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Filmbesprechung

FACK JU GÖHTE 3

 

Buch und Regie: Bora Dagtekin

 

Die sensationell wirkungsvolle Energie des ersten „Fack ju Göhte“-Films verdankte sich dem dramaturgischen Bohren in einer kollektiven Wunde. Der erste Film postulierte 2013 eine zwar komödiantische, aber dennoch radikale Absage an den Geist der Political Correctness. Die implizite Botschaft lautete: mit weichgespült wohlmeinender Erziehungsratgeber fährt man pädagogisch gegen die Wand. Es fehlt das, was in unserer Gesellschaft eigentlich ein rotes Tuch ist: die harte Hand.

 

Dass an dieser provokanten These etwas Wahres daran ist, weiß heimlich jeder: Lehrer, Schüler und Eltern ahnen, dass Erziehung allein mit nachgiebigem Humanismus sehr mühsam werden kann. ZEKI (Elyas M’Barek) ging dagegen mit rabiaten Methoden bis hin zum Paintball-Sturmgewehr vor – und hatte damit die emotionale Zustimmung ALLER. Denn die Sehnsucht nach der Rückkehr zur harten Hand kann in unserer konsensorientierten Gesellschaft niemand leugnen – auch wenn man sie sich im konkreten Leben vielleicht nicht wünscht. So bestand ein wesentlicher Teil der Wirkung in dieser lustvollen Erfüllung von Wünschen, die gesellschaftlich Tabu sind. Kino darf das.

 

Wenn jetzt ein dritter Teil in die Kinos kommt, liegt der Einwand nahe, darin nur das zynische Melken eines Erfolgsmodells zu sehen. Doch nach dem vorurteilslosen Betrachten von „Fack Ju Göhte 3“ (auch „Final Fack“ genannt) wird man diesen Vorwurf kaum aufrecht erhalten können. Weit eher träfe der Verdacht der seelenlosen Ausweidung eines Erfolgsrezeptes im Falle von „Bullyparade – Der Film“ zu.

 

Es ist einerseits klar, dass ein dritter Teil eines Erfolgsfilms zu einer eher episodischen Struktur tendieren muss. Der einheitliche Schwung des ersten Teils lässt sich nicht wiederholen, weil die Hauptfigur Zeki Müller praktisch auserzählt ist – schließlich ist er ja schon Lehrer. Den Charakter der Resteverwertung wird man daher nicht ganz von der Hand weisen können: vieles klingt nach ‚Gags, die wir irgendwie noch unterbringen wollten’. Einwände dieser Art sind einerseits nachvollziehbar, andererseits strukturell bedingt.

 

Dennoch ist „Fack ju Göhte 3“ ein Film, der etwas transportiert und genau wie der erste Teil mit seinem Publikum kommuniziert. Und damit wird die Erzähltechnik sehr modern: denn die Abkehr von der Hauptfigur stellt ein kollektives, systemisches Erzählen in den Vordergrund. Statt der individuellen Entwicklung einer Figur steht hier eine bestimmte These im Raum, ein Thema, eine Frage. Und indem eben diese ebenso sozial relevant wie auch konsequent in allen Elementen durchgeführt erscheint, vermittelt auch „Fack Ju Göhte 3“ eine bestimmte Botschaft, einen Spirit, ein Gefühl – trotz aller möglichen Schwächen.

 

Die Frage lautet: macht die Gesellschaft ihren Schülern wirklich Türen AUF – oder sind nicht die heutigen Strukturen eher dazu da, ihre Zukunft zu verhindern!? Dieses Thema zieht sich tatsächlich auf vielen Ebenen durch den Film – und spricht damit ganz unmittelbar zum Zielpublikum, das sich ja selbst täglich mit dieser Frage konfrontiert sieht. Ist die nicht doch ein getarntes Nadelöhr und Medium der Verhinderung und Selektion? Was passiert mit denen, die es nicht geschafft haben?!

 

Schon als Zeki sehr früh mittels eines platten Tricks eine Klasse von Grundschülern dazu bringt, gefälschte Texte zum Thema ‚Was ich einmal werden will’ zu verfassen, wird das Thema deutlich gesetzt. Zeki will aus Chantal, Danger und Konsorten Menschen machen, die sich nicht mehr als Opfer fühlen, sondern Täter in eigener Sache werden. Menschen mit Eigenverantwortung

 

Dieses Motiv kommt später immer wieder gleichlautend zum Vorschein: wenn Zeki zu Chantals sozial prekären Mutter kommt, geht es um genau das; wenn er vor der gesamten Schule eine eindringliche und berührende Rede über seine eigene Entwicklung hält, taucht es wieder auf;  wenn er Chantal anfeuert und nicht zuletzt auch die Schüler selbst durch unterschiedlichste Aktionen selbst in ein Stadium von Wut, Mut der Verzweiflung und Kamikaze versetzt, geht es doch immer nur darum, eine Kraft zu entwickeln, die hilft, scheinbar sich schließende Türen doch noch aufzubrechen.

 

Selbst der arg angeklebt wirkende Erzählstrang, in dem Chantal es schaffen muss, zwei todessüchtige Mädchen vom romantischen kollektiven Selbstmord abzuhalten, dreht sich um nichts Anderes: haben junge Menschen von heute eine Chance, eine Zukunft, eine Perspektive?! Und wenn ja – wie soll das gehen?

 

Hier gibt der dritte Akt eine klare Antwort. Die Schüler treten hier – nach dem obligatorischen Tiefpunkt, der darin besteht, dass sie sich von Zeki getäuscht und hintergangen fühlen – aus dem Schatten ihres Lehrers heraus. Sie werden eigenständig und beginnen etwas, was sie noch nie getan haben: sie LERNEN.

 

All das klingt auf dem Papier sehr pädagogisch, und in manchen Teilen ist die Umsetzung von „Fack ju Göhte 3“ auch tatsächlich erstaunlich unironisch. Neben vielen mehr oder weniger gelungenen Gags wird die mahnende Stimme der Reife oft sehr deutlich hörbar. Aber diese Stimme transportiert auch tatsächlich Botschaften, die fürs Zielpublikums relevant sind. Entsprechend hat der Film sehr gute Chancen, zwar anders als die Vorgänger, aber am Markt nicht weniger wirkungsvoll zu punkten.

 

Wenn man also nun die Marktchancen mit „Bullyparade – Der Film“ vergleicht, stößt man genau auf den springenden Punkt: dem Nachfolger von „Der Schuh des Manitu“ oder „(T)raumschiff Surprise“ ist es aufgrund einer mechanisch seelenlosen Dramaturgie nicht gelungen, in ähnliche Dimensionen der Publikumsresonanz vorzustoßen. Der Film hatte zwar gute Zahlen, aber kam nicht entfernt an die Vorgänger heran.

 

Im Falle von „Fack ju Göhte 3“ aber stehen die Chancen gut, dass der abschließende Film der Trilogie die Vorgänger an Wirkungsmacht noch überholt. Denn er hat – neben und unter dem Wust der obligatorischen Witze, Effekte und Nebengeschichten - etwas zu sagen. Das Zielpublikum wird dies hören. Und entsprechend tun, was es  sonst viel zu selten tut: ins Kino gehen.

 

München, 17.11.2017

 

Roland Zag

Julieta

Quelle:  Constantin Filmverleih