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Filmbesprechung

‚Human Factor Kurzanalysen’ untersuchen die dramaturgischen Prinzipien aktueller Kinofilme in Bezug auf die fünf erzählerischen Grundfragen, wie sie im Buch „Dimensionen filmischen Erzählens“ von Roland Zag (Herder-Verlag, ab Dezember 2018) behandelt werden. Daraus ergibt sich ein abschließendes Gesamtbild für die mögliche Marktresonanz des Films. 

 

WARNUNG: ‚Human Factor Kurzanalysen’ können Spoiler enthalten.

 

 

25 km/h

 

B: Oliver Ziegenbalg

R: Markus Goller

 

Erzählabsicht

 

Nur wer sich immer wieder am Übermut der Kindheit inspiriert, kann wirklich erwachsen werden. „25 km/h“ versucht, den verrückt-utopischen Geist des Jung-Seins auf zwei Erwachsene zu übertragen, die auf jeweils gegensätzliche Art und Weise das Gefühl fürs Spontane und Utopische verloren haben.

 

CHRISTIAN (Lars Eidinger) und GEORG (Bjarne Mädel) erinnern sich aus einer alkoholgeschwängerten Laune heraus an eine Reise, die sie als 15-jährige hatten unternehmen wollen.  Akkurat haken sie nun als Erwachsene die absurden Vorschriften ab, die sie einst mehr oder weniger willkürlich aufgestellt hatten. So begegnen sie dem anarchischen, aber auf tiefer innerer Verbundenheit gegründeten Geist ihrer gemeinsamen Jugend.

 

Diese Reise führt durch eher äußerliche, kindische Phasen (man führt Step-Tanz vor, futtert im Griechischen Lokal die gesamte Speisekarte durch oder schlägert sich mit präpotenten Camping-Gästen), sie führt aber auch viel tiefer ins Innerliche: Christian bekennt, seinen leiblichen Sohn nicht zu kennen. Georg muss zugeben, ein Leben lang immer nur dieselbe Frau begehrt, dies aber nie offenbart zu haben. Der Besuch bei einer Hippie-Kommune stellt spirituelle Fragen, und am Ende kommt es, natürlich, darauf an, was WIRKLICH wichtig ist.

 

Zugehörigkeiten

 

Auch wenn die erste Begegnung zwischen Christian und Georg mit einer Schlägerei beginnt: die Nähe der beiden zueinander könnte gar nicht größer sein. Physisch sind sie in zahllosen Szenen aufeinander angewiesen, mitunter wird sogar auf eine homoerotische Nähe angespielt. Aber auch psychisch sind beide in der Auseinandersetzung mit dem problematischen Vater fast spiegelbildlich angelegt. Wo Christian zu forsch, zu egoistisch und verantwortungslos die Welt erobert, ohne sie überhaupt wahrzunehmen, bleibt Georg zu schwer, zu vergrübelt und verantwortungsbewusst. Beide verkörpern auf ihre Art und Weise ein ‚Zuviel‘. Der leidet an einem Zuviel an Freiheitsdrang, der andere am Zuviel an Bindung. Erst gemeinsam finden sie die richtige Balance.

 

Die Bindung der beiden steht so zentral im Raum, dass für andere fast kein Platz mehr bleibt. Über den Vater erfährt man wenig, die Mutter nichts. Die Frauen sind allesamt nur Episode. Es ist der Geist der Gemeinschaftlichkeit zweier Geschwister, der alles durchpulst und mit großer Wärme erfüllt.

 

Wertekonflikt(e)

 

‚Ist das Glas halb leer, oder halb voll?‘ Diese Frage wird immer wieder gestellt, und immer wieder neu beantwortet – ebenso wie die Metapher vom Techniker, der erst den Fallschirm erfindet, ehe er das Flugzeug baut. Interessanterweise erweist sich mal der eine, dann wieder der andere als der wirkliche Pessimist. In diesen sich drehenden Antagonismen liegt viel vom Reiz der Geschichte.

 

Die Gegensätzlichkeit der Charaktere führt paradoxerweise auch zu der Einsicht, dass beide Geschwister unter demselben Defizit leiden. Christian lebt in Singapur ebenso entfremdet wie sein Bruder im Schwarzwald. Beiden fehlt der Mut, sie selbst zu sein – weil er sich erst im Miteinander finden lässt.

