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Filmbesprechung

‚Human Factor Kurzanalysen’ untersuchen die dramaturgischen Prinzipien aktueller Kinofilme in Bezug auf die fünf erzählerischen Grundfragen, welche im Buch „Dimensionen filmischen Erzählens“ von Roland Zag (Herder-Verlag Freiburg) ausführlich behandelt werden. Daraus ergibt sich ein abschließendes Gesamtbild für die mögliche Marktresonanz des Films. 

 

WARNUNG: ‚Human Factor Kurzanalysen’ können Spoiler enthalten! 

 

 

DER FALL COLLINI 

B: Jens Frederik Otto, Robert Gold, Christian Zübert 

nach dem Roman von Ferdinand v. Schirach; 

R: Marco Kreuzpaintner

 

Erzählabsicht

 

Wenn man nur den Mut hat, intensiv genug zu forschen und sich gegen mächtige Gegner zu stellen, entdeckt man hinter scheinbar banalen Verbrechen weltgeschichtliche Tragödien. Dabei entspricht herrschendes Recht nicht immer unserer Vorstellung von Gerechtigkeit. 

 

Als unerfahrener Anwalt wird KASPAR (Elyas M’Barek) mit einem rätselhaften Fall betraut: COLLINI (Franco Nero) hat den bedeutenden Unternehmer MEYER (Manfred Zapatka) ohne ersichtlichen Grund erschossen. Am Motiv ‚Mord’ scheint kein Zweifel. Einziger Haken: Meyer war Collinis liebevoller und großzügiger Ziehvater, und die Verstrickung mit der Familie schließt auch eine Liebesgeschichte mit Meyers Enkelin JOHANNA (Alexandra-Maria Lara) mit ein. Gegen die Widerstände des gegnerischen Anwalts MATTINGER (Heiner Lauterbach) findet Kaspar heraus, dass Meyer tief in Nazi-Gräuel verstrickt war. Collinis Tat scheint auf einmal verständlich – und sie resultiert daraus, dass im Nachkriegsdeutschland die Verfolgung der Kriegsverbrechen durch Ex-Nazis systematisch unterbunden wurde. 

 

Zugehörigkeiten

 

Kaspar soll ausgerechnet den Mörder seines geliebten Ziehvaters verteidigen: Dies löst einen Loyalitätskonflikt aus, der den Anwalt allerdings nicht allzu sehr belastet. Weniger klar wird die Verbindung mit dessen Enkelin Johanna. Es könnte sein, dass sie den Anwalt wirklich liebt – wahrscheinlicher aber ist, dass sie ihn nur benutzt. Die Frage wird nie beantwortet. Auf die Erzählung dieser wichtigen Ebene investiert der Film auch nicht viel Energie. So bleiben die Beziehungsgeflechte um Caspar – welche auch eine Affaire mit einer Pizza-Fahrerin und die Aussöhnung mit seinem ungeliebten Vater einschließen. Auch diese wirken eher diffus. 

 

Emotional wesentlich greifbarer wird das, was sich einst in Italien abgespielt hat. Obwohl Collini als Kind nur wenige Szenen mit seinem Vater hat, liegt doch das emotionale Zentrum eindeutig dort. Der lebenslange Hass auf den sadistischen SS-Mann Meyer wird glasklar. Auch Collinis Verbindung mit  dem italienischen Sohn des Übersetzers zieht kurze, aber starke Momente nach sich.  

 

 

Wertekonflikt(e)

 

Antagonistisch stehen sich hier die Vorstellung von ‚moralischer Gerechtigkeit’ und ‚tatsächlicher Rechtsprechung’ gegenüber. Beide Begriffe sind alles andere als deckungsgleich. Moralisch scheint Collinis Bedürfnis nach Rache an Meyer gerechtfertigt, aber nur, weil das deutsche Rechtssystem vorsätzlich manipuliert wurde, sodass die Strafverfolgung von Nazi-Tätern juristisch vereitelt blieb. Im Zentrum stehen letztlich nicht nur Collini, Kaspar, Meyer oder Mattinger, sondern auch die deutsche Justiz. 

