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Filmbesprechung

‚Human Factor Kurzanalysen’ untersuchen die dramaturgischen Prinzipien aktueller Kinofilme in Bezug auf die fünf erzählerischen Grundfragen, wie sie im Buch „Dimensionen filmischen Erzählens“ von Roland Zag (Herder-Verlag, ab Dezember 2018) behandelt werden. Daraus ergibt sich ein abschließendes Gesamtbild für die mögliche Marktresonanz des Films. 

 

WARNUNG: ‚Human Factor Kurzanalysen’ können Spoiler enthalten.

 

 

Der Trafikant

 

B: Klaus Richter, Nikolaus Leytner nach dem Roman von Robert Seethaler

R: Nikolaus Leytner

 

Erzählabsicht

 

‚Im Leben geht es mehr ums Fragen als um Antworten. Aber unter politischem Druck muss man Zeichen setzen‘. So ähnlich spricht FREUD (Bruno Ganz) zu FRANZ (Simon Morzé). Dieser Aussage wird der Film insofern gerecht, als sich lange Zeit eine eher triviale Liebesgeschichte in rätselhaften visuellen Andeutungen und Überhöhungen, in dunklen Zwischenräumen abspielt, ehe die Story wirklich handfest und eindeutig politisch wird.

 

Weite Teile des Films kreisen um die Rätsel der Libido. Franz versteht nicht die Kraft, die ihn zur Tänzerin ANEZKA (Emma Dragunova) zieht. Erst sehr spät beginnt Franz zu begreifen, dass politische Fragen viel relevanter sein können als das rein private Glück.

 

Mit dieser Zweiteilung – hier das Private, dort das Politische – muss der Film zurechtkommen. Die Frage ist, ob beide Teile im Kopf der Betrachter wirklich ein einheitliches Ganzes ergeben.

 

Zugehörigkeiten

 

Franz steht zwischen vier wichtigen Personen: der Mutter, welche zwar räumlich weit weg, emotional aber sehr präsent ist. Sie scheint das Leben ebenso wenig zu begreifen wie ihr Sohn – beide wirken ähnlich naiv und verträumt. Ob es aber wirklich nötig war, diese virtuelle Beziehung zur Mutter, die nie handlungsrelevant wird, so stark zu betonen, steht ein wenig in Frage.  

 

Wichtiger ist die Bindung an TRSNJEK (Johannes Krisch), den aufrechten linksgerichteten Trafikanten, den später ein schlimmes Schicksal ereilt. Obwohl beide Figuren viel Zeit miteinander verbringen, entsteht zwischen Mentor und Schüler wenig Austausch. Wirklich viel zu sagen haben sich die beiden nicht.

 

Die Beziehung zur Tänzerin Anezka wird weitgehend übers Sexuelle erzählt. Franz verfällt der Kraft des Weiblichen, doch eine wirklich eigenständige Figur ist diese Anezka nicht. So wird sie auch als einzige später illoyal werden und politisch auf die Seite der Nazis wechseln. Frauen sind in „Der Trafikant“, wie Sigmund Freud es hier formuliert, ‚wie Zigarren‘: nämlich Genussartikel. Ob dem Film dieses antiquierte Geschlechter-Stereotyp am heutigen Markt hilft, steht zu bezweifeln.

Und dann ist da noch Sigmund Freud. In dieser Beziehung zwischen dem ahnungslosen Franz und dem weltberühmten Professor liegt die Pointe. Hier wird nun auch sorgfältig auf Geben und Nehmen geachtet: Franz besorgt Freud Zigarren und hilft ihm später bei der Emigration – dafür erhält er Nachhilfeunterricht in Sachen Lebenskunde. Daher ist dies die einzige Beziehung, die für wirklich emotionale Kraft sorgen kann.

 

Wertekonflikt(e)

 

Die Polarität zwischen abwartendem Zögern und rücksichtslosem Handeln vermittelt sich sehr klar. Der Film bewegt sich zwischen einem passiv beobachtenden Gestus, wie ihn anfangs Franz, aber auch Freud pflegen. Doch die Kräfte einer brutalen Machtdemonstrationen von Leuten wie dem Nazi-nahen Fleischer-Ehepaar oder dem ‚Roten Egon‘ werden immer stärker, bis Franz am Ende sich doch zu so etwas wie einer Demonstration seiner eigenen (Ohn)macht aufrafft und wenigstens die Hose des ermordeten Trafikanten mit der Hakenkreuzfahne vertauscht.