 

Regelwerk

 

Die Regeln, denen der Film folgt, folgen scheinbar einem pubertär-dadaistischen Nicht-Prinzip. Doch die Erwachsenen halten strikt und penibel an dem fest, was sie sich einst vorgenommen hatten. Darin steckt gewissermaßen das Gesetz der Gesetzlosigkeit. Indem die Regeln keinen erkennbaren ‚Sinn‘ haben, zwingen sie die Protagonisten ständig dazu, Regeln zu verletzen. Hier liegt ein großer Teil des Spaßes: Christian und Georg überschreiten ständig Grenzen – sei es im Fahren ohne Helm, sei es in der grotesken Völlerei, oder der Schlägerei mit einem präpotenten Camping-Gast. Die finale Grenzüberschreitung findet statt, als beide den Sprung in den Abgrund wagen. Hier kommt die Erzählidee des Films am deutlichsten zum Ausdruck: der jugendliche Übermut von einst rettet den beiden Erwachsenen das Leben.

 

Erzählordnung/Perspektivwechsel

 

Die Exposition führt uns die spannungsvolle Beziehung vor Augen, ehe am ersten Wendepunkt eine pure Laune dazu führt, aus dem Gleis auszubrechen.

 

Der Konflikt des zweiten Aktes durchläuft wellenförmig eher äußere Begegnungen, darunter auch eine erotische Vierer-Konstellation mit zwei unzufriedenen Frauen, und eher innere Konfrontationen mit wichtigen Lebensthemen, welche sehr beiläufig eingeführt werden, aber immer mehr Raum einnehmen. Hier ist die Berlin-Episode, in der Christian seinen Sohn kennenlernt, zweifellos die wichtigste und auch konfliktträchtigste. Aus dieser gespannten Situation ergibt sich auch der emotionale Tiefpunkt, der, den Drehbuchregeln folgend, mit einer vorläufigen Trennung einhergeht. Christian und Georg haben sich entzweit. Dieser Moment der Trauer ist sehr deutlich spürbar.

 

Der dritte Akt macht dann mit der breiten Tischtennis-Episode am Campingplatz einen breiten und nicht unbedingt sofort nachvollziehbaren Schlenker. Die Rückkehr zu alten sportlichen Rivalitäten wirkt auf den ersten Blick so, als verliere der Film vorübergehend den Faden. Ganz beim Thema sind wir erst wieder, als Christian und Georg in den Abgrund einer Kiesgrube rasen. Hier erneuert und vertieft sich die Bindung, das Aufeinander-Angewiesen-Sein unter extremen Bedingungen. Dass dann am Ende die jeweiligen Lebensthemen anstehen (Georg offenbart sich seiner ewigen Liebe, Christian konfrontiert sich mit seinem Sohn) wirkt einerseits vorhersehbar, andererseits auch nur konsequent.  

 

Gesamtbild

 

„25 km/h“ transportiert seine Erzählidee sehr überzeugend. Obwohl der Film viele sehr unterschiedliche Phasen durchläuft – die einen sind eher dem pubertären Übermut geschuldet, die anderen den eher ‚erwachsenen‘ Themen – bleibt am Ende doch ein homogenes Gesamtbild.

 

Was auf den ersten Blick vielleicht wie eine willkürliche oder gar widersinnige Setzung erscheinen mag (‚Wir holen das nach, was wir uns als Heranwachsende vorgenommen hatten  - ohne dass dahinter ein tieferer Sinn erkennbar wird‘), läuft auf eine Selbstfindung hinaus, die aufgrund der extrem intensiven Nähe zwischen den Geschwistern nicht nur emotional warm, sondern eben doch ‚sinn‘-voll wirkt. Dieser Sinn liegt eben darin, den überbordenden Geist des Jung-Seins wieder zu entdecken. So finden zwei sehr unterschiedliche Menschen dann doch ihre Gemeinsamkeit – und das, worauf es ihnen im Leben ankommt.

 

Insofern ist der Film in der Lage, ein großes mögliches Zielpublikum zu erreichen. Jüngere Menschen können sich darin ebenso wiederfinden wie ältere Semester. Auch wenn vieles nicht unbedingt originell wirken mag, bleibt doch für Liebhaber des Feelgood-Arthouse-Segments vermutlich ein überwiegend positives Gesamtbild.

 

München, 7.11.2018

 

Roland Zag

 

 

 

 

Quelle: Sony Pictures