ohne Zweifel Furore machen - zumal bislang der erste Weltkrieg ein weitgehend aus dem kollektiven Gedächtnis ausgeblendetes Trauma war.

Dies verdankt sich aber längst nicht nur der Machart, sondern auch der existenziell zwischenmenschlichen Dimension. Denn durch das Inferno aus Hass und Gewalt zieht sich dann doch immer wieder rote Faden des Miteinanders. Diese Humanität im Inhumanen dürfte dem Film eine sehr große Aufmerksamkeit und ein sehr breites Publikum quer durch viele Altersschichten garantieren. 

 

 

München, 10.1.2020

 

Roland Zag

 

 

 

 

Quelle: Sony Filmverleih