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Filmbesprechung

‚Human Factor Kurzanalysen’ untersuchen die dramaturgischen Prinzipien aktueller Kinofilme in Bezug auf fünf erzählerische dramaturgische Grundfragen. Daraus ergibt sich ein abschließendes Gesamtbild für die mögliche Marktresonanz des Films. 

 

WARNUNG: ‚Human Factor Kurzanalysen’ können Spoiler enthalten.

 

DEUTSCHSTUNDE

B: Heide Schwochow nach dem Roman von Siegfried Lenz; R: Christian Schwochow

 

Erzählabsicht

 

Wer eigenverantwortliches Handeln der Pflichterfüllung opfert, läuft Gefahr, in der Unmenschlichkeit zu enden. Während der Nazizeit wird der Polizist JENS (Ulrich Noethen), sobald er den Befehl erhält, den ‚entarteten’ Künstler MAX (Tobias Moretti) am Malen zu hindern, aus Pflichtgefühl zu dessen erbittertem Feind. Jens’ Sohn SIGGI (Levi Eisenblätter) gerät dadurch in ein moralisches Dilemma, an dessen Ende eine paranoide Störung stehen wird: Auch nach dem Krieg noch stiehlt Siggi die Bilder seines väterlichen Freundes, um sie vor Zerstörung oder Beschlagnahmung zu schützen.  

 

Zugleich erzählt der Film von der heilenden Kraft des Schreibens: Indem sich Siggi die Zusammenhänge bewusstmacht, erhält die Wucht seiner Erfahrungen nachträglich Sinn. Im letzten Bild, wo Siggi seine Aufzeichnungen beendet hat, darf man ihn sich als zumindest partiell ‚geheilt’ vorstellen.

 

Zugehörigkeiten

 

Die Figuren sind intensiv vernetzt. Die Nähe der Protagonisten zueinander hilft der dramatischen Aufladung der Story: Siggis moralisches Dilemma spielt sich im engsten Kreis zwischen Vater und väterlichem Freund ab. Seine Loyalität gilt aber nicht nur seinen Eltern, sondern auch der Schwester HILKE (Maria Dragus), Max’ tragisch endender Frau DITTE (Johanna Wokalek) und der Desertion seines älteren Bruders CLAAS (Louis Hofmann). All das verstärkt den Eindruck innerer Zerrissenheit.

 

Zugleich erhalten aber alle Beziehungen Risse. Nicht nur Siggis Verhältnis zum monströsen Vater geht – erwartungsgemäß – in die Brüche; auch mit dem väterlichen Freund Max kann Siggi die Verbindung nicht halten. Warum genau das so ist, erschließt sich allerdings nur dem, der versteht, dass Siggis Verhalten am Ende aus einer psychischen Störung resultiert. Dies vermittelt sich auf den ersten Blick vermutlich kaum. Daher bleiben einige Motivationen für das spätere Verhalten von Max im Dunkeln.

 

Auf die Zugehörigkeit von Max zum Kunstbetrieb seiner Zeit – also auf seine Freunde und Feinde – geht die Erzählung (leider) nicht ein.

 

Wertekonflikt(e)

 

In der Abgrenzung von ‚Gut’ und ‚Böse’ geht der Film nicht zimperlich vor: Jens wird als fanatisch pflichtversessen und brutal geschildert. Er geht in seinem Fanatismus sogar so weit, dass er den Tod des älteren Sohns in Kauf nimmt. Max hingegen ist das Musterbeispiel des humanen Künstlers, der mit den Kindern seines ehemaligen Freundes auch im heftigsten Konflikt noch intensive Beziehungen pflegt und sich aufopferungsvoll für alle einsetzt – was insofern verstört, als wir heute längst wissen, wie sehr das ‚reale’ Vorbild für Max Ludwig, nämlich der Maler Emil Nolde, persönlich in die Nazi-Ideologie verstrickt war. Der Film setzt also auf ein polares Gut/Böse-Schema, in dem Differenzierungen eher untergehen. An dieser klaren Einteilung ändert sich bis zuletzt nichts, was der Spannung nicht unbedingt guttut.

