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Filmbesprechung

DIE GÖTTLICHE ORDNUNG

 

Buch und Regie: Petra Volpe

 

Neben den großen Erfolgen von Filmen, die sich dramaturgisch längst nicht mehr an die gängigen Normen halten („Moonlight“, „The Revenant“, „Dunkirk“ usw.), hat das Erzählen im Stil der ‚Old School’ natürlich noch immer Bestand. „Die Göttliche Ordnung“ beruht auf einem Drehbuch, das ganz den herkömmlichen Mustern gehorcht – sie aber ungewöhnlich originell und sozial relevant bedient.

 

Solange man nur den ersten Akt betrachtet, bleiben aus der Perspektive des deutschen Zuschauers noch Fragen: was interessiert uns das Geschehen in einem kleinen Schweizer Ort des Jahres 1971? Dass sich die Welt seither dramatisch gewandelt hat, weiß jeder. Wozu also nochmals der Weg zurück? Doch „Die Göttliche Ordnung“ liefert bald schlüssige Argumente, sich auf diese Welt einzulassen.

 

NORA (Marie Leuenberger) führt mit HANS (Max Simonischek) eine unauffällige und daher für uns daher noch relativ reizlose Ehe. Zugleich kümmert sie sich um den Bauernhof mit ihrer Schwester THERESA (Rachel Braunschweig), dem Schwager WERNER (Nicholas Ofczarek), und vor allem, der renitenten Nichte HANNAH (Ella Rumpf). Erst angesichts offensichtlicher Ungerechtigkeiten stellt sich bei Nora  - wie auch dem Zuschauer – ein Perspektivwechsel ein:  ein paar harmlose ‚Verfehlungen’ genügen, dass Hannah ins Gefängnis kommt. Die Frauenfeindlichkeit ist mit Händen zu greifen. Noras Werte wandeln sich. Von der ‚unpolitischen’ Mitläuferin wird sie zur Frau, die erstmals aufbegehrt und die Gefolgschaft verweigert. Und wie immer folgt aus dem Wandel der Werte auch ein Wandel der Zugehörigkeit.

 

So speist sich die innere Spannung im Zuschauer im zweiten Akt aus zwei Quellen: zum einen wird die Unterdrückung – mal offen, mal verdeckt – immer manifester. Zum anderen muss sich Nora, um ihren neuen Platz zu finden, aus alten Strukturen lösen. Das tut weh. Der Bruch mit dem Ehemann, dem Schwiegervater, der Schwester, den eigenen Kindern geht zwangsläufig mit Entwürdigung, Entwertung und Schamgefühlen einher. Doch gerade diese sind es, die den Zuschauer packen und ans Geschehen fesseln.

 

Im weiteren Verlauf werden die Paradigmen der klassischen Drehbuchtheorie geradezu lehrbuchhaft durchbuchstabiert: auf jede Aufwärtsbewegung - Nora findet erst in VRONI (Sibylle Brunner), dann in der Gastronomin GRAZIELLA (Marta Zoffoli) Mitstreiterinnen – folgt eine negative Gegenbewegung in Form von Ausgrenzung und Demütigung.  Sehr geschickt werden die sozialen Prozesse immer offensiver thematisiert. Die Relevanz des Geschehens lädt sich zunehmend auf. Der wichtigste positive Zuwachs aber besteht zweifellos in der Solidarisierung von Noras Schwester Theresa, die mit ihren Schuldgefühlen hinsichtlich ihrer inhaftierten Tochter nicht mehr fertig wird und sich auf die Seite der Frauenbewegung schlägt.

 

Den Midpoint, also den Moment der größtmöglichen vorübergehenden Wunscherfüllung, bildet der Besuch einer Frauen-Demo in Zürich. Dort werden Frauen angehalten, sich mit ihrer Vagina auseinander zu setzen - ein unerhörter Vorgang, der auch heutige ZuschauerInnen noch in Verlegenheit bringen kann. Es sind diese Momente, die direkt ans Schamempfinden appellieren und dem Film beim Publikum eine große innerpsychische Einprägsamkeit verleihen. Gesteigert wird dieses Hoch-Gefühl noch durch den anschließenden Frauen-Streik samt Kommune-Feeling.

 

Laut Lehrbuch allerdings muss es von nun an abwärts gehen – und das tut es auch. Die Brutalität der Männer nimmt zu. Vronis Tod bildet den jähen Wendepunkt zum dritten Akt. Der Wertewandel kostet seinen Preis. Ohne Trauerprozess ist dies nicht zu bewältigen. Auch dies wird hier vorbildlich realisiert.

 

Der dritte Akt nun beschäftigt sich mit einem neuen Thema: der Schwäche der Männer. Ohne die Frauen bricht das System zusammen. Hinter der vorlauten maskulinen Fassade kommt eine Verletzlichkeit und Hilflosigkeit zum Vorschein, die dem Geschehen eine neue Dimension, einen größeren Kontext verleiht. Wir spüren: die Lösung wird nicht darin bestehen, dass Frauen gegen Männer aufbegehren, wie das im zweiten Akt den Anschein hatte. Die Lösung, die der Film uns anbietet, kann nur im Miteinander liegen. Dieses wird paradigmatisch zwischen Nora und Hans erreicht. Jetzt erst macht der finale – und aus heutiger Sicht natürlich nicht überraschende - Sieg der Frauen Sinn.

 

„Die Göttliche Ordnung“ kommt also als klassischer, wenn nicht sogar altmodischer Film daher. Doch was er erzählt, ist mehr als nur die schlichte Botschaft ‚Früher war alles schlechter’. Vielmehr erleben wir mit den Hauptfiguren jenen schmerzhaften Prozess, den jeder Wertewandel mit sich bringt. Wer aufbegehrt, hat einen steinigen Weg vor sich. Diese Einsicht ist zeitlos. Insofern bildet der Film insbesondere aus Sicht eines älteren Publikums, das sich womöglich noch an vergangene Zeiten erinnert, ein stringentes Erlebnis zwischen Verklärung der Vergangenheit und der Einsicht, dass der Kampf um Autonomie und gegen Unterdrückung immer weiter gehen muss. Und dass er immer wieder schmerzhaft ist.

 

In der Schweiz wurde der Film zum Sensationserfolg. Davon ist die hiesige Marktsituation natürlich sehr weit entfernt. Dennoch kann der Film mit vergleichbaren internationalen Formaten (wie z.B. „Suffragette“) zumindest auf Drehbuchebene durchaus mithalten. Insofern ist auch hierzulande eine solide Marktkarriere durchaus im Bereich des Möglichen.

 

Wien, 26.8. 2017

Roland Zag  

 

 

 

 

 

 

 

 

Julieta

Quelle: Alamode Film