 

Die Liebesgeschichte mit Agnezka allerdings lässt keinen klaren Konflikt erkennen. Franz ist einfach zu naiv. Das Private der unglücklichen Liebesaffaire (wobei das Wort ‚Liebe‘ hier zu hoch gegriffen erscheint – es ist eher eine Affaire der Hormone) mag sich nicht so recht mit dem Politischen verbinden.  

 

Regelwerk

 

Franz begegnet in Sigmund Freud einem Intellektuellen, der versucht, das Regelwerk des Dunklen und Unbewussten zu entschlüsseln. „Ich werde alle ihre Bücher lesen“, behauptet Franz dann auch überschwänglich zu Beginn. Doch davon kann keine Rede sein. Franz interessiert sich nicht für die Arbeit von Freud, und das Drehbuch auch nicht. Dadurch bleibt der Reiz dieser Beziehung limitiert. Wofür Freud wirklich stand oder steht, bleibt unklar.

 

Zudem wird die Zeit vor und während dem ‚Anschluss‘ erzählt. Dabei entsteht der Eindruck, Österreich sei 1938 von einem freien demokratischen Land in eine Diktatur verwandelt worden. Dem ist nicht so. Österreich war bis zum ‚Anschluss‘ eine faschistisch-katholische Diktatur, die der Bevölkerung bereits sehr viel Freiheiten verbot. Um die Beschreibung der politischen Realitäten dieser Zeit aber macht das Drehbuch einen großen Bogen.  

 

Vielmehr belässt es der Film absichtlich und willentlich darin, die Rätsel des Lebens und vor allem der Träume unaufgelöst stehen zu lassen. Es wird viel geträumt, und wenig gedeutet. Damit stellt der Film das Wesen von Freuds Arbeit eher auf den Kopf.

 

Erzählordnung/Perspektivwechsel

 

Für Franz bedeutet die Ankunft in Wien einen gewaltigen Perspektivwechsel. Er muss mit vielen neuen Eindrücken fertigwerden und ein gewaltiges Spektrum an politischen und gesellschaftlichen Kräften verarbeiten. Insofern ist der Übergang vom ersten zum zweiten Akt sehr deutlich und auch vielversprechend.

 

Die Einsicht, dass es im Leben um mehr gehen kann als nur um die Verwirrung der Gefühle und Hormone, macht Franz erst viel später: als nämlich Trsjnek von den Nazis verhaftet und umgebracht wird. Von diesem Moment an herrscht ein ganz anderer Ton, und jetzt vermittelt sich auch die Erzählabsicht: es geht darum, Zeichen zu setzen, auch wenn man sich eigentlich machtlos fühlt. Dafür findet der Film ein klares Bild.

 

Insofern verfügt der Film über einen starken ersten und dritten Akt. Doch dass in der Konfliktphase des Films durch die wenig ergiebige Liebesgeschichte auch Schwächen sichtbar werden, ist kaum zu übersehen.

 

Gesamtbild

 

„Der Trafikant“ bezieht sich auf eine sehr beliebte und viel gelesene Vorlage. Dies garantiert ein bestimmtes Grund-Interesse, welches durch Namen wie Sigmund Freud oder Bruno Ganz noch gesteigert wird. Dieses Interesse reduziert sich aber ausschließlich auf eine ältere Generation. Jüngere Zuschauer(innen) dürften gerade mit den altbackenen Geschlechterstereotypen Probleme bekommen.

 

Der Film offenbart am Ende eine klare ‚Botschaft‘ – aber er steuert nicht besonders zielstrebig darauf zu. Vielmehr lassen sich die Bereiche ‚sexuelle Gefühlsverwirrung‘ und ‚politisch Haltung zeigen‘ schwer vereinen. Indem lediglich eine einzige Beziehung wirklich auf Geben und Nehmen beruht, entsteht nur punktuell wirklich starke emotionale Kraft.

 

Durch die Vernebelung der gesamten Geschichte durch traumhafte und surreale Einschübe wird die Nähe zur Traumdeutung Freuds zwar einerseits hergestellt – doch  andererseits auch wieder negiert. Wo Freud versuchte, Licht ins Dunkel des Unbewussten zu bringen, belässt es der Film beim milden Schleier des Rätselhaften. Auch hier finden sich feine innere Widersprüche, welche dem Gesamtbild kaum helfen dürften.  

 

Insofern entsteht in „Der Trafikant“ ein Film, der auf ein interessiertes, aber im Alter limitiertes Publikum stoßen kann. Für eine wirklich aufwühlende Kino-Erfahrung dürfte das, was hier geboten wird, nicht wirklich homogen und durchschlagend genug sein.  

 

München, 16.11.2018

 

Roland Zag

 

 

 

 

Quelle: Tobis Film