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Filmbesprechung

‚Human Factor Kurzanalysen’ untersuchen die dramaturgischen Prinzipien aktueller Kinofilme in Bezug auf die fünf erzählerischen Grundfragen, wie sie im Buch „Dimensionen filmischen Erzählens“ von Roland Zag (Herder-Verlag Freiburg) behandelt werden. Daraus ergibt sich ein abschließendes Gesamtbild für die mögliche Marktresonanz des Films.  

 

WARNUNG: ‚Human Factor Kurzanalysen’ können Spoiler enthalten. 



Der Goldene Handschuh

B: Fatih Akin, nach dem Roman von Heinz Strunk; R: Fatih Akin

 

Erzählabsicht

 

Wo verläuft die Grenze zwischen dem Humanen und der schieren Unmenschlichkeit? 

 

FIETE (Jonas Dassler) vegetiert in einem permanenten Exzess aus Alkoholkonsum und sexueller Obsession. Die Partnerinnen – vom Leben und vom Alkohol zerstörte Frauen nahezu ohne Selbstwertgefühl – findet er in der titelgebenden Kneipe. Sobald es zu Komplikationen kommt, tötet er die Frauen bestialisch und verstaut die Leichenteile in seiner Wohnung. Ein kurzer Versuch, dem Teufelskreis zu entkommen, findet ein trauriges Ende. Gegen den zunehmenden Gestank verwesender Leichen helfen irgendwann auch ganze Armeen von Duft-Kerzen nicht mehr. 

 

Zugehörigkeiten

 

Auf die Möglichkeit, das Verhalten der Hauptfigur durch Empathie erzeugende Bindungen zu erklären oder zu rechtfertigen, verzichtet der Film weitgehend. Fiete ist fast bindungslos, wenn man von der Beziehung zu seinem Bruder SIGGI (Marc Hosemann) absieht. Durch ihn erfährt man zwar manches über die Hintergründe. Doch wirkliche Nähe zu den Figuren wird weder gewollt noch erreicht. 

 

Wesentlich freilich ist das Zusammengehörigkeitsgefühl innerhalb der Kneipe. Ohne den schützenden Rahmen dieser Gruppe wäre Fietes Treiben wohl kaum vorstellbar. Insofern ist „Der goldene Handschuh“ doch auch ein Film über das gesellschaftliche Phänomen des Nicht-Hinschauen-Wollens und kollektiver Verdrängung. 

 

Wertekonflikt(e)

 

Der Film verläuft denkbar undramatisch. Fiete muss keine Hindernisse aus dem Weg räumen, seine Morde bleiben unbemerkt, weil es niemanden gibt, der die Opfer vermisst. Insofern tauchen nur schemenhaft Konflikte auf – etwa wenn sich Fiete in der Periode seiner versuchten Alkoholabstinenz an die Frau eines Kollegen heranmacht. 

 

Der einzige – allerdings heftige – Wertekonflikt, der beim Betrachten des Films auftaucht, liegt im Erleben der Betrachtenden selbst. Träger dessen, was wir als ‚normal’ bezeichnen würden, sind die beiden jungen Menschen GISELA (Viktoria Trautmannsdorff) und WILLI (Tristan Göbel). Was man aber die längste Zeit auf der Leinwand sieht, wirkt abstoßend, ekelerregend und inhuman. In dieser Kollision liegt der eigentliche Konflikt des Films. 

 

Regelwerk

 

Obwohl sich der Film herkömmlicher Spannungsdramaturgie verweigert, steht das Geschehen doch unter der einen alles beherrschenden Frage: Wann werden die Morde publik? Die Pointe liegt nun darin, dass sich das Geschehen nicht etwa, wie erwartet, im Rahmen erwartbarer Prozesse auflöst, sondern aufgrund eines absurden Zufalls: Die Wohnung unterhalb von Fietes Mansarde brennt ab, und jetzt erst werden die Verbrechen offenbar. Es bedarf einer bizarren Koinzidenz, um das Unfassbare fassbar werden zu lassen. 

 

Erzählordnung/Perspektivwechsel

 

Der Film besteht aus einer Reihung, in der sich kaum Steigerungen, Wechsel, Höhe-oder Tiefpunkte finden. Gleichwohl markiert das Wiedereintreten der beiden jungen Protagonisten Willi und Gisela die Wendung zum dritten Akt: Das Geschehen wird spürbar belebt und mit der oben benannten antagonistischen Kraft aufgewertet, und durch Fietes obsessives Verlangen nach der jungen Frau kommt auch die finale Wendung in Gang. 

 

Gesamtbild

 

„Der Goldene Handschuh“ erzählt keine zusammenhängende Story. Die Geschichte spielt sich eher zwischen dem Geschehen auf der Leinwand und dem Innern der Betrachtenden ab: Wie lange will man dem repetitiven Geschehen zusehen, sich der Qual und dem Leid geschundener Frauen aussetzen? In dieser fast dokumentarischen Haltung ist „Der Goldene Handschuh“ nicht allein. Auch Filme wie „Funny Games“, „Irréversible“ oder kürzlich „The House that Jack built“ teste(te)n in ihrer Wirkung vor allem die Widerstandsfähigkeit des Publikums aus. In Kürze dürfte auch „Wintermärchen“ ganz ähnliche Wirkungen hervorrufen. 

 

Dies ist vermutlich kein Zufall. In Zeiten der gesellschaftlichen Verunsicherung, wo die klaren Orientierungslinien zunehmend verloren gehen, werden auch im Kino die gesellschaftlichen Randbezirke mehr und mehr ausgelotet. Es mag zwar sein, dass „Der goldene Handschuh“ bei vielen Zuschauern auf Ablehnung stößt. Doch das Interesse, der Reiz, die Neugier (abgesehen von der Prominenz des Regisseurs) dürften dafür sorgen, dass der Film einige Resonanz findet. Weniger aus Lust auf das erzählte Geschehen selbst, als vielmehr dem kollektiven Bedürfnis, sich mit bestimmten extremen Erlebenswelten auseinanderzusetzen. 

 

München, 27.2.2019

 

Roland Zag

 


 

 

Quelle: Pandora Filmverleih