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Filmbesprechung


 

 

DON’T BREATHE

 

Buch: Rodo Sayagues, Fede Alvarez; Regie: Fede Alvarez

 

Der Horrorfilm scheint in Wellenbewegungen am Markt immer mal wieder auf-, dann mitunter aber auch unterzutauchen. Gegenwärtig dürfte er wieder auf dem Vormarsch sein. „Don’t Breathe“ ist ein guter Beleg dafür. Grundsätzlich scheint die globale Verunsicherung, die die ganze Welt immer mehr erfasst, der Konjunktur des Genres sehr günstig. Der Horrorfilm bildet gewissermaßen ein Trainingsfeld für eine Mentalität, die den unberechenbaren Herausforderungen der Realität ein Maximum an Widerstandskraft abzutrotzen vermag.

 

Was „Don’t Breathe“ von vielen weniger markanten Vertretern des Genres unterscheidet, ist die konsequente Betonung der Bindungen und Loyalitäten, die letztlich alle Elemente der Handlung bestimmen. Hier liegt die Ursache für die besonders wirksame Dramaturgie, die jenseits der reinen Schockeffekte eine konsistente Geschichte erzählt.

 

Schon innerhalb des Trios, welches aus Detroit auszubrechen sucht, werden sehr klare Beziehungen geschaffen: ROCKY (Jane Levy) ist eigentlich mit MONEY (Daniel Zovatto) zusammen; aber die echte Liebe erfährt sie vom zurückhaltenden ALEX (Dylan Minnette). Es sind auch Rocky und Alex, bei denen das Drehbuch für ‚human factor‘ sorgt. Denn beide sind loyal zu ihren Familien: Während Alex für seinen Vater sorgt, träumt Rocky von genügend Geld, um mit ihrer kleinen Schwester nach Kalifornien abzuhauen. Insofern wird die Empathie des Zuschauers schon früh und eindeutig durch die Bindungsenergie auf deren Spur gelenkt.

 

Doch auch der BLINDE (Stephen Lang), das renitente Opfer der Einbruchsserie, steckt in Beziehungen. Zunächst macht ihn das körperliche Handicap, das er aus dem Irak-Krieg mit gebracht hat, zum Benachteiligten. Und zum anderen hat er sein Kind verloren. Im Verlauf der Handlung, die mit wirklich krassen Überraschungen aufzuwarten weiß, spielt eben genau dieses Trauma eine Hauptrolle. Denn die Person, die sich unerwarteter Weise neben dem Blinden noch im Haushalt befindet, hat eben gerade mit diesem Verlust der Tochter zu tun. Und später wird auch Rocky beinahe Opfer des übermächtigen Wunsches des Blinden, seine Tochter wieder zum Leben zu erwecken. Zuletzt darf natürlich auch der Furcht einflößende Hund nicht vergessen werden, der für Loyalität und Bindung steht.

 

Am Ende gelingt es dem Film - nach einer wahrlich furiosen Jagd der Zerstörung und gegenseitigen Verletzung – tatsächlich, mit dem Motiv des Marienkäfers ein Bild der Hoffnung zurück zu bringen, die zuvor weitestgehend gestorben schien. Auch das ist ein Element sehr bewusster Lenkung der emotionalen Energien im Publikum.

 

Zu den Elementen des ‚human factor‘, die in „Don’t Breathe“ verstärkt zum Einsatz kommen, aber in der Regel grundsätzlich für das Genre typisch sind, gehört auch das Commitment. Die handelnden Figuren sind gezwungen, in einer schier übermenschlichen Dauer-Anspannung das Äußerste aus sich heraus zu holen. Das Maß an Schrecken und physischer Verletzung, das Alex und Rocky auszuhalten gezwungen sind, übersteigt alles Vorstellbare. Insofern stehen sie metaphorisch für die Einsicht, dass in der Situation der Gefahr nur das übermenschliche Beharren auf der Möglichkeit der Rettung Erfolg verspricht. Und im Fall von Rocky wird diese Hoffnung ja dann auch eingelöst.

 

Insofern verspricht „Don’t Breathe“ den Freunden des Genres aufgrund einer stark zwischenmenschlich aufgeladenen Grundspannung eine hohe Erregungsdichte. Aus diesem Grund ist dem Film eine beachtliche Performance am deutschen Markt zuzutrauen, während dies vielen seiner (emotional weniger dicht gearbeiteten)  Vorgänger nicht gelungen war.

 

München, 13.9.2016

 

 

Roland Zag

 

 

 

 

Julieta

Quelle: Sony Pictures