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Filmbesprechung

AUS DEM NICHTS

 

Buch und Regie: Fatih Akin

 

Ein Lieblingswort der Filmbranche lautet ‚emotional’. Das Wort kann vieles bedeuten. Oft ist es hilfreich, genauer zu bestimmen, von welcher Art Emotion eigentlich die Rede ist.

 

Kein Zuschauer wird leugnen können, dass man zumindest im ersten Drittel von „Aus dem Nichts“ heftigen Gefühlen ausgesetzt ist. KATJA (Diane Kruger), die bei einem fremdenfeindlichen Bombenanschlag Mann und Kind verliert, weckt unser Mitgefühl; sobald sie sich im weiteren Verlauf dann auch noch unterschwelligen Vor-Verurteilungen ausgesetzt sieht, und obendrein die Zerrüttung der eigenen Familie verkraften muss, ist die empathische Empörung der Betrachter garantiert groß.  

 

Man sollte gleichwohl unterscheiden. Es gibt kollektive Affekte, die – wie in diesem Fall - reflexartig und überpersönlich einsetzen. Und es existieren individuell empathische Gefühle, aus sich aus dem konkreten Innenleben einer bestimmten Figur erschließen. Kollektive Affekte wie Wut und Empörung im Falle von Ungerechtigkeit stellen sich automatisch und pauschal ein. Daran herrscht in „Aus dem Nichts“ wahrlich kein Mangel: spätestens nach dem zweiten Teil, der ein juristisches Verfahren schildert, an dessen Ende ein krasses Fehlurteil steht, ist die Wut enorm.

 

Doch das eigentlich spezifische Gefühl für eine konkrete Figur wird davon noch nicht berührt. Den Kontakt zur individuellen Innenwelt einer Figur wie dieser KATJA (Diane Kruger) finden wir erst, wenn genügend über ihr Beziehungsleben, ihren Charakter und ihren  jeweiligen Austausch mit anderen spürbar wird. Denn neben der kollektiven Empathie existiert auch eine individuelle Ebene des Einfühlungsvermögens, die sich aus der Bindung der Figur speist.

 

Was diese Ebene angeht, sieht es in „Aus dem Nichts“ eher bescheiden aus. Das Beziehungsleben von Katja beschränkt sich auf aussagearme Rückblenden an das einstige familiäre Glück der Kleinfamilie. In der Gegenwart dagegen verliert Katja sehr bald den Faden zu ihren Eltern, Schwiegereltern, der besten Freundin, und auch der Kontakt zum loyalen Anwalt DANILO (Dennis Moschitto) bleibt rein geschäftsmäßig. Aus Mangel an Beziehung ist es nahezu unmöglich, der Innenwelt dieser Figur näher zu kommen. Jenseits der ganz offensichtlichen Wut, Empörung und der Rachsucht spüren wir vom individuellen Erleben der Figur nicht viel.

 

Katja ist eher die Mensch gewordene Projektionsfläche für sehr berechenbare Absichten. In der Schilderung des krassen Widerspruchs zwischen ‚Gerechtigkeit’ und juristischer Urteilsfindung tut sich der Filmemacher ja besonders leicht: er zeigt uns zu Beginn des Films die angeblich objektive ‚Wahrheit’. Als Zuschauer können wir nicht anders, als sie unbefragt zu übernehmen. Dass die Bombe tatsächlich von einer jungen Blondine gelegt wurde, muss ‚stimmen’ - weil wir es so gesehen haben. Aber das Gericht hat dieses Privileg nicht. Ihm fällt es viel schwerer, den Tathergang zu rekonstruieren. Daher ist ein Teil des impliziten Vorwurfs gegen das Gerichtsverfahren nicht fair. Es ist aber auch nicht nur die Verflechtung ungünstiger Umstände, die zum Fehlurteil führt, sondern der böse Wille des gegnerischen Anwalts (Johannes Krisch), der mit seiner perfiden Strategie den Freispruch der Nazis erzwingt. Auch mit dieser einseitig auf eine bestimmte Person zugeschnittene Schuldzuschreibung macht man es sich leicht.

 

So beruht „Aus dem Nichts“ auf einer wenig komplexen Erzählabsicht. Wir erfahren nicht viel über die Hintergründe, auch nicht viel über die Täter. Es fällt uns nicht schwer, den finalen Tod der bösen Nazis zu verarbeiten. Sie haben uns menschlich nie interessiert. Und Katja kam uns nie nah.

 

Diese Einteilung in die ‚Guten’ (weil ungerecht Behandelten) und ‚Bösen’ (weil Fremdenfeindlichen) bildet in der Welt des Kunstkinos gegenwärtig eher die Ausnahme. Auch im politischen Kino ist heute eher Ambivalenz gefragt. In seiner einfachen, fast agitatorischen Parteinahme GEGEN das juristische System Mitteleuropas und FÜR die Selbstjustiz wirkt „Aus dem Nichts“ daher fast altmodisch.

Hingegen steht in praktisch allen berühmten Filmbeispielen mit dem Thema ‚Selbstjustiz’ (wie z.B. in „Taxidriver“ oder „12 Uhr Mittags“) nicht nur das Unrecht, sondern auch eine konkrete Beziehung im Mittelpunkt. Davon ist in „Aus dem Nichts“ wenig zu erkennen.

 

Für den konkreten Markterfolg des Films sind nun folgende Parameter ausschlaggebend:

 

Der Name ‚Fatih Akin’ steht für engagiertes Kunstkino – ein Name, der für viele ein 'Must See' darstellt.

 

Die Mitwirkung eines Hollywood-Weltstars wie Diane Kruger führt zu zusätzlicher Attraktivität.

 

Die Absicht des Films ist zwar diskussionswürdig (ist Selbstjustiz wirklich die Lösung?), aber vermutlich auch wenig kontrovers.Ein wirkliches Innenleben der Figuren ist kaum zu erkennen, weshalb sich Teile des Publikums auch unterfordert fühlen könnten. Es ist leicht, den Film irgendwie 'gut' zu finden; aber es ist schwer, in Begeisterung auszubrechen. 

 

Aus all diesen Faktoren ergibt sich die Prognose, dass „Aus dem Nichts“ zwar auf Neugier, aber vergleichsweise wenig Resonanz stoßen dürfte. Die Zahl derer, die den neuen Film von Fatih Akin nicht verpassen wollen, ist bestimmt nicht klein. Mit Verrissen (wie vor Jahren bei „The Cut“) ist nicht zu rechnen. Aber eine Strahlkraft ist eben auch kaum zu erwarten. Insofern dürfte der Film am Markt weit hinter den wirklich erfolgreichen Fatih-Akin-Filmen wie „Gegen die Wand“, aber auch zuletzt „Tschick“ zurückbleiben.

 

München, 2.12.2017

 

Roland Zag

Julieta

Quelle:  Pandora Filmverleih