 

Regelwerk

 

Die Auseinandersetzung mit Regeln spielt eine Hauptrolle. Sind Anordnungen einer abstrakten Obrigkeit tatsächlich unter allen Umständen einzuhalten? Selbst dann, wenn damit Kunstwerke verhindert und Menschen in Not gebracht werden? Diese Fragen sind allgegenwärtig.

 

Im Kern beschreibt „Deutschstunde“ den großen Umbruch von der Hitler-Diktatur hin zur Entnazifizierung der jungen Bundesrepublik. Hier wird mit vielen Auslassungen gearbeitet, die das Gesamtbild am Ende diffus erscheinen lassen: Wie kommt es, dass der verfemte Maler Max Ludwig nach 1945 auf einmal zur Berühmtheit wird? Wie kann es sein, dass Jens zwar jahrelang inhaftiert, aber danach sofort wieder zum Polizisten gemacht wird? Ist Siggi eigentlich im Gefängnis oder in der Psychiatrie? Das politische Regelwerk der Nachkriegszeit erschließt sich kaum.

 

Erzählordnung/Perspektivwechsel

 

Der Film beginnt in einer Haftanstalt und schildert die Selbst-Therapie eines verwirrten jungen Mannes, der sich durch Reflexion und literarische Verarbeitung ‚heilt’. Siggi zieht sich gewissermaßen selbst aus dem Sumpf einer unübersichtlichen Bilderflut, deren Zusammenhänge sich ihm erst langsam entwirren. Dies ergibt eine abschlossene Geschichte und erscheint schlüssig.

 

Mit den zwischengeschobenen Bildern aus der Haftanstalt gehen freilich auch größere erzählerische Sprünge einher, die dem Gesamtzusammenhang zu schaffen machen. Denn der zentrale Wendepunkt – nämlich der Augenblick, in dem Siggi psychotisch und zum Bilderdieb wird – geht unter. Irgendwann zwischen dem Brand der alten Mühle, wo die Bilder des Malers zerstört werden, und dem Zeitsprung nach dem Krieg muss der Moment liegen, wo Siggi innerlich die Kontrolle verliert. Aber was genau hat zu seinem inneren Zusammenbruch geführt? Indem dieser Wendepunkt ausgespart bleibt, wirkt der Film im Ende auch vage.

 

Gesamtbild

 

„Deutschstunde“ war einer der belletristischen Bestseller der deutschen Nachkriegsliteratur. Das Buch neu zu verfilmen leuchtet grundsätzlich ein. Obwohl ein großer Teil des Zielpublikums über 50 Jahren nach dem Erscheinen des Romans bereits verstorben sein dürfte, ist das Interesse eines bildungsbürgerlichen Publikums an dem Film in Deutschland vermutlich sehr groß. Eine jugendliche Fangemeinde hingegen wird sich kaum herausbilden: Übergroße Pflichterfüllung ist wohl kaum das Thema unserer Zeit.

 

Rein dramaturgisch kämpft der Film nun einerseits mit der moralischen Überdeutlichkeit der schematischen Gut/Böse-Zeichnung - und zugleich auch mit seiner Undeutlichkeit. Denn der Übergang vom seelisch überforderten Jungen zum ernsthaft ‚gestörten’ jungen Mann geht dramaturgisch unter, zumal auch die emotionalen Bindungen der Figuren untereinander leiden und zum Teil schwer verständlich wirken.

 

Einschränkend kommt dazu, dass der Film die reale Biografie Emil Noldes ausblendet und somit einen höchst ambivalenten, aktuellen Teil der Geschichte unterschlägt.

 

Man sollte am Markt also nur mit mittleren Erfolgen rechnen. Mitreißende Wirkungen auf ein jüngeres Publikum sind kaum zu erwarten, doch das Interesse gebildeter Kreise darf dennoch als gegeben angenommen werden.

 

München, 8.10.2019

 

Roland Zag

Quelle: Wild Bunch Filmverleih