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Filmbesprechung

ALIEN COVENANT

 

Story: Jack Paglen; Michael Green; Buch: John Logan, Dante Harper;

Regie: Ridley Scott

 

Das Alleinstellungsmerkmal der ersten „Alien“ Filme bestand einst in einer fulminant INNERLICHEN Zuschauerwirkung. Die Bedrohung war allgegenwärtig, und vor allem deshalb so schrecklich, weil man die (das?) Monster nie sah. Die Wirkung vollzog sich hauptsächlich in der Fantasie des Zuschauers.

 

Dieses Prinzip wurde inzwischen längst aufgegeben. Die blutrünstigen Kreaturen werden mittlerweile per CGI visuell intensiv bespielt. Der Horror wird damit äußerlich. Und viel leichter zu ertragen.

 

Doch es war nicht nur das Prinzip der unsichtbaren Schrecken, welches „Alien“ aus dem Jahr 1979 zum Klassiker machte. Die ganze Story drehte sich um die zutiefst menschliche Kraft des Widerstehen-Könnens. Sgt. Ripley wurde deshalb zum Mythos, weil sie auf ihre lakonisch stoische Art und Weise die Tugend der Durchhaltekraft zum Ausdruck brachte. Der Schrecken war schier unaushaltbar, doch ihre Kraft wirkte so unbeirrt, dass es aus einem Team trennscharf erzählter Charaktere ihr allein gelang, zu entkommen. „Alien“ erzählte zwar nicht eigentlich eine ‚Heldenreise’, weil sich eine innere Entwicklung der Hauptfigur kaum zeigte. Aber eben das zähe Festhalten am eigenen Wertesystem machte Sgt. Ripley unvergesslich.

 

Davon ist „Alien Covenant“ weit entfernt. Auch der heutige Film erzählt (wie das gesamte Franchise-Kino) längst keine Figurenentwicklungen mehr. Aber eigentlich lässt sich von den menschlichen Protagonisten in „Alien Covenant“ nicht einmal sagen, welchen Wertsystemen sie zuzurechnen sind. DANIELS (Katherine Waterston), ORAM (Billy Crudup), TENNESSEE (Danny McBride) oder LOPE (Demiàn Bichir) wirken hilflos und konturarm. Zwar scheint es innerhalb der Besatzung des Raumschiffs Ehe- und Liebespaare zu geben – aber konkret spürbar werden die Beziehungen kaum. Alle erfüllen ihre Pflicht, und wieder kommen nur wenige durch. Besondere Charakterleistungen waren dafür aber nicht nötig. Insofern ist der ‚human factor’, was die Menschen angeht, bescheiden.

 

Doch die Konfrontation zwischen hinfälliger Menschenrasse und widerstandsfähigen Monstern bildet hier ohnehin nur den Hintergrund für eine ganz andere Geschichte. Im Zentrum steht gar nicht so sehr der Gegensatz zwischen Mensch und Monster, sondern zwischen zwei Generationen von Androiden. Die Auseinandersetzung von WALTER und DAVID (Michael Fassbender in einer Doppelrolle) wirkt fast wie ein Film im Film. Der ältere Replikant Walter hat die (typisch menschliche?) Attitüde des eitlen und selbstverliebten Alleinherrschers angenommen. Er lebt faschistoide Fantasien aus, wie man sie z.B. aus „Apokalypse Now“ kennt. Da er allerdings gar niemanden mehr hat, den er wirklich befehligen und unterdrücken könnte, bleibt der Schrecken seiner Figur nur begrenzt wirksam. Dennoch ist es interessant, wie Walters fehlerhafte, weil ‚altertümliche’ Programmierung den Fehler aufweist, noch zu menschlich, also zu offensichtlich machtgierig zu sein.

 

David ist da weiter. Die weiterentwickelte Version ist offenbar inzwischen besser angepasst. David gibt sich als loyaler Freund und Helfer der Menschen aus. In Wahrheit aber hat er sie längst unter Kontrolle – nur subtiler getarnt. Der Schrecken, den „Alien Covenant“ den Zuschauern vor Augen führt, liegt also nicht mehr in der Bedrohung durch unzerstörbare Kreaturen. Es gibt eine zweite Bedrohung, und die ist noch viel mächtiger: die Androiden. 

 

Dies ist ein eher subtiler Horror, den man intellektuell VERSTEHEN, aber nicht sehen kann. Er fordert das konzentrierte Zuhören. Aber das blutige Gemetzel zwischen Monstern und Menschen hat damit im Grunde nicht viel zu tun. So besteht das ‚Drama’ des Films fast ausschließlich in der sehr statischen Auseinandersetzung zwischen den Zwillingen David und Walter. Eigentlich werden zwei Filme in einem erzählt. Die altbekannte und nicht mehr sehr überraschende Konfrontation von Mensch und Monster bildet die actionlastige Schicht, während das Kammerspiel um zwei unterschiedlich weit fortentwickelte Formen künstlicher Intelligenz nur auf einer intellektuellen Ebene wirklich packt.

 

Darin, dass äußere Handlung und inneres Drama berührungsarm aneinander vorbei laufen, könnte am Ende der Grund liegen, dass „Alien Covenant“ zwar im Konzert der gegenwärtigen Popcorn-Franchises  irgendwie mithalten kann. Aber die Kraft für eine eigenständige, die Zeiten überdauernde Erzählung (wie sie etwa in „Arrival“ oder „Interstellar“ gelungen war) steckt in der Geschichte nicht. Der Film wird am Ende wohl solide Zahlen erreichen, aber sich kaum zum spektakulären Ausreißer entwickeln.

 

München, 31.5. 2017

 

Roland Zag

 

 

 

Julieta

Quelle: 20th Century Fox