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Filmbesprechung

BFG (Big Friendly Giant)

 

Buch: Melissa Mathison (nach einer Geschichte von Roald Dahl); Regie: Steven Spielberg

 

 

Der neue Film von Steven Spielberg erzählt 34 Jahre nach „E.T.“ wieder von der Beziehung zwischen einem Kind und einem übernatürlichen Wesen. Der Protagonist (animiert nach Bewegungen von Mark Rylance) ist ein kleiner Riese, der von einer Bande von neun gigantischen fleischfressenden Artgenossen tyrannisiert wird.

 

Dieser Riese verfügt zugleich über eine große Gabe: Er kann mit seinen segelförmigen Ohren die einsamen Herzen der Menschen hören und sie wieder glücklich machen. Dafür fängt er schöne Träume und bläst sie den Bedürftigen in die Münder. Seine zarte Seele versteckt er hinter einem skurrilen Kauderwelsch und einer Vorliebe fürs Pupsen. Das soziale Ungleichgewicht der Geschichte liegt eindeutig bei ihm, da er am meisten gibt und am meisten dafür einstecken muss. So liegt der emotionale Fokus fast ausschließlich bei BFG, der wortwörtlich zum Spielball der anderen Riesen wird.

 

Das Waisenmädchen SOPHIE (Ruby Barnhill), das zu Beginn des Filmes von dem Riesen aus nicht allzu zwingenden Gründen entführt wird, ist zwar ebenfalls eine sozial Benachteiligte, da sie wie BFG keine Eltern mehr hat. Doch von ihrer Benachteiligung ist kaum etwas zu spüren. Es wirkt im Gegenteil mit der Zeit eher anmaßend, wie sie BFG herumkommandiert. Es hätte dem Film vermutlich geholfen, Sophies Benachteiligung im Waisenhaus deutlicher zu erzählen.

 

Andererseits vermittelt Sophies Unerschrockenheit auch etwas von ihrem Mut: denn ihre Angst vor BFG ist schnell verschwunden. Sophie erkennt sehr bald das Besondere an dem gutmütigen Riesen. Das verbindet die beiden. Hier liegt die Austauschebene.

 

Erzählerisch wird nun aber leider erst ab der Mitte des Filmes deutlich, wohin die Reise gehen soll. Denn erst dann macht Sophie BFG klar, das sie beide einen Plan brauchen, um die anderen Riesen zu vertreiben. Dass dieser Wendepunkt sehr spät liegt, macht der Geschichte zu schaffen. Dass die fleischfressenden Riesen tatsächlich eine übergeordnete Gefahr darstellen, weil sie regelmäßig in der Menschenwelt Kinder rauben und verspeisen, wird erst arg spät klar. Zuletzt werden die bösen Riesen mithilfe der britischen Armee gefangengenommen und auf einsamen Inseln ausgesetzt, was dem friedliebenden Gestus des Filmes etwas entgegensteht. Ihre Vertreibung hat dafür eine hohe soziale Relevanz.

 

Für diesen endgültigen Sieg holen sich Sophie und der Big Friendly Giant bei der Königin von England Hilfe. Diese Sequenz ist aus vielen Gründen der emotionale und zugleich komödiantische Höhepunkt des Filmes. Sophie und BFG beweisen viel Mut, indem sie sich an die höchstmögliche Instanz richten. Die Queen begegnet Sophie und dem nicht eigentlich gesellschaftsfähigen Riesen mit der größtmöglichen Höflichkeit (und wird dabei von ihm permanent mit „Ihre Mayonnaise“ angesprochen, was der kleinen Sophie die Schamesröte ins Gesicht treibt). Das königliche Mahl findet sein Ende in einer der größten Furzszene der Filmgeschichte. Hier werden ungestraft gesellschaftliche Regeln gebrochen, was immer ein anarchistisches Vergnügen bereitet.

 

Sophie wird daraufhin von der Zofe und dem sympathischen Kammerdiener adoptiert, sie findet damit eine neue Zugehörigkeit, worüber jedoch kaum weiter geredet wird. Indem schon ihre Isolation zu Beginn kaum thematisiert wird, bleibt hier eine weitere Ebene des ‚human factor‘ unter Wert. Sophies Abschied von BFG zitiert die Fingergeste von E.T., geht aber in seiner Intensität ebenfalls etwas unter. Das liegt vermutlich auch daran, dass Sophie und BFG bei dem Lebewohl wohl deutlich weniger zu verlieren haben, als das einst bei Elliot und E.T der Fall war.

 

Wirkungsvoll ist die filmische Perspektive, mit der das Mädchen auf den Riesen schaut: Sie versetzt uns Zuschauer in die Lage von Kleinkindern, die übergroßen Erwachsenen bei ihren kuriosen Beschäftigungen zuschauen. Das hat besonders in 3-D einen körperlich spürbaren Effekt.

 

So bietet „BFG“ einen Mix aus (bei Spielberg) erwartbaren Stärken im Zwischenmenschlichen sowie der Virtuosität der Umsetzung; aber auch von dramaturgisch überraschenden Schwächen, die dafür sorgen, dass es „BFG“ im heiß umkämpften Markt der Animations-Blockbuster viel schwerer haben dürfte als eben einst „E.T.“ oder auch vor Jahren noch Spielbergs ähnlich umgesetzter „Tim und Struppi“.  

 

München, 9.8.2016

Jochen Strodthoff, Roland Zag

 

 

 

BFG

Quelle: NFP