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Filmbesprechung


 

CAPTAIN FANTASTIC

 

Buch und Regie: Matt Ross    

 

Die Seele einer Story liegt im Antagonismus des Wertegegensatzes. Das zeigt auch „Captain Fantastic“. Der Wertekonflikt zwischen einer Familie, die komplett auf sich allein gestellt in Wäldern aufwächst, und der zivilisierten Gesellschaft Nordamerikas ist an Reibungsenergie schwer zu toppen. Entsprechend stark aufgestellt wirkt die Dramaturgie des Films.

 

Auf der einen Seite ist die künstliche Welt, die BEN (Viggo Mortensen) mit seinen sechs Kindern auf eigene Faust errichtet: es wird konzentriert gelesen, diskutiert, gekämpft, trainiert und linkes Gedankengut gepflegt. Das Ideal von Ben und seiner (leider inzwischen schwer erkrankten) Frau liegt in der Autonomie: um allen Kompromissen mit der Macht und dem Kapitalismus zu entkommen, werden keine Mühen gescheut. Innerhalb dieser etwas idealisiert dargestellten Familie scheint es nur unterschwellige Konflikte zu geben.

 

Wenn diese Truppe anlässlich der Beerdigung der bipolar gestörten Mutter, die sich das Leben genommen hat, auf die Welt der heutigen Zivilisation trifft, sind massive Konflikte vorprogrammiert. Bens Kinder kommen weder mit den adipösen Amerikanern zurecht noch mit der Familie der Schwägerin. Die Kinder scheinen ihren durchschnittlichen Altersgenossen intellektuell haushoch überlegen. Aber was ihnen fehlt, ist soziale Kompetenz. Sie sind es nicht gewohnt, mit Fremden zu interagieren. Hier liegt der gewaltige Mangel, den sie allmählich realisieren – und anhand dessen Ben auch begreifen muss, dass sein Erziehungskonzept nicht so großartig war, wie er ursprünglich dachte. Menschen brauchen Menschen, und sie brauchen Konflikte. Der Versuch, den Kindern die Konfrontation mit der heutigen Wirklichkeit vorzuenthalten, entpuppt sich als Fehler.

 

Lange Zeit liegen all diese Reibungen mehr im komödiantischen Bereich, insbesondere als BO (George McKay) erste erotische Gefühle kennen lernt, mit denen umzugehen er überhaupt nicht gelernt hat.

 

Doch auf dem Begräbnis der verstorbenen Mutter wird es ernst. Hier brechen nun massiv die Konflikte auf, die lange unter der Oberfläche geblieben waren. Bens mittlerer Sohn RELLIAN (Nicholas Hamilton) begehrt gegen das mitunter diktatorische Regime seines Vaters auf und verbündet sich mit dem gnadenlos feindseligen Schwiegervater JACK (Frank Langella). Nun steht Ben massiv unter Druck – und dieser verringert sich nicht, als seine Tochter auch noch bei einem halsbrecherischen Manöver stürzt.

 

Ben muss einsehen, dass er zu weit gegangen ist. Er hat seinen Kindern mehr geschadet als genützt. An diesem Punkt tritt etwas ein, was im amerikanischen Kino eher zur Ausnahme geworden ist: die Figurenwandlung. Ben wird erstmals von Selbstzweifeln übermannt. Unerwartet muss er Rellian Abbitte leisten. Bens Krise am Ende des 2. Aktes wirkt intensiv und niederschmetternd. Seine Ideale scheinen geplatzt zu sein. Alles, woran er geglaubt hat, ist mit dem Tod der Ehefrau gescheitert. Er hat seine Kinder, seine Familie, seinen Lebensraum verloren. Selten wurde in letzter Zeit ein Moment der persönlichen Krise dramaturgisch so überzeugend vorbereitet und auch inszenatorisch so genüsslich ausgekostet.

 

Für den dritten Akt hat sich das Drehbuch dann eine etwas überspitzte Überraschung vorbehalten, die den Film wieder auf die mitunter deutlich spürbare komödiantische Spur setzt. Hier zeigt sich nun, wie wertvoll es sein kann, ein äußeres Ziel zu haben. Denn der letzte Wille der verstorbenen Mutter besagte eindeutig, nicht beerdigt, sondern verbrannt werden zu wollen. Diesem Wunsch kommt die Familie nun nach. Dieses Ziel treibt den Film nun voran. Dies gibt nicht nur den Kindern, sondern auch den Zuschauern erstmalig die Möglichkeit, die Verstorbene, von der man so viel gehört hatte, auch zu sehen.

 

Mit diesem letzten Akt des Verbrennens kommen viele Aspekte des ‚human factor‘ ins Lot: einmal die Bindung an die geliebte Mutter, die den Kindern von der Gesellschaft vorenthalten worden war; dann die Aussöhnung mit dem Vater; das Gemeinschaftsgefühl; und zuletzt die ausgleichende Gerechtigkeit, dass nun der Wille der Verstorbenen endlich respektiert wird.

 

Dass Ben tatsächlich begriffen hat, wie zerstörerisch es sein kann, seinen Kindern eine funktionierende soziale Umgebung zu gönnen, zeigt sich in den letzten Bildern des Films.

 

So wirkt „Captain Fantastic“ wie ein Musterbeispiel gelungener Drehbucharbeit (und kongenialer Umsetzung). Der Antagonismus des Wertekonflikts ist so stark, dass er praktisch alle Aspekte des Plots vorantreiben kann. Hinzu kommt eine mustergültig ökonomische Reduktion (es geht um nichts anderes als eine Reise zu einem bestimmten Ziel); der Tiefpunkt am Ende des 2. Aktes wirkt sehr stark, und dafür ist der Weg zurück im dritten Akt mit umso mehr positiver Energie unterfüttert.

 

Insofern ist es kein Wunder, dass „Captain Fantastic“ als Erstlingsfilm es auf Anhieb geschafft hat, international zu reüssieren. Auch in Deutschland dürften die Zahlen am Ende nicht ganz unerheblich ausfallen.

 

München, 6.9. 2016

 

Roland Zag

 

 

 

Julieta

Quelle: Universum Film