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Filmbesprechung

EINSAMKEIT UND SEX UND MITLEID

 

Buch und Regie: Helmut Krausser, Lars Montag; Regie: Lars Montag

 

 

Der Ensemblefilm wird vielerorts als Königsdisziplin der Dramaturgie gehandelt: gilt es doch, die Aufmerksamkeit der Zuschauer in diesem Fall auf zwölf annähernd gleich wichtige Figuren zu verteilen. Um hier keine Monotonie aufkommen zu lassen, wurden im Falle dieses Films bizarre, unverwechselbare Lebenswelten gewählt: vom alternden Messie über die hyper-sterile Singlefrau, vom christlich verklemmten  Fundamentalisten bis zu einem Pärchen von Prostituierten über einen fremdenfeindlichen Polizisten, die vereinsamte Künstlerin, den frustrierten Supermarktleiter bis hin zu einem geilen Teenager-Pärchen lassen sich die Sphären sehr gut auseinanderhalten.

 

Hinzu kommt bei „Einsamkeit und Sex und Mitleid“ die von Beginn an klar anti-empathische Haltung gegenüber den Figuren: es geht nicht darum, die Reifung und Wandlung von Menschen greifbar zu machen, sondern deren Mittelmäßigkeit, Schwächen und mitunter auch Widerwärtigkeit schonungslos offenzulegen. Darin ist der Film eindeutig und konsequent. Dies ist ein legitimes Vorgehen, welches in Filmen wie „Finsterworld“ zwar keine gewaltigen, aber doch sehr erkennbaren Publikumsschichten anzusprechen vermochte. Im Mittelpunkt steht nicht die Wandlung der Figuren und nicht die allmähliche Erkundung ihres Innenlebens; eher spielt der Film mit versteckten Schamgefühlen und Tabus der Zuschauer, die hier mehr oder weniger lustvoll decouvriert werden.

 

Die Herausforderung besteht nun einerseits darin, eine thematische Gemeinsamkeit aller Geschichten herzustellen. Diese wird hier eindeutig erreicht: praktisch alle Stories kreisen um die im Titel genannten Gefühle von Verlorenheit, Frustration und Selbstbetrug, die in mehr oder weniger bizarren Sex-Szenen kulminieren, ohne am (Selbst)-Mitleid der Figuren etwas ändern zu können. Ausnahmslos alle Beteiligten lechzen nach einer Anerkennung und Wertschätzung, die sie nicht bekommen.

 

Andererseits wäre diese Beschränkung wieder zu einfach. Das Herstellen des Vergeblichen allein wird für einen abendfüllenden Film nicht ausreichen – denn das latent Lächerliche im menschlichen Sexualverhalten haben wir Zuschauer schnell durchschaut. Vielmehr wird es – wie das Beispiel „Finsterworld“ zeigt – auch darum gehen, zwischen den Geschichten Steigerungen, dramatische Verwicklungen und somit unerwartete Wendungen zu kreiieren.

 

Hier hat „Einsamkeit und Sex und Mitleid“ eindeutig Probleme. Denn in der detaillierten Betrachtung aller Einzelepisoden ergeben  sich doch sehr große Differenzen. Ins Auge fällt die latent homoerotische Verbindung zwischen dem alternden Ex-Lehrer EKKI (Bernhard Schütz) und dem frustrierten Familienvater ROBERT (Rainer Bock). Hier geht der dramatische Radius des Erzählten weit über das Niveau der anderen Geschichten hinaus – denn beide Lebenskreise berühren sich innerlich. Das ist zwar den Figuren nicht klar, aber erzeugt dafür bei uns Zuschauern Interesse. Daher entwickelt diese Episode eine deutlich größere Innenspannung als der Rest: die in der Luft liegende Homosexualität lässt den Blick auf verborgene Innenwelten zu. Entsprechend führt der Erzählstrang zu einer wirklich überraschenden Kulmination.

 

Auch die Geschichte des fremdenfeindlichen Polizisten THOMAS (Jan-Hendrick Stahlberg), der gegenüber seiner Freundin CARLA (Friederike Kempter) vollständige Angstlosigkeit vortäuscht, dann aber angesichts eines vorgetäuschten Terror-Anschlags in Panik gerät, deutet auf die dramaturgische Schere zwischen ‚Want’ und ‚Need’. Und der zarte Kuss zweier Teenager, die zuvor eher abgefuckte SMS-Nachrichten ausgetauscht hatten, könnte tiefere seelische Ebenen wenigstens erahnen lassen.

 

Ganz anders aber verhält es sich bei der Mehrzahl der übrigen Geschichten: weder der Erzählstrang der sexverliebten JULIA (Eva Löbau) noch der Künstlerin JANINE (Katja Bürkle) noch der meisten übrigen Figuren führt am Ende zu einer wirklichen Steigerung. Die meisten Episoden haben ihr skurriles Pulver nach einiger Zeit verschossen. Dass am Ende nur noch der Sprung ins Musical bleibt, um die Story über die Zeit zu retten, ist ein klares Indiz dafür, dass die eigentlich dramaturgische Vernetzung und Verdichtung des Films nur teilweise geglückt ist. Viele Motive laufen ins Leere und bleiben am Ende ohne klar erkennbare Konsequenzen.

 

Denn das, was unverrückbar feststeht, sind bestimmte Erwartungen des Publikums an die Erlebnisdichte des Films. Wenn die Spannung gegen Ende nachlässt, anstatt zuzunehmen, und wenn Höhepunkte von Tiefpunkten nicht klar zu unterscheiden sind, dürften die Probleme vorprogrammiert sein – egal wie unterhaltsam und kunstvoll der Rest des Films gestaltet sein mag. Daher lohnt es sich, auch im Fall eines Flickenteppichs wie hier immer das GANZE der filmischen Erzählidee im Auge zu behalten.

 

Insofern hat „Einsamkeit und Sex und Mitleid“ zwar den Vorteil, an einen wirklich wunden Punkt der kollektiven Befindlichkeit zu rühren: vermutlich klafft bei vielen Menschen eine gewaltige Lücke zwischen sexuellen Fantasien und tatsächlicher Befriedigung. Doch mit dieser punktuellen Beobachtung ist noch kein abendfüllender Film erzählt. An diesem Punkt ist der Film dann gegenüber einer Arbeit wie „Finsterworld“ doch klar im Nachteil. Und entsprechend dürfte sich die Nachhaltigkeit von „Einsamkeit und Sex und Mitleid“ am Markt in Grenzen halten.

 

 

München, 16.5.2017

 

Roland Zag

 

 

 

Julieta

Quelle: X-Filme