aktuelle

Filmbesprechung

DUNKIRK

 

Buch und Regie: Christopher Nolan

 

Das Auffälligste an dem Film ist das Verhältnis zwischen Erzählzeit und Realzeit. Dass drei Geschichte parallel erzählt werden, ist keinesfalls ungewöhnlich – dass diese aber in drei völlig anderen Modi der Zeitraffung bzw. Zeitverzögerung ablaufen, verblüfft. In gut anderthalb Stunden wird zum einen etwas erzählt, das sich tatsächlich eine Woche lang hinzieht und daher extrem kondensiert wirkt; eine andere Ebene beschränkt sich nur auf die Ereignisse eines einzigen Tages, was der Einheit von Filmzeit und Realzeit schon viel näherkommt; und der dritte Strang dauert in Wahrheit nur eine Stunde. Diese Episode wird also in Wahrheit gedehnt.

 

Angesichts der unübersehbar vielen beteiligten Figuren, Explosionen, Unfälle, der vielen Schiffe, Flugzeuge, Transporter usw. ist es für den Zuschauer enorm hilfreich, hier eine trennscharfe Ebene der Orientierung zu haben. Oft ist es gar nicht so wichtig, die Gesichter wieder zu erkennen. Wesentlicher sind klar erkennbare Sprünge von Schauplatz zu Schauplatz. Sie helfen, nicht den Überblick zu verlieren.

 

Noch ungewöhnlicher als dieses Verfahren allerdings ist der Mut, die Kreuzungspunkte der auf einander bezogenen Storys a-chronologisch anzuordnen. Die daraus entstehenden Überlappungen und Überlagerungen erlauben uns, wichtig Szenen zwei- oder dreimal aus verschiedenen Blickwinkeln zu sehen. Dadurch erhält etwa der spannende Luftkampf um einen englischen Zerstörer besonderes Gewicht und prägt sich besonders ein.

 

Dieser kunstvolle und innovative Umgang mit Dehnung bzw. Raffung der Zeit scheint alle überkommenen Strukturen von Akt-Einteilung (Exposition, Konfrontation, Auflösung) über den Haufen zu werfen. Von Figurenentwicklung im Sinne der Heldenreise kann ohnehin längst keine Rede mehr sein. „Dunkirk“ lässt sich daher schwer in ein Schema pressen. Der Film scheint seinen eigenen Gesetzen zu gehorchen. Einerseits.

 

Und andererseits entsteht im Zuschauer dann doch ein überaus klar erkennbares Bild unterschiedlicher Phasen, die sich am besten ganz konventionell als Dreiteilung beschreiben lassen.

 

Angesichts der überwältigend deprimierenden Verhältnisse, die der Film zu Beginn schildert, der vielen Bombenhagel, der Situation der Einkesselung und der vielen Figuren brauchen wir zunächst eine Zeit der Orientierung: was ist hier los? Wer gehört zu wem? Bis das verstanden wurde, sind in etwa 20 Minuten vergangen. Sie entsprechen der konventionellen Exposition.

 

Dann allmählich schälen sich sehr eindeutige dramaturgische Fragen auf drei Ebenen heraus: wird es gelingen, die 300.000 Soldaten – darunter auch die eigentlich Hauptfigur TOMMY (Fionn Whitehead) aus dem Kessel zu befreien? Wird es dem kleinen Privatboot von MR. DAWSON (Mark Rylance) tatsächlich möglich sein, Soldaten zu retten? Und wird der Abfangjäger von FARRIER (Tom Hardy) trotz begrenzter Spritvorräte heil nach England zurückkehren?

 

Diese Phase mit ihrer heftigen Steigerung der Konflikte entspricht dem konventionellen zweiten Akt. Auch hier allerdings bleibt der Zuschauer noch im Unklaren darüber, was die a-chronologische Dreiteilung im Schilde führt. Über die eigentliche Erzählabsicht tappen wir weiterhin im Dunklen.

 

Der eigentliche Wendepunkt vom zweiten zum dritten Akt, der dann endlich enthüllt, worum es dem Film eigentlich geht, ist dann überaus klar zu erkennen. An dem Punkt, wo das Meer von Dünkirchen mit einer ganzen Armada von britischen Privatbooten übersät ist, entsteht – von der pathetischen Musik überdeutlich akzentuiert – ein Augenblick monumentalen Gefühls. Die Rettung ist da. Die Heimat hat sich aufgemacht, um zu Hilfe zu kommen.

 

Jetzt auf einmal macht alles Sinn: es geht um Hilfeleistung. Um menschliche Solidarität. Jetzt begreifen wir, dass es sehr wohl ein Thema gab, das alle Geschichten zusammengehalten hat. Ob Tommy einen wildfremden Franzosen, der sich unter die Engländer geschmuggelt hat, verteidigt; oder Mr. Dawson übers Meer fährt, um den Kameraden seines gefallenen Sohnes zu Hilfe zu kommen; oder Farrier seine Treibstoffvorräte opfert, um Schlimmstes zu verhindern und sich so absichtlich in deutsche Kriegsgefangenschaft zu begibt – alle drei Geschichten kulminieren in der Feier dessen, wozu Menschen in extremen Situationen an Hilfeleistung in der Lage sind. Wenn Farrier in der siegreichen Spitfire ohne Benzin majestätisch über den Strand segelt, ahnen nicht nur die Soldaten, sondern vor allem wir Zuschauer, dass all diese Menschen seiner Selbstaufopferung das Leben verdanken.

 

„Dunkirk“, der in der Konstruktion so kompliziert und verschachtelt zu sein scheint, erweist sich also gleichzeitig auch als eine klar emotional strukturierte Geschichte. Ausgehend von Hoffnungslosigkeit und Depression im ersten Akt entsteht eine Phase intensivsten Ringens und maximaler Kampfbereitschaft, bis schließlich die Kraft der Hilfeleistung zur Lösung führt. Dies entspricht den konventionellen Drehbuchregeln.

 

Zugleich darf aber ein Nebenthema nicht unerwähnt bleiben. Die innere Thematik, die den Film gleichzeitig durchpulst, und die uns vielleicht heute noch mehr angeht, handelt nämlich von Durchhalten und Überleben. Ist es für Soldaten statthaft, sich zurückzuziehen? Kann man das Entkommen aus dem Kessel von Dünkirchen als Sieg darstellen – oder ist es nicht doch eine schmachvolle Niederlage? Die Frage wird auf verschiedenen Ebenen gestellt. Mit Blick auf das weitere Kriegsgeschehen ist die Antwort von heute einfach: ja, auch der Rückzug kann eine Taktik sein, die am Ende zum Erfolg führt. Diese Botschaft lässt sich heute in der gegenwärtigen Welt auf verschiedenen Ebenen lesen – sie hilft aber dem Film, auf einer tieferen Ebene als Kommentar zur aktuellen politischen Lage verstanden zu werden.

 

„Dunkirk“ ist sicherlich ein Film, der dank seiner ungewöhnlichen Erzählweise in der Filmeschichte  seinen Platz sicher hat. Dass er aber auch am Markt gute Chancen besitzt, ist seinem ‚human factor’ zu verdanken. Zwar liefert er harte Kost. Einige Darstellungen von menschlichem Leid und Tod grenzen ans Erträgliche. Doch das Zusammenspiel aus kunstvoller erzählerischer Komplexität und einfacher emotionaler Wahrnehmung lässt dennoch weltweit einen beachtlichen Markterfolg erwarten.

 

München, 13.8.2017

Roland Zag

 

 

 

 

Julieta

Quelle: Concorde Filmverleih