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Filmbesprechung

‚Human Factor Kurzanalysen’ untersuchen die dramaturgischen Prinzipien aktueller Kinofilme in Bezug auf die fünf erzählerischen Grundfragen, wie sie im Buch „Dimensionen filmischen Erzählens“ von Roland Zag (Herder-Verlag, ab Dezember 2018) behandelt werden. Daraus ergibt sich ein abschließendes Gesamtbild für die mögliche Marktresonanz des Films.  

 

WARNUNG: ‚Human Factor Kurzanalysen’ können Spoiler enthalten. 

 

 

Der Vorname 

 

B: Claudius Pläging, Alexander Dydyna, nach dem Stück von Matthieu Delaporte und Alexander de La Patellière; 

R: Sönke Wortmann

 

Erzählabsicht 

 

Filme wie „Der Vorname“ folgen grundsätzlich einer einzigen Absicht: anderen dabei zuzusehen, wie sie sich hemmungslos zoffen, während man selbst unbeteiligt bleibt. Der bürgerlichen Wohlerzogenheit wird die Maske vom Gesicht gezogen. Dies wird im Epilog explizit so formuliert: ‚Es gibt zwar im Leben Streitigkeiten, die auch mal eskalieren können. Aber am Ende ist alles trotzdem halb so schlimm. Wichtiger als alle Differenzen sind doch Zusammenhalt und Liebe.’ 

 

Auch wenn diese Quintessenz ein wenig aus heiterem Himmel kommt, wird der Film dieser Absicht auf jeden Fall gerecht: So schlimm, wie es zwischenzeitlich aussieht, sind die Konflikte des Films eigentlich nicht. Vieles erweist sich als Sturm im Wasserglas. Umso wichtiger, dass hier alle Differenzen, die im täglichen Leben oft übergangen werden, mal offen ausgesprochen werden – und wir darüber lachen können. 

 

Zugehörigkeiten

 

Die Dichte der familiären Zusammenhänge ist ungewöhnlich – und erzeugt eine emotionale Nähe, die dem Geschehen förderlich ist. Die Hüllen des Anstands fallen dank der familiären Intimität sehr schnell und sehr heftig.  

 

Nicht nur ELISABETH (Caroline Peters) und THOMAS (Florian David Fitz) sind Geschwister, sondern auch RENÉ (Justus  v.Dohnányi) ist beider Adoptivbruder, und auch Elisabeths Mann STEPHAN (Christoph Maria Herbst) scheint schon früh in dieser Konstellation eine Rolle gespielt zu haben.  Hinzu kommt DOROTHEA (Iris Berben) als Mutter. Einzig Thomas’ Frau ANNA (Janina Uhse) entstammt nicht dem familiären Umfeld. 

 

Diese Dichte offenbart ihre Kehrseite, als René seine neue Liebe offenbart. Hier wendet sich das Geschehen vom Konfliktträchtigen ins Emotionale. Anders als etwa im gnadenlosen „Gott des Gemetzels“ wird „Der Vorname“ dann kurz gefühlig. Dies hilft der Emotion des Films, weicht allerdings das Politische auch etwas auf. 

 

Die Episode, in der Thomas und Stephan eine Episode aus der Kindheit aufarbeiten, bei der ein Hund zu Tode kam, ist weder politisch noch privat sehr ergiebig. 

 

Wertekonflikt(e)

 

Auf dieser Ebene rivalisiert immer wieder die politische Relevanz mit inneren familiären Konflikten. 

 

Am wichtigsten ist aus Publikumssicht wohl die Frage, wie man mit unliebsamen politischen Strömungen umgeht: Soll das Anstößige und Provokante am besten ganz unterdrückt werden – oder ist es nicht gerade gut, strittige Themen zur Sprache zu bringen? Ein ähnlicher Konflikt beherrscht die augenblickliche politische Debatte. Dies verleiht dem Film Bedeutung. 

