aktuelle

Filmbesprechung


‚Human Factor Kurzanalysen’ untersuchen die dramaturgischen Prinzipien aktueller Kinofilme in Bezug auf die „Dramaturgie der Systeme“, wie sie in „Dimensionen filmischen Erzählens“ von Roland Zag (Herder 2018) beschrieben wird. Die Besprechungen nehmen aktuell speziell auf die Marktsituation während der Corona-Zeit Bezug. 

 

WARNUNG: ‚Human Factor Kurzanalysen’ können Spoiler enthalten. 

 

 

ENFANT TERRIBLE

D Klaus Richter; R Oskar Roehler 

 

Erzählabsicht 

 

Kunst – insbesondere die Filmkunst – erfordert von allen Beteiligten rücksichtsloseste Unterwerfung. Menschen wie RAINER (Oliver Massucci), die manisch von ihrem Ausdruckswillen getrieben sind, müssen über Leichen gehen, um große Kunst zu machen. So jedenfalls stellt „Enfant terrible“ das dar.

 

Wenn Rainer also radikale Unterordnung verlangt, so tut er das nicht in erster Linie zur Glorifizierung seines Egos, sondern zur Erschaffung eines filmischen Werks von historischem Rang. Er fordert von seiner Umwelt lediglich das, was er auch selbst investiert. Dass dabei mindestens zwei Menschen in den Suizid getrieben und einige andere vermutlich schwer geschädigt werden, und auch er selbst viel zu früh stirbt, spielt (für ihn) keine Rolle: Das alles ist der Preis, den es für den gemeinsam errungenen Ruhm und künstlerischen Rang zu zahlen gilt. 

 

Zugehörigkeiten

 

Rainer erschafft schnell eine feste Entourage von Menschen, die ihm hörig sind. Dazwischen stechen einzelne Liebesgeschichten hervor, etwa zu SALEM (Erdal Yildiz) oder ARMIN (Jochen Schropp). Sie scheitern alle daran, dass die Geliebten glauben, es ginge um das gemeinsame Leben. Aber tatsächlich geht es um die Kunst. Ihr ist Rainer hörig. Ihr opfert er sein Leben. Dass andere dabei untergehen, nimmt er ungerührt hin. Trotz aller Tragik wirkt das Gemeinschaftsgefühl, das hier zum Ausdruck kommt, stark nach.

 

Insofern sind fast alle Beziehungen dieses Films von einer grotesken Einseitigkeit. Einzig BRITTA (Katja Riemann) scheint das Gefälle zu durchschauen. Sie versteht ihn, und insofern ist sie die einzige Figur, die mit ihm auf Augenhöhe zu kommunizieren vermag. 

 

Wertekonflikt(e)

 

Mit den obigen Beobachtungen ist der zentrale Wertekonflikt des Films schon definiert: Während die Menschen in Rainers Umgebung von persönlichen Interessen und Gefühlen geleitet sind, richtet sich sein eigenes Verhalten ausschließlich an dem aus, was seinen Filmen hilft. Die Menschen sind ihm und seiner überlegenen Kraft ausgeliefert. 

 

Zugleich entsteht ein zweiter Wertekonflikt zwischen dem ‚normalen’, mehr oder weniger bürgerlichen Verhalten, in dem Menschen mit ihrer Meinung lange Zeit hinter dem Berg halten und taktieren. Dem widerspricht Rainers brutale Offenheit. Er kennt keine Verstellung und  folgt bedingungslos seinen Impulsen. Das zieht bei der Umwelt große Verletzungen nach sich. Aber andererseits kann man sich auf seine Ehrlichkeit auch wieder verlassen. 

 

Bisweilen scheint es Momente zu geben, in denen Rainer dieser Widerspruch wenigstens zu ahnen scheint. Das sind die wenigen intimen und verletzlichen Momente, in denen ihm die Tränen kommen und er spüren scheint, was er den Menschen antut. Rainer ist also durchaus zu Gefühlen fähig. Aber die Kraft, die ihn künstlerisch vorwärts treibt, ist stärker. 

 

Systeme + Regelwerke

 

Auf die Frage, wie Fassbinder seine vielen Filme in so kurzer Zeit zu finanzieren und zu vertreiben, wie er an Geld zu kommen und einen riesigen Apparat zu organisieren vermochte, geht der Film nicht ein. Letztlich bleibt der irrige Eindruck, dass hier bis zuletzt improvisierte Amateurfilme gedreht wurden. Dass aus Fassbinder, dem No-Budget-Filmemacher innerhalb kurzer Zeit ein Mann wurde, der mit riesigen Budgets verantwortungsvoll umzugehen vermochte, spielt in dieser filmischen Bearbeitung keine Rolle. Leider. 

 

Erzählordnung/Perspektivwechsel

 

Der Film folgt keinem klaren erzählerischen Schema. Klassische Wendepunkte, Steigerungen und Akte sucht man hier vergebens. Gleichwohl entsteht eine allmähliche Steigerung in vieler Hinsicht: Die Menschen in Rainers Umgebung werden immer mehr; die Liebesgeschichten immer manischer; der Erfolg seiner Filme immer größer; die Drogenabhängigkeit immer fataler. Dadurch entsteht das Gefühl einer ausgelieferten Getriebenheit. Niemand, am wenigsten Fassbinder selbst, scheint das lawinenartige Geschehen in der Hand zu haben und zu steuern. Alle sind Opfer. 

 

Insofern ist „Enfant Terrible“ tatsächlich ein lupenreines Melodram. Denn anders als die Heldenreise, die von der Möglichkeit zur Selbstermächtigung des Menschen erzählt, beharrt das Melodrama darauf, dass wir unseren Trieben und Leidenschaften, den Gefühlen und Liebschaften willenlos ausgeliefert sind. Es ist das Schicksal, das mit uns macht, was es will. Mitunter gibt es auch Genies. Aber auch diese kommen unter die Räder. 

 

Gesamtbild

 

„Enfant Terrible“ geht mit der Hauptfigur ähnlich radikal ins Gericht wie diese mit ihrer Umgebung. Wer Fassbinders Filme und seine Zeit gekannt wird, wird in dem Film sehr viel von dem Lebensgefühl wiederfinden, welches in den Siebzigerjahren des letzten Jahrhunderts tatsächlich vorherrschend war. Zugleich wirkt der Film dadurch seltsam aus der Zeit gefallen. In einer Zeit, die sorgfältig auf die Rechte von Minderheiten und den Verzicht auf Machtmissbrauch achtet, wirkt diese Schilderung  von rücksichtsloser Ausbeutung Untergebener wie ein Hohn. Dazu passt der asketisch theaterhafte Stil des Films, welcher sich einer reinen Studioästhetik verschrieben hat und so andeutet, nicht ganz von dieser Welt zu sein. 

 

Letztlich stellt „Enfant terrible“ gerade heute die Frage nach der Relevanz von (Film)-Kunst. Ist es wirklich gerechtfertigt, sich und andere in den Untergang zu ziehen, nur um ein cineastisches Werk zu kreieren und am ‚Walk of Fame’ der Filmgeschichte einen Fußabdruck zu hinterlassen? Die Frage wird vielleicht nur eine eingeschränkte Zahl von Menschen beschäftigen. Insbesondere ein jüngeres Publikum könnte befremdet sein. Andererseits ist Fassbinder eine deutsche Ikone, die bei vielen Menschen ein Gefühl von ‚Must See’ auslösen könnte.

 

Insofern wird „Enfant terrible“ bei einem Teil des Arthouse-Publikums auf Interesse und auch Gegenliebe stoßen können. Indem aber gerade dieses etwas ältere Publikumssegment gegenwärtig ganz besonders vorsichtig und kinoscheu agiert, mag es sein, dass „Enfant Terrible“ zur dringend nötigen Erholung des Kinomarktes trotz aller Qualitäten nicht viel beiträgt. 

 

München, Andechs 6.10.2020

 

Roland Zag

 

 

 

Quelle: X-Filmverleih