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Filmbesprechung

COCO – LEBENDIGER ALS DAS LEBEN

 

Buch: Lee Unkrich, Jason Katz, Matthew Aldrich, Adrian Molina;

Regie: Lee Unkrich, Adrian Molina

 

 

Die zentralen Koordinaten jeder Drehbucharbeit sind die Themen ‚Zugehörigkeit’ und ‚Wertekonflikt’. Beide Kräfte entfalten in „Coco – Lebendiger als das Leben“ gewaltige dramaturgische Wirkung. Das Zusammenspiel lässt sich hier in Reinstform studieren.

 

In Bezug auf ‚Zugehörigkeit’ baut das Drehbuch um den kleinen MIGUEL eine riesige Familie mit mehreren Generationen auf. Der kollektive Druck, dem Miguel ausgesetzt ist, wenn er die Zugehörigkeit nicht verlieren will, ist immens. Wer riskiert schon den Krach mit einer so riesigen und eigentlich liebevollen Familie? Insofern wird die Macht der Bindung hier sehr stark bespielt.

 

Doch da ist zugleich auch der Wertekonflikt! Und dessen Vehemenz steht dazu im direkten Gegensatz: Miguel liebt ausgerechnet Musik –doch die ist in seiner Familie schon seit Generationen strengstens verboten und verbannt! Denn eine Urahnin wurde einst von einem Musiker sitzen gelassen. Nie, nie wird Miguel seiner Leidenschaft und seiner Verehrung für den großen HECTOR nachgehen können, wenn es ihm nicht gelingt, sich aus dieser Familienbindung zu lösen... Oder etwa doch?! Gibt es noch andere Wege aus der Zwickmühle?

 

Entweder Miguel beugt sich dem wohlmeinenden Diktat seiner Familie und verzichtet auf Musik. Oder er folgt der Stimme des Herzens, aber verliert die Liebe seiner Nächsten. Ein solches Dilemma ist dramaturgisch ein Leckerbissen. Üblicherweise haben Autoren alle Hände voll zu tun, um ihre Figuren am Ende des zweiten Akts in diese Situation zu bringen. Doch in „Coco – Lebendiger als das Leben“ fängt der Film gleich mit einer solchen Situation an.

 

Was soll da noch kommen? Wie können die Autoren eine Situation, die im Normalfall erst den Klimax bildet, zum Anfang einer neuen Story umfunktionieren?!

 

Hier greift eine geniale Drehbuchidee, die das Thema ‚Zugehörigkeit’ um eine weitere Dimension erweitert und sie gleichsam multipliziert. Denn Miguel gerät am mexikanischen Totengedenktag ins Reich der Verstorbenen. Und dort erst erweist sich nicht nur, wie enorm stark die Bindung Lebenden an die Toten ist, sondern auch umgekehrt. Postmortales Weiterleben ist nur möglich, wenn sich Lebende an die Vorfahren erinnern. Dadurch hängt Miguel an seiner realen Familie UND dem Schicksal seiner Vorfahren. Die gegenseitige Bindung ins Jenseits und wieder zurück ist enorm.

 

Miguel muss nun dafür sorgen, dass die Erinnerung an die Toten nie abreißt. Insbesondere der zunächst eher kaputt wirkende ERNESTO erweist sich im Verlauf des Films als die immer wichtigere Figur – ja in Wahrheit ist eigentlich ER tatsächlich Miguels Urgroßvater und Schöpfer vieler großartiger musikalischer Werke! Hier hat der Film einige wirklich unerwartete Asse im Ärmel, die das anfängliche Dilemma auf eine neue, höhere Ebene stellen und völlig neu beleuchten. Die Frage nach dem Entweder – Oder vom Anfang (entweder Musik oder Familie) hebt sich auf. Die Story erschließt eine tiefere Dimension, und von diesem Punkt aus sieht das Dilemma anders aus. SO sollten dritte Akte aussehen!

 

Mit dieser erzählerischen Pointe schafft der Film eine enorme emotionale Aufladung. Er erkauft diese freilich mit auch mit einem etwas schalen Nebeneffekt: nämlich einer eher einseitig ‚bösen’ und wenig ambivalenten negativen Hauptfigur. Die scheinbare Lichtgestalt erweist sich irgendwann als Inkarnation des Fiesen und Hinterhältigen. Über solch eindimensionale Antagonisten war die Firma Pixar in Filmen wie „Alles steht Kopf“ schon hinweg, jetzt geht es wieder einen Schritt zurück: dass „Coco – Lebendiger als das Leben“ wieder den guten alten Bösewicht reaktiviert, ist zweifellos eine Schwäche.

 

Dennoch schafft es der Film, in der Schluss-Szene durch das Austauschmedium der Musik den Wertekonflikt zu überwinden und eine extrem rührende Szene zu kreieren: in der uralten Coco kommt die nie erloschene Liebe zu ihrem Vater wieder zum Vorschein. Miguel hat es möglich gemacht. Seine Reise ins Reich der Toten war kein Egotrip, sondern hatte eine heilsame Funktion.

 

Dieser transgenerationale Aspekt der Liebe lässt sich üblicherweise schwer erzählen. Das Genre des Animationsfilms mit seinen fantastischen Möglichkeiten aber macht es hier möglich, zu zeigen, wie sich Zuneigung und Bindung über mehrere Generationen hinweg fortpflanzen können.    

 

Mit dieser einzigartigen Schluss-Szene entlässt „Coco“ sein Publikum nach einem furiosen, bisweilen etwas arg überladenen Plot-Feuerwerk in die grauen Alltag. Die enormen Kräfte Zugehörigkeit und Wertekonflikt  garantieren eine starke emotionale Wirkung – und die fantastischen Bildwelten und umwerfenden Animationen der Skelette tun ihr Übriges, um einen Ausnahmeerfolg zu begründen.

 

München, 6.12. 2017

 

Roland Zag

 

 

 

 

Julieta

Quelle:  Walt Disney