 

Neben dieser politischen Ebenen stehen die eher privaten Konfliktlinien zwischen dem neureichen Dünkel des ungebildeten, aber smarten Thomas einerseits, und der vermeintlichen bildungsbürgerlichen Überlegenheit des Professors Stephan. 

 

Später drängt sich dann der Konflikt zwischen René und seiner Adoptiv-‚Schwester’ Elisabeth in den Vordergrund. Diese fühlt sich übergangen und ausgeschlossen, als sie erfährt, dass René schon lange eine Liebesbeziehung führt, von der sie nichts weiß. 

 

Wieder ein neues Fass macht der Streit zwischen der werdenden Mutter Anna und ihrem Mann Thomas auf, und Elisabeths finale Filippika, in der sie mit allen Anwesenden abrechnet, ist nochmals anders gelagert. Insofern wird man feststellen, dass „Der Vorname“ zwar eine Menge Konflikte aufzuweisen hat, diese aber nicht alle in dieselbe Kerbe schlagen. Eine wirklich stringente Steigerung ist daher nicht zu erkennen, was der Dramaturgie irgendwann doch zu schaffen macht. 

 

Regelwerk

 

Die Story spielt mit einer Art von ungeschriebenem Gesetz: Demnach ist Dorothea, die Mutter, für ihren Adoptivsohn René tabu. So jedenfalls argumentieren Thomas und Elisabeth. Ihrer Meinung nach verstößt Renè gegen diese Regel, wenn er der Liebhaber der gemeinsamen Mutter wird  – und löst so den heftigsten Streit des Abends aus. Tatsächlich gibt es aber weder moralisch noch juristisch ein Gesetz, welches Liebesbeziehungen zwischen Adoptiveltern und –Kindern verbietet. Insofern ist dies ein Sturm im Wasserglas. Renés Liebe zu einer älteren Frau wirkt aufs Publikum wohl eher emotional berührend als schockierend. 

 

Erzählordnung/Perspektivwechsel

 

Das Drehbuch ist konventionell und klar aufgebaut. Der Konflikt von Akt II ist erreicht, sobald die Diskussion über den Vornamen in Fahrt gerät. Ob freilich Akt II wirklich als konsequente Steigerungslinie aufgebaut ist, scheint doch angesichts des ständigen Pendelns zwischen privaten und politischen Themen eher fraglich. Der Wechsel zu Akt III zeigt sich, nachdem Elisabeth ihren Liebsten ihr Kraut ausgeschüttet hat. Danach legt sich zunächst eine Art bleierne Schwere über das Geschehen; die Perspektive wechselt aber in Richtung Versöhnung und Humor. Hier realisiert sich die Erzählabsicht, die trotz aller Zerwürfnisse darauf beharrt, dass angeblich ‚alles gar nicht so schlimm’ ist. 

 

 

Gesamtbild

 

„Der Vorname“ bedient ein legitimes Publikumsbedürfnis: nämlich jenes, dabei sein zu wellen, wenn verdeckte Konfliktthemen der bürgerlichen Gesellschaft gnadenlos aufgebrochen werden. Im ‚echten‘ Leben würde man das eher vermeiden: die Konsequenzen wären einfach zu schwer zu tragen. Hier aber macht dieses konfliktträchtige Probehandeln Spaß. 

 

Diesen Spaß liefert der Film, auch wenn er vom politisch Relevanten immer mehr ins Private schwenkt. Dadurch wird die Erzählabsicht nicht immer optimal klar transportiert, und die finale Wendung mit ihrem ‚Schwamm drüber’ entspricht letztlich mehr der Strategie des Fernsehfilms als der aufwühlenden Kino-Unterhaltung. 

 

Verglichen mit dem ähnlich gelagerten „Der Gott des Gemetzels“ oder auch „Frau Müller muss weg“ ist aufgrund der etwas arg weichgespülten Grundhaltung mit etwas geringerem Publikumszuspruch zu rechnen. Aber die Voraussetzungen für eine günstige Entwicklung am Markt scheinen dennoch gegeben. 

 

München, 21.10.2018

 

Roland Zag

 

 

 

 

Quelle: Warner Brothers