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Filmbesprechung

BLADE RUNNER 2049

 

Buch: Hampton Francher, Michael Green; Regie: Denis Villeneuve

 

 

In erster Linie geht es dem Film um Einsamkeit. Für das Gefühl jener existenziellen  inneren Verlorenheit, welche in unserer westlichen Welt immer mehr zunimmt, findet der Film atemberaubend neue und sinnstiftende Bilder: in der Ödnis des „Blade Runner 2049“ wirkt schon ein winziges Blütenblatt wie eine Sensation, eine Störung, ein Keim des Verbotenen. Die Welt, von der hier die Rede ist, kennt keine Pflanzen mehr und keine Tiere, keine Wärme und kein Miteinander. Entsprechend sind auch die zwischenmenschlichen Beziehungen lange Zeit entweder rein funktional, oder virtuell.

 

OFFICER K (Ryan Gosling) geht seiner tödlichen Arbeit ganz alleine nach. Wenn er andere Wesen (Menschen? Replikanten?) wie z.B. JOSHI (Robin Wright) trifft, bleibt die Beziehung kalt. Es braucht schon eine Prostituierte wie MARIETTE (Mackenzie Davis)  oder die künstlich geschaffene Intelligenz JOI (Ana de Armas), um sich auch nur im Ansatz mitteilen zu können. Auch hier sind die Grenzen sehr eng gesteckt. Diese Kontaktlosigkeit teilt sich dem Publikum eindrucksvoll mit.

 

Konsequenter Weise dreht sich in der Folge alles um die Möglichkeit der Selbst-Reproduktion. Nur so scheint für Maschinenmenschen Nähe möglich: durch das ‚Wunder’ von Geburt, Familie und Zusammenhalt. Aus Sicht von K.s Auftraggebern ist gerade dieser Gedanke an Zusammenhalt unter den Replikanten der schiere Horror. Sollte sich also der Verdacht erhärten - so der erste ‚Plot Point‘ des Films - dass sich künstlich erschaffene Menschen fortpflanzen können, würde das Krieg bedeuten. Der Konflikt verläuft also zwischen einer alles umfassenden Kontaktlosigkeit, wie sie von der herrschenden Klasse, etwa von WALLACE (Jared Leto) implizit gepredigt wird, und der Suche nach Begegnung, die K innerlich antreibt.

 

Diese Suche (letztlich eine nach K.s eigenem Ursprung), bleibt selbst über weite Strecken ein einsames Geschäft. Die Hauptfigur scheint als Gegenüber nichts anderes zu bleiben als ihre eigene Erinnerung. Aber selbst diese könnte künstlich sein. Diese Verunsicherung der Hauptfigur in Bezug auf ihre Identität, auf verlässliche menschliche Qualität erzeugt jenes spezifisch unbehagliche Gefühl, das den Film durchzieht. K.s quälende Suche nach den Bildern, die er mit sich herumträgt, ist gleichbedeutend mit der Suche nach sicherer Identität. Menschlichkeit – das ist die Botschaft - geschweige denn ‚Seele’ setzt Bilder voraus, die einem ‚gehören‘. Hingegen ist die Vorstellung von fremd implantierten inneren Bildern der maximale Horror. Die Gestaltung dieses inneren Konflikts dürfte in der Filmgeschichte einzigartig sein.

 

Es dauert weit über die Hälfte des fast dreistündigen Werks, ehe K. endlich jemandem begegnet, mit dem so etwas wie Gemeinschaft möglich scheint. DECKARD (Harrison Ford) ist vordergründig ein Rückbezug auf den Original-Bladerunner von 1982; dramaturgisch aber bietet er vor allem die lange ersehnte erste Möglichkeit eines adäquaten Gegenübers. Endlich wird Kommunikation möglich.

 

Die emotionale Qualität dieser Begegnung wird um ein Vielfaches intensiviert dadurch, dass Deckard Ks Vater sein könnte. Stimmung und Spannung des Films verändern sich. Erst im Miteinander von Mentor (Vater?) und Schützling (Sohn?) kommt ein wenig von der Wärme auf, die vorher gefehlt hatte. Und so nimmt im letzten Drittel die Dichte der menschlichen Beziehungen immer mehr zu.

 

Der eigentliche ‚Clou‘ freilich besteht darin, dass nicht etwa K. Deckards Kind ist (was wir ohnehin lange vermutet hatten), sondern die rätselhafte weibliche Replikantin (Sallie Harmsen), die als einzige wirklichen Zugang zu Pflanzen, Erinnerungen und Gefühlen hat. Ihre Szenen fallen stilistisch stark aus dem Rahmen. Sie verkörpern die Hoffnung, dass Emotionalität und ‚Seele‘ doch noch Einzug halten könnten in dieser aseptischen Welt.

 

Letztlich reduziert sich so der dramaturgische Gehalt dieses sehr langen und optisch aufwändigen Films auf ganz wenige Elemente. Darin ist er radikal konsequent. Egal, wie viele ‚Menschen‘ in „Blade Runner 2049“ unter welchen Umständen zu Tode kommen: eigentlich kreist das Thema unablässig immer nur um die Möglichkeit, zunächst mit sich selbst, und später dann mit anderen in Kontakt zu kommen. Im Augenblick, wo K. es gelungen ist, das Vertrauen von Deckard zu erlangen, stirbt er. Die Arbeit ist getan. Der Kontakt wurde hergestellt.  So endet dieser düstere Film doch mit einem Motiv der Hoffnung.

 

Am Markt wird dieses eindrucksvolle Werk selbstverständlich große Beachtung finden. Doch die wirklichen Blockbuster-Zahlen sind dem schwierigen und sperrigen Unterfangen nicht unbedingt zuzutrauen. Vielleicht aber erhält der Film mit der Zeit jene Aura des cineastischen Ausnahmewerks, die schon dem Vorgänger zu Kult-Status verhalf.

 

 

München, 11.10.2017

 

Roland Zag

 

Julieta

Quelle: SONY Pictures