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Filmbesprechung

‚Human Factor Kurzanalysen’ untersuchen die dramaturgischen Prinzipien aktueller Kinofilme in Bezug auf die fünf erzählerischen Grundfragen, welche im Buch „Dimensionen filmischen Erzählens“ von Roland Zag (Herder-Verlag Freiburg) ausführlich behandelt werden. Daraus ergibt sich ein abschließendes Gesamtbild für die mögliche Marktresonanz des Films. 

 

WARNUNG: ‚Human Factor Kurzanalysen’ können Spoiler enthalten! 

 

 

ALL MY LOVING

B: Nele Mueller-Stöfen, Edward Berger; R: Edward Berger 

 

 

Erzählabsicht

 

Im Mittelpunkt steht der facettenreiche, multiperspektivische Blick auf ein Familiensystem. 

 

STEFAN (Lars Eidinger), der älteste Bruder, muss sich damit abfinden, dass er nie mehr wird fliegen können. 

JULIA (Nele Mueller-Stöfen) muss in Turin an der Seite ihres Mannes (Godehard Giese) gegenüber einem fremden Paar eine bittere Wahrheit eingestehen. 

TOBIAS (Hans Löw) erkennt zu spät, wie ernst die Lage im Haus der Eltern (Christine Schorn und Manfred Zapatka) in Wahrheit ist. Der Vater stirbt.  

Ganz am Ende kommt ein Kind zur Welt.

 

Insofern ist der Film ein gutes Beispiel für die ‚Dramaturgie der Systeme’: Es geht nicht um Einzelfiguren, sondern um die Befindlichkeit eines kollektiven Netzes. Im Publikum entsteht erst ganz allmählich ein Bild dessen, was ausgedrückt werden soll. 

 

Zugehörigkeiten

 

Im Mittelpunkt stehen Eltern und Kinder: 

 

In seiner Lebenskrise sucht Stefan die Nähe zu seiner Tochter VICKY (Mathilde Berger). Neben seinen wechselnden Liebschaften hat er augenscheinlich niemanden, dem er sich anvertrauen könnte. Als er spürt, wie ihm die Tochter entgleitet, verliert er die Kontrolle. Zurück bleibt ein Gefühl tiefer Verlorenheit. 

 

Im Gegensatz dazu kompensiert seine Schwester Julia den Verlust ihres Kindes mit übertriebener Liebe zu Hunden. Dass sie dabei über die Gefühle ihres Ehemannes (Godehard Giese) hinweggeht, wird ihr erst spät bewusst. Der Eindruck von abgrundtiefer Verlassenheit steigert sich. 

 

Trotz seiner drei Kinder kommt Tobias nicht von der Sorge um die Eltern los, obwohl diese ihm wenig Wertschätzung entgegenbringen. Das einsame Grundgefühl des Films findet seine Klimax in der Konfrontation mit dem Tod des Vaters. 

 

Als Gegengewicht fungiert – erzählerisch recht drastisch – dann ganz am Schluss die Geburt eines Babys.  

 

Wertekonflikt(e)

 

In allen drei Episoden geht es um den Widerspruch von Anerkennen und Verleugnen. 

 

Stefan muss anerkennen, dass er als Pilot keine Zukunft und als Vater keinen Einfluss mehr auf seine Tochter hat. Im Augenblick, wo er dies erstmals offen formuliert, wird ihm (und uns) klar, dass es in seinem Leben niemanden gibt, der sich für ihn interessiert. 

 

Julia will den Tod ihres Kindes verleugnen, indem sie ihre Liebe auf Tiere projeziert. Erst mit dem Eingeständnis, dass sie einem wilden Hund keinen Gefallen tut, wenn sie ihn einsperrt, gelingt ihr ein Schritt zurück ins Leben - was sich am Ende darin ausdrückt, dass sie dann doch noch einmal ein Kind zur Welt bringt. 

 

Tobias’ Problem liegt weniger bei ihm selbst als bei seinen Eltern. Diese leben beide in der Verblendung, die Krankheit des Vaters sei harmlos, und übertünchen die Krise mit Aktivismus. Am Ende der Episode ist der Vater und Ehemann tot. Alle Versuche, das Alter zu leugnen, haben nichts genützt. 

 

Regelwerk

 

Stefan hat mit den Regeln der Pilotenzulassung zu kämpfen. Julia hält in einem Luxushotel einen Hund, was streng verboten ist. Tobias’ Eltern bauen schwarz und verdingen illegale Pfleger. Tobias selbst hat mit seinem Studienabschluss zu kämpfen. Auf allen Ebenen gibt es Regeln, die eingehalten werden wollen. Aus ihrer Überschreitung verdichtet sich die Spannung (wie etwa im Luxushotel in Turin). 

 

Erzählordnung/Perspektivwechsel

 

Der Film besteht im Wesentlichen aus drei in sich geschlossenen Filmen, deren innerer Zusammenhang sich erst im Rückblick erschließt. Wie bei jedem Kurzfilm kommt dem jeweils zweiten Wendepunkt eine besondere Bedeutung zu. Es sind die Pointen und Perspektivwechsel, in denen sich die Essenz der drei Stories spiegelt. 

 

Der Wendepunkt der ersten Episode liegt dort, wo Stefan vergeblich versucht, seiner Nachbarin die Wahrheit über sich und sein Leben zu offenbaren; der Wendepunkt der zweiten Episode ereignet sich, wenn Julia vor Freunden den Tod des eigenen Kindes thematisiert. In der dritten Episode ist es der Tod des Vaters, der dem Geschehen die finale Endgültigkeit verleiht. 

 

Die eigentliche Pointe allerdings liefert das Nachspiel: Julia ist nochmals schwanger geworden. Immerhin hat wenigstens dieses Paar es geschafft, sich wieder dem Leben zuzuwenden. Der Kreislauf aus Verleugnen und Sich-Offenbaren wird sich hoffentlich nicht wiederholen.

 

Gesamtbild

 

„All my Loving“ ist der anspruchsvolle Versuch, eine Familie als System zu erzählen. Die Erzählabsicht vermittelt sich erst langsam und über eine gewisse Distanz. Zwar gibt es ein gemeinsames Thema, das alle Episoden verbindet. Doch die EINE Geschichte, in der man empathisch versinken könnte, sucht man vergeblich. Das setzt Zuschauer voraus, die bereit sind, sich auf dieses eher spröde, dramaturgisch wenig zugespitzte Erzählen einzulassen. Denn „All my Loving“ fördert eher den Blick AUF das Geschehen als die Einfühlung IN die Figuren. Das muss man mögen. Für ein aufgeschlossenes Arthouse-Publikum dürfte das eine ergiebige Herausforderung sein. Ein echter Publikumshit ist allerdings nicht zu erwarten. 

 

München, 31.5.2019

 

Roland Zag

Quelle: Pandora Filmverleih