 

Aus diesem Gegensatz von Recht und Gerechtigkeit entspringt auch Kaspars Entschluss, den Mörder seines Ziehvaters zu verteidigen. Der Anwalt versucht, Persönliches und Professionelles zu trennen. Dies führt ihn in immer kompliziertere Verwicklungen. Allerdings wird Kaspar davon emotional wenig tangiert. Der Wertekonflikt vermittelt sich zwar dem Publikum, doch weniger der Hauptfigur. 

 

Regelwerk

 

Als Gerichtsdrama folgt der Film den Regeln der Prozessordnung. Diese stehen zwar immer wieder im Mittelpunkt, weil Kaspar ständig Abweichungen von der Norm fordert. Allerdings wundert man sich ein wenig, wie leicht es dann doch immer wieder ist, gegen die Regeln des Verfahrens zu verstoßen. Ein wirklich realistischer Kampf mit dem Regelwerk des Rechtssystems sähe vermutlich anders aus. 

 

Erzählordnung/Perspektivwechsel

 

Lange Zeit ist der Fall des schweigsamen Mörders Collini einerseits rätselhaft und andererseits nicht besonders spannend, denn am Tatbestand ‚Vorsätzlicher Mord’ herrscht kein Zweifel. Die erste Hälfte des Films konzentriert sich deshalb auf die Schilderung der Verstrickung von Kaspar mit der Familie des Mordopfers. Indem hier, wie beschrieben, die Zugehörigkeiten eher undeutlich ausgebildet sind – vor allem zwischen Kaspar, Johanna und der Pizzabotin – bleibt die gesamte erste Hälfte blass. Einen echten ersten Wendepunkt sucht man lange Zeit vergeblich. 

 

Der Perspektivwechsel ergibt sich erst, sobald die Verstrickungen Meyers in die SS zum Thema werden, und das geschieht etwa in der Mitte des Films. Das emotionale Zentrum verlagert sich nun sehr klar auf den zweiten Teil des zweiten Akts. Hier wird es heftig, und hier entwickelt der Film seine dramaturgisch größte Wucht. Der dritte Akt allerdings wechselt wieder das Thema und behandelt ein Stück Rechtsgeschichte der Nachkriegszeit, spielt sich also auf einem eher rational-theoretischen Level ab. 

 

So besteht „Der Fall Collini“ aus einer überlangen und wenig intensiven ersten Hälfte; einer emotional heftigen Rückblende ins Italien des Jahres 1944, und dann wieder einem ganz anders gelagerten letzten Teil, der wieder neue Räume erschließt. 

 

Gesamtbild

 

„Der Fall Collini“ ist ein aus deutscher Sicht zweifellos wichtiger Film, der unbequeme Wahrheiten spannend diskutiert. 

 

Dennoch hat er mit einer thematischen Unwucht zu kämpfen, denn die zwischenmenschlichen Aspekte sind zu wenig ausgearbeitet, um das Publikum einzuladen, sich wirklich mit Haut und Haar für Kaspars Fall zu interessieren. Die Hauptfigur wirkt emotional nur selten richtig beteiligt. So entwickelt sich die emotionale Tiefe erst spät, muss dann aber wieder einer eher theoretischen Erörterung über die deutsche Nachkriegsrechtsprechung weichen. 

 

Insofern wird man zwar bei den gebildeten und historisch interessierten, vorwiegend älteren Publikumsschichten gewiss ein solides Interesse an dem Film erwarten können (auch aufgrund des Hauptdarstellers, der allerdings ein viel jüngeres Publikum anlockt), doch mitreißende Wucht entfaltet sich nur phasenweise. Am angespannten Kinomarkt könnte diese dramaturgische Unwucht am Ende doch zu Einbußen und nur mittelmäßigen Zahlen führen.

 

München, 13.4.2019

 

Roland Zag

Quelle: Constantin Filmverleih