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Filmbesprechung

ES (IT)

 

Buch: Chase Palmer, Cary Fukunama (nach dem Roman von Stephen King)

Regie: Andy Muschietti

 

 

Dass der Horrorfilm mit untergründigen, verborgenen kollektiven Ängste operiert, ist eine Binsenweisheit. Ein Film wie ES muss schon präzise benennen, um welche Ängste es sich in diesem Fall konkret handelt – zumal der Horror nicht besonders fokussiert, sondern eher breitgestreut und effekthascherisch einher geht.  Je klarer und einheitlicher sich die Geschichte auf eine untergründige kollektive Angstfantasie stützt, die sich dem Publikum unterschwellig vermittelt, desto stärker.

 

Hier ist „Es“ sehr konsequent. Der Horror besteht in der Abwesenheit oder Orientierungslosigkeit der Erwachsenen. SIE sind die eigentlichen Monster: BEVERLY (Sophia Lillis) wird von ihrem Vater sexuell begehrt, der dickliche BEN (Jeremy Ray Taylor) von der Bibliothekarin tyrannisiert; RICHIE (Finn Wolfhard) befindet sich in den paranoiden Händen seiner Mutter und STAN (Wyatt Oleff), der Sohn des Rabbis, wird unter brachialen Leistungsdruck gesetzt. Der schwarze Farmerssohn wird von den Eltern gezwungen, Tiere zu schlachten. Sogar der Vater des fiesen Sadisten HENRY (Nicholas Hamilton) erweist sich als brutaler Sadist. Und die Missetaten von Henrys Gang werden von keiner höheren Institution unterbunden.  

Es gibt also im ganzen Film keine einzige intakte Eltern-Kind-Beziehung (wobei die Mutter von Bill, die zu Beginn noch wenigstens als Klavierspielerin aufgetaucht war, irgendwann verschwindet). Kein Wunder, dass daraus ein diffuser Schrecken entsteht, der dem Zuschauer jedes Gefühl von sicherer Bindung entzieht:  Der Terror des Monsters PENNYWISE (Bill Skarsgard) ist nur eine Verdichtung und Überhöhung des Gefühls, von den Erwachsenen verraten worden zu sein. Diese Quintessenz dürfte es einem jungen Publikum leicht machen, sich zu identifizieren.

 

Als Gegenkraft fungiert die Gemeinschaft. Es sind nicht weniger als sieben trennscharf erzählte Jugendliche, die versuchen, sich dem Grauen entgegen zu stellen, indem sie zusammenhalten. Ihre unverbrüchliche Loyalität reicht bis zum Schluss. Hinzu kommt noch die Bindung von BILL (Jaeden Liberherr) an seinen verstorbenen Bruder GEORGIE und die aufkeimende Liebe zu Beverly. Insofern herrscht durch den ‚human factor’ eine positive Innenspannung unter den Jugendlichen. Sie ist stark genug, um sich gegen den Terror des Clowns zu stemmen. 

 

Trotz der ungewöhnlich vielen Backstories und Einzelschicksale ist der Film sehr geordnet aufgebaut. Nach einem frühen Schock (Georgie verschwindet) passiert erst einmal eine lange Zeit nicht viel. Die sorgfältige Exposition der sieben Charaktere nimmt viel Zeit in Anspruch, während der sich der schreckliche Clown noch stark zurückhält.

 

Der Terror des zweiten Akts wird erst offenbar, als Ben, offenbar der Klügste von allen, allmählich versteht, welches Muster hinter den Attacken zu erkennen ist (ganz aufgelöst wird dieser Strang nicht - vermutlich muss man auf die Fortsetzung warten, um zu verstehen, was in dieser Stadt Derry denn eigentlich geschehen sein mag). Der zweite Akt ist dadurch gekennzeichnet, dass alle Jugendlichen den Heimsuchungen allein widerstehen müssen. Die Gefahr, der die Gemeinschaft ausgesetzt ist, besteht in Vereinzelung und wachsender Illoyalität. Immer wieder droht die Freundschaft zu zerbrechen.

 

Die Wendung zum dritten Akt geht mit der Einsicht einher, dass einzig der Zusammenhalt aller die Chance bietet, sich gegen Pennywise aufzulehnen. In letzter Konsequenz geht es darum, dem Schrecken gemeinsam ohne Angst zu begegnen. Als dies den Kindern gelingt, ist auch der fiese Clown am Ende machtlos. Der dritte Akt hat also eine wirklich neue Dimension zu bieten, was dem Eindruck der Geschlossenheit hilft. 

 

Insofern ist „Es“ zwar einerseits ein Horrorfilm mit sehr vielen und starken Schock-Effekten. Aber es ist auch ein Film mit ungewöhnlich viel zwischenmenschlicher Nähe und feinfühliger Beziehungsarbeit. Die Liebe zweier Brüder wird genauso ernst genommen wie Beverlys Hilfeleistungen zugunsten von Ben oder dessen zartes Gedicht für die angebetete Geliebte.

 

So hinterlässt „Es“ trotz einer unübersehbaren Fülle von Horror-und Schockelementen keineswegs den Eindruck von beliebiger Überfülle. Im Gegenteil teilt sich der Eindruck einer sehr überlegten und geordneten Auseinandersetzung zwischen den Binnenkräften der Gemeinschaft einerseits und dem Grauen der nicht vorhandenen Erwachsenen mit. Insofern ist der Film sicherlich gut geeignet, ein großes und vor allem ein junges Publikum intensiv mit Ängsten zu konfrontieren UND zugleich mit Strategien zu versorgen, wie man ihnen begegnen kann.

 

 

München, 5.10.2017

 

Roland Zag

 

 

 

 

 

Julieta

Quelle: Warner Brothers