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Filmbesprechung

DIE ANDERE SEITE DER HOFFNUNG (Toivon Tuolla Puolen)

 

Buch und Regie: Aki Kaurismäki

 

 

Um die dramaturgische Strategie des ganzen Films zu verstehen, genügt, das letzte Bild des Films und seine Wirkung auf den Zuschauer zu betrachten:

 

Der syrische Flüchtling KHALED (Sherwan Haji) liegt, schwer verletzt und vielleicht sogar dem Tod geweiht, in Helsinki am Hafen. Die Wirkung aufs Publikum ist eigentlich niederschmetternd. Alle Hoffnung, die sich Khaled auf ein besseres Leben gemacht hat, scheint zunichte. Er wurde das Opfer sinnloser, brutaler Gewalt. Das Glück, das so nahe war, scheint ist in weite Ferne gerückt.

 

Zwar ist es ihm gelungen, seiner geliebten Schwester die Möglichkeit zu verschaffen, in Finnland um Asyl anzusuchen. Und eigentlich hat Khaled im Restaurant des schrägen Pokerspielers WIKSTRÖM (Sakari Kuosmanen) menschliche Wärme gefunden. Diese positiven Faktoren mildern die Enttäuschung und Frustration des Betrachters ein wenig. Dennoch: das Gefühl der Nicht-Zugehörigkeit, der Distanz der Hauptfigur zum Leben überwiegt.  

 

Doch dann tritt ein Hund ins Bild – jenes Tier, über das Khaled in einem der wenigen, aber eindrucksvollen humorvollen Momente lange Betrachtungen angestellt hatte. Und die Zuwendung und Nähe, die der Hund bei ihm sucht, wendet die Wirkung des Bilds – und damit des ganzen Films - ins Positive. Wir sind doch noch auf der ‚anderen Seite der Hoffnung’ angelangt. Denn solange es Kontakt und Mitgefühl gibt, und sei es nur von Seiten eines Hundes, ist die Hoffnung nicht verloren.

 

Diese Konnotation wird im Zuschauer allein durch die Verschiebung der Faktoren Nähe/Distanz hergestellt. Dass die physische Gegenwart dieses Hundes eigentlich rein logisch betrachtet äußerst unwahrscheinlich ist, fällt nicht groß ins Gewicht. Letztlich ist Kaurismäkis Film auf der rationalen Ebene durch und durch von einem märchenhaftem Gestus bestimmt: alles wirkt überhöht, inszeniert, arrangiert. Aber der Film ist eben kein dokumentarisches Drama, sondern ein raffiniertes Spiel mit dem Zuschauer.

 

Wichtig ist demnach nicht die rationale Plausibilität, die erklärt, warum dieser Hund jetzt bei Khaled am Hafen ist, sondern die emotionale Zeichenhaftigkeit. Es geht nicht um Khaleds Hoffnung, sondern die der Betrachter.

 

So rundet sich das Bild eines Filmes, der sehr konsequent mit eigenwilligen dramaturgischen Mitteln operiert.

 

Ungewöhnlich ist schon die Erzähltechnik, die sich sehr lange Zeit lässt, ehe die Hauptfiguren Khaled und Wikström aufeinandertreffen. Seltsam auch die lang erzählten, aber streng genommen überflüssigen Vorbereitungen (das Pokerspiel!), die Wikström trifft, ehe er das Restaurant übernimmt. Genau genommen wären viele Elemente der Vorgeschichte nicht nötig; aber sie erzeugen im Betrachter eine Stimmung, auf die es ankommt. 

 

Eigenartig auch, dass der Film genau genommen – und das ist selten! - keine wirkliche Drei-Akt-Struktur aufweist, denn ein Tiefpunkt am Ende des zweiten Akts oder eine Wandlung in der Figur ist kaum zu erkennen. Letztlich könnte man fast sagen, es liegt überhaupt keine ‚Handlung’ im Sinne eines konflikthaften Aufeinandertreffens der Hauptfiguren vor.

 

Doch darin gerade liegt der Clou. Denn „Die andere Seite der Hoffnung“ verfügt sehr wohl über einen klar erkennbaren inneren Antagonismus. Aber dieser spielt sich nicht konflikthaft auf der Leinwand, sondern im Kopf des Zuschauers ab.

 

Da ist einerseits die Beschreibung einer etwas verschrobenen, melancholischen, altmodischen, aber durch und durch warmherzigen finnischen Gesellschaft, in der gesungen, gegessen und Poker gespielt wird und auch die kleinen Leute ihr Recht erhalten. Das ist die eine Seite  - repräsentiert von Wikström.

 

Und da ist zugleich auch die Gegenwelt einer eiskalten, fremdenfeindlichen, zynischen Realität, mit der Khaled es zu tun hat. Die Parallelhandlung verfolgt letztlich keine andere Funktion, als genau diesen schneidenden Gegensatz zwischen Wärme und Kälte in den Raum zu stellen. Indem der Film sich viel Zeit lässt, die Perspektivlosigkeit der Flüchtlinge zu zeigen, wird die scheinbar überflüssige Gemütlichkeit der Wikström-Handlung gut austariert.

 

Insofern spielt sich der Konflikt, den der Film erzählt, weitgehend IM Zuschauer ab. Denn abgesehen von zwei witzigen Nasenstübern, die sich Wikström und Khaled verpassen, gibt es wenig direkten Kontakt zwischen den Protagonisten. Die beiden Hauptfiguren tragen, genau genommen, kaum Konflikte aus. Sie sind, auch ohne große Worte, eher ein Herz und eine Seele, aber reiben sich nie.

 

Wirksam hingegen ist der Kontrast zwischen einer Welt, in der alles zwar ein wenig traurig, aber doch in Ordnung scheint, und der aggressiven Ablehnung, der Aussichtslosigkeit und Verzweiflung der Flüchtlinge. Dieser Gegensatz wird vom Film direkt ins empathische Zentrum des Publikums verpflanzt.

 

Es gibt erzählerisch nur EIN Element, das wie ein Scharnier funktioniert und beide Seiten zusammenhält: das Motiv von Khaleds fehlender Schwester. Erst als sie gefunden und ‚gerettet’ ist (zumindest vorläufig), kann sich das Bild runden. Khaled hat seine Mission erfüllt. Seinen möglichen Tod können wir uns nicht wünschen, aber der kleine Hund, der ihn beim Sterben begleiten mag, sorgt eben doch dafür, dass wir als Betrachter die andere Seite der Hoffnung nicht aus den Augen verlieren.

 

Der Film spielt – jenseits der für den Regisseur typischen Farben, verlangsamten Bewegungen und stoischen Mienen - mit nichts anderem als dem Mitgefühl. Dazu braucht er nicht einmal viel äußere Handlung. Das, was innerlich im Publikum passiert, ist genug.  Die Wirkung des Films dürfte in diesem konkreten Fall am Markt zwar nicht ganz die Werte der ziemlich erfolgreichen Vorgängerfilme erreichen – aber einmal mehr hat der Regisseur durch konsequente Anwendung des ‚human factor’ einen eigenwilligen Beitrag geleistet.

 

München, 7.4.2017

 

Roland Zag

  

Julieta

Quelle: Pandora