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Filmbesprechung

EINE UNERHÖRTE FRAU

 

Buch: Christian Lex, Angelika Schwarzhuber; Regie: Hans Steinbichler

 

 

Der Film erzählt eine Heldenreise. HANNI (Rosalie Thomass) beginnt, über sich hinaus zu wachsen, als sie erkennt, dass die Krankheit ihres Kind von den Ärzten falsch und verharmlosend diagnostiziert wird. Auf dieser Reise muss sich schwere Zerwürfnisse mit ihrem Mann, ihrer Schwiegermutter und zwischenzeitlich sogar ihren Söhnen in Kauf nehmen. Getragen wird diese Ebene der Erzählung von einer nie in Frage gestellten inneren Verbindung zwischen Hanni und ihrem Kind. Hier erhält der Film zweifellos sehr berührende Momente. Denn Hannis Tochter  hat außer ihrer Mutter niemand, die ihr zuhört. Diese Achse wirkt stabil und emotional fesselnd.

 

Zugleich wird die Dramaturgie immer wieder mit Rückblenden durchkreuzt, die zeigen, dass sich Hanni schon einmal – als Kind – der selben Übermacht einer schweigenden, verharmlosenden Mehrheit gegenübergesehen hatte. Sie war – um den Titel zu zitieren – einst bereits ein unerhörtes Kind gewesen. Damals hatte sie erfahren, wie wichtig das  Vertrauen in die eigene Stimme sein kann. Für ihre Auseinandersetzung mit den gegenwärtigen Problemen schöpft sie aus dieser frühen Erfahrung sichtlich Kraft. Auch diese komplexe erzählerische Überhöhung macht Sinn.

 

Insofern macht das Drehbuch eine sehr klare, thematisch fokussierte Schere zwischen Verharmlosung einerseits  und Mut auf, sich unbequemen Wahrheiten zu stellen. So wurde Hanni über Jahre mit falschen Beruhigungen abgespeist. Als sie endlich selbst begann, das Heft in die Hand zu nehmen, war alles schon fast zu spät.  Diese Geschichte ist unzweifelhaft berührend und durch die starke Mutter-Tochter-Bindung auch voller ‚human factor‘ sehr wirksam. Stark auch die angedeutete Versöhnung mit ihrer eigenen Mutter.

 

Dennoch macht es sich die Dramaturgie in vieler Hinsicht auch ein bisschen einfach. Denn der Film zerfällt in zwei Hälften: lange Zeit bleibt Hanni recht passiv. In dieser Phase werden viele Nebenschauplätze bespielt, die mit den Eheproblemen, der Bevormundung durch die Schwiegermutter und den anderen Kindern zu tun haben, aber nicht unbedingt dem Hauptthema ‚Kampf gegen Verharmlosung‘ dienen. Erst als Hanni ihrem Kind verspricht „Ich werde für dich Kämpfen, so lange ich lebe“, wird die Hauptfigur wirklich aktiv.

 

Und zwischen beiden Welten – dem abwartenden Zögern einerseits und dem aktiven Kämpfen andererseits – besteht eine Kluft, die das Drehbuch kaum benennt und bespielt. Es wirkt, als hätte man bei Nanni ab einem bestimmten Punkt den Schalter umgelegt. Dass sie eben auch Fehler gemacht, sich mit Beruhigungen und Verharmlosungen abspeisen lassen hat, blendet der Film aus. Dabei wäre gerade dort die Möglichkeit gelegen, eine wirkliche Charakterentwicklung anzusetzen: Hannis Reise von der Frau, die sich leicht einschüchtern lässt, bis hin zur selbstbewussten Kämpferin – das wäre eine schöne Entwicklung gewesen. Sie wird aber wenig spürbar. Stattdessen gibt es jetzt eine übergangslose Umkehr von Hanni, der Zögernden, zu Hanni, der Kämpferin.  

 

Hier lässt das Drehbuch Entscheidendes aus: denn die Rettung ihres Kindes verdankt Hanni nicht nur ihrer Entschlossenheit und ihrem Mut. Sondern auch einer riesigen Portion Glück. Was wäre, wenn sie in New York nicht zufällig einem Arzt begegnet wäre, der des Deutschen mächtig war? Was, wenn er sich geweigert hätte, nach Deutschland zu kommen? Und was, wenn die höchst riskante Operation eben doch schief gegangen wäre?

 

Das Glück aber – man könnte es auch ‚Schicksal‘ oder ‚Gottes Fügung‘ nennen – wird vom Drehbuch nicht thematisiert: warum war der Arzt bereit, diese Reise anzutreten? Warum operierte er, obwohl es eigentlich keine Hoffnung gab? Und was wäre gewesen, wenn alles schlimm ausgegangen wäre? Hätte Hanni mit ihren Selbstvorwürfen weiter leben können? Wieviel DEMUT ist in solchen Momenten nötig? Davon erzählt das Drehbuch nicht viel.

 

Die etwas einseitige Konzentration auf die „Heldenreise“ des Films versucht, jeden Schatten des Selbstzweifels von Hanni fernzuhalten. Aber die Heroisierung hilft der Figur nur bedingt. Denn die Verzweiflung, die Phasen der Depression, aber auch der Selbstvorwürfe der Figur (immerhin hat sie sich viele Jahre täuschen lassen!) spart die Dramaturgie aus – und nimmt damit viel der möglichen inneren Spannung.

 

Die eigentliche unbarmherzige Kraft, der wir in solchen Momenten ausgeliefert sind, und die mitunter so ungerechte Krankheiten wie die von Hannis Tochter hervorbringt, ist eben das Schicksal selbst. Damit müssen wir uns auseinandersetzen. Die großen ‚Schicksalsfilme’ wie „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ oder „Ein ganzes halbes Jahr“ oder auch „Der geilste Tag“ thematisieren die Ohnmacht des Menschen vor dem Unbegreiflichen. „Eine unerhörte Frau“ aber lässt das Schicksal gar nicht zu Wort kommen.

 

Insofern erzählt der Film zwar die Geschichte einer heldenhaften Frau. Trotzdem bleibt der innere und äußere Konflikt nur zum Teil bespielt (während die Reibereien innerhalb von Hannis Familie nicht wirklich zur Entwicklung beitragen). 

 

So kann „Eine unerhörte Frau“ mit den großen Konkurrenten nur bedingt konkurrieren. Diese Schwäche wird sich am Markt womöglich niederschlagen. Und insofern hat der Film wenig Hoffnung auf eine wirklich durchschlagende Resonanz. Nach wie vor bleibt diese (im Kino wohlgemerkt!) nur jenen Beispielen vorbehalten, die ihr Konfliktpotenzial wirklich so gründlich wie möglich durcharbeiten.

 

München, 13.10.2016

 

Roland Zag

 

 

 

Julieta

Quelle: Wild Bunch