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Filmbesprechung

DIE SCHÖNE UND DAS BIEST (The Beauty and the Biest)

 

Buch: Stephen Chbonsky, Evan Spiliotopoulos; Regie: Bill Condon

 

Der gleichnamige Film von Jean Cocteau aus dem Jahr 1946 ging zwar in die Kinogeschichte ein; einen wirklichen Millionenhit hätte man dem Stoff aber nicht ohne wesentliche Veränderungen zugetraut. Dazu war Cocteaus Version zu verspielt und zu sehr auf den einsamen Prinz zugeschnitten. Der Vergleich mit der jetzt vorliegenden aktuellen Version offenbart die relevanten Unterschiede – und zeigt die Mechanismen, die greifen müssen, um den Film zum Blockbuster zu machen.

 

Bei Cocteau war es noch mehr oder weniger ausschließlich um das ‚Biest’ gegangen, dessen abscheuliches Äußeres für weibliche Wesen unakzeptabel scheint. Die aktuelle Version fügt hier aber nun den entscheidenden ‚human factor’-Kniff hinzu, indem sie die soziale Relevanz des ganzen Geschehens dramatisch erweitert: nicht nur der Prinz wurde von einer bösen Hexe verwunschen, sondern auch all seine Gäste.

 

Dadurch ändert sich (fast) alles. Denn das Gefühl von beklemmender Einsamkeit und Leere, welches BELLE (Emma Watson) als Gefangene des PRINZEN (Dan Stevens) ursprünglich umgeben hatte, weicht nun der großen sozialen Bewegung. Anstelle von Isolation findet Belle auf dem Schloss ein warmherziges, komisches und abwechslungsreiches soziales Treiben bizarrer Gegenstände vor, die sich als verwunschene Menschen erweisen. Immerhin hat sie mit einem verwandelten Musikern, Zeremonienmeistern, Müttern und Kindern der besseren Gesellschaft jede Menge Ansprache, die ihr im eigenen Dorf fehlt und nun die Zeit auf dem Schloss versüßt.

 

Doch auch für ihre zentrale dramatische Entscheidung hat das Konsequenzen. Denn

sollte sie sich am Tiefpunkt des 2. Aktes tatsächlich GEGEN ein Leben mit dem Prinzen entscheiden – wonach es zwischenzeitlich durchaus aussieht – würde sie nicht nur das Biest, sondern auch die vielen, vielen verzauberten Schlossbesucher, die jetzt als Gegenstände verwandelt dahinsiechen, dem Untergang überlassen. Dieses Argument wiegt schwer. Belle KANN so sich angesichts ihrer soziale Verantwortung einfach nicht gegen den Prinz entscheiden.

 

Insofern liegt in der Entscheidung der Autoren, aus dem verlassenen Schloss einen Ort voller geheimer Lebewesen und witziger Nebendarsteller zu machen, eine wesentliche Grundlage  dafür, dass der Stoff nun massenkompatibel geworden ist. Die Qualität des Blockbusters verdankt sich der sozialen Aufladung.

 

Dadurch tritt auch der Wertekonflikt noch plastischer hervor. Belle fühlt sich als ‚Intellektuelle’ in ihrem Dorf von Beginn an fremd und fehl am Platz – und den Grund dafür liefert die Story (anders als bei Cocteau) auch gleich mit: die Backstory,  dass Belles Mutter bei der Pest in Paris gestorben ist, von der sie die unstillbare Liebe zu Büchern geerbt hat , wurde für die Neuverfilmung sehr wirkungsvoll dazu erfunden. Sie erzählt eine große ideelle Bindung und lässt so die Liebe zur Mutter noch stärker hervortreten.

 

Wenn die im eigenen Dorf intellektuell ausgehungerte Belle dann auf das Schloss des Prinzen gelangt, findet sie dort nicht nur einen Geistesmenschen samt riesiger Bibliothek vor, sondern ein ganzes soziales Netz, mit dem sie auf Augenhöhe kommunizieren kann.

 

Doch auch die fiesen Eigenschaften des Antagonisten GASTON (Luke Evans) wurden erheblich verstärkt. Immerhin geht er jetzt  fast soweit, Belles Vater MAURICE (Kevin Kline) zu ermorden. Die Anmaßung dieser Figur übertrifft so das Original bei Weitem. Und indem Belle sich aus Sorge um ihren Vater extra wieder zurück ins verhasste Dorf begibt, um ihn zu retten, intensiviert auch dies noch die Bindung.

 

Der Payoff des dritten Aktes profitiert ebenfalls gewaltig von der Entscheidung, das Schloss nicht etwa einer einzigen Figur zu überlassen, sondern die Rück-Verzauberung als großes Fest zu inszenieren.  

 

Insofern ist diese Disney-Neuverfilmung ein schönes Anschauungsbeispiel, wie die Elemente des ‚human factor’ helfen können, die Attraktivität einer vorhandenen Geschichte dramatisch zu erhöhen, ohne die Grundsubstanz zu zerstören. War Cocteaus Film ein historisch eigenwilliger, beachtlicher, aber auch befremdlicher Kunstfilm, wurde jetzt durch geschickte Drehbucharbeit (und unfassbar viel kunstvolle Computeranimation) durch die viel größere soziale Reichweite der Story ein Blockbuster ersten Ranges.

 

München, 31.3.2017

 

Roland Zag

 

Julieta

Quelle